Reifen und Vergehen

Heute gibt´s mal ein Lied von mir. Aber zuerst ein paar Hintergrundinformationen. Das Lied entstand aus einem traurigen Anlass heraus.
Ich will seit einem Theater im letzten Sommer mit einem der mitspielenden Schüler Kontakt aufbauen. Er war sehr abwesend, zurückgezogen, Gefühlsarm. Ich wollte und will helfen bevor er abstürzt. Bei meinen Recherchen zu ihm bin ich über was sehr uncooles gestolpert. Dieser Schüler (Lucas*) hatte einen sehr guten Freund mit dem er viel unternahm. Dieser Freund (Christian*) wurde dann im Alter von 9 Jahren überfahren und verstarb auf dem Weg ins Krankenhaus. Direkt bei meiner Arbeitsstätte ist ein Baum mit einem Gedenkplatz. Seither bin ich immer wieder da, bringe einfach Blumen, gieße die Pflanzen, bete kurz… Seit etwas mehr als 2 Jahren ist Nick nun nicht mehr bei uns…
Auch wenn ich ihn nie persönlich kannte kenne ich seinen Bruder der auch im Theater mitgespielt hat. Aus irgendeinem Grund berührt mich das immer wieder. Und daher hab ich irgendwann angefangen ein Lied zu dichten. Zur Ehre von Nick und anderen! Jede Strophe steht für ein Kind, und doch überlagert sich viel. Viel mehr als beabsichtig


Das Lied ist der Text zu Leonard Cohan’s Hallelujah:

Reifen und Vergehen – Ausschnitte aus dem Leben (und sterben) junger Menschen

Zu Anfang war ein Kindlein klein,
geboren, gewachsen um groß zu sein,
und leben wollt das Kindlein später ganz allein!
Doch Reifen braucht, man glaubt es kaum,
viel Kraft und Zeit und noch mehr Raum,
doch ist’s geschafft, singst du laut „Hallelujah“!

Dein Leben ist ne Achterbahn,
durch Höh’n und Tiefen bist du gefahr’n,
und doch bist du perfekt so wie du vor mit stehst!
Ich zeig dir wie das Leben geht,
wie man, zu sich und andren steht,
und fordere dich auf, sing „Hallelujah“!

//Musik um einen Ton nach oben transponiert

Ein Mensch so klein, so schick, so fein,
und denkt die Seele, „ich will jetzt wein‘“,
dann ziehst du dich zurück und bist für dich allein.
Und wenn der Alltag weiter geht,
und alles sich ums lernen dreht,
dann stimm mit ein und sing mit „Hallelujah“!

//Musik wieder auf normaler Lage

Der Kopf ist schwer, die Rübe leer,
doch sehnst du dich, so sehr nach mehr,
dann lässt du alles los und spürst die Freiheit.
Zu leben und zu fühlen ist,
das größte, schönste, beste Fest,
drum sing und tanz und freu dich, Hallelujah!

//Musik wieder um einen Ton nach oben transponiert

Dein Leben scheint uns nicht sehr lang,
doch lebtest du ohne Druck ohne Zwang,
und warst zu deiner Lebtag unser Sonnenschein!
Jetzt schaust du uns ganz sorglos zu,
denn du hast jetzt die ew’ge Ruh,
und singst mit allen Engeln: „HALLELUJAH“!

Ich hatte in meinem Leben noch keinen bewussten Kontakt mit dem Tod. Mal ein Meerschwein, mal einige Vögel meiner Mutter, aber betroffen war ich davon nie.
Ich hab das Gefühl Gott will mir mit Christian* zeigen wie ich mit Tod umgehen kann. Meine Großeltern werden nicht mehr ewig leben. Und es ist seltsam. Ich habe manchmal eine unmenschliche Kälte und sachbezogene Denkweise, aber manchmal bin ich total emotional. Ich kann das umschalten. Aber ich mag nicht der kaltblütige Autist sein. Ich möchte der Mensch mit Gefühlen, Wahrnehmung und Schmerzen sein. Denn das ist das, was mich zu dem gemacht hat der ich bin. Und ich bin stolz auf bestimmte Entscheidungen in meiner Vergangenheit. Besonders stolz bin ich darauf, dass ich fair geblieben bin. Auch in den korruptesten Kämpfen. Auch in der schwersten Zeit. Ich bin mir, oder zumindest dem was ich war, treu geblieben. Und das möchte ich weiter geben: „It’s OK to be YOU!“ bzw. „Du bist gut so wie du bist!“

Be blessed
Markus

*Namen abgeändert

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Der Autor des Textes: Markus ist 20 Jahre alt und packt Erlebnisse mit anderen Menschen oder aus seinem eigenen Leben in berührende und zum Nachdenken anregende Kurzgeschichten und Lieder die er hier veröffentlicht.
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