Farid der Träumer

Farid will weg. Für ihn gibt es in Alexandria keine Zukunft, so glaubt er: ohne Job, ohne Pass, ohne Aussicht auf Familie. Die Muslimbrüderschaft will ihn für sich gewinnen, doch Farid traut ihnen nicht. Wie soll er aber seinem Freund Rami von dem Plan erzählen? Und wo soll er hin?

...Farid setzte sich den zerkratzten Helm auf, den Rami sowieso nie trug. Beide setzten sich rittlings auf Ramis rotlackierte Vespa, mit der er um die Tramstation "Mehatit Raml" herum Essen ausfuhr - so, wie viele andere, die keine Arbeit fanden. Im Stillen bewunderte Farid Ramis Fahrstil. Natürlich sagte er das nicht, aber es gefiel ihm, wie Rami sich unverfroren zwischen den Autokolonnen durchschlängelte oder, jede Lücke nutzend, an den Blechkarossen verbeidrängte.

Ein Geständnis
Farid war froh, dass Rami heute seinen freien Abend hatte. Er brauchte ihn. Nach Hause konnte er nicht, also musste Rami her, sein bester Freund. Und Rami kam. Er merkte, dass Farid nicht gut drauf war. Rami versuchte ihn aufzuheitern, indem er besonders elegant rechts überholte und sich trotz wütenden Hupens vorn an einer trödelnden Blechschlange wieder reindrängelte. Farid wurde tatsächlich durch die waghalsigen Manöver abgelenkt und lachte, als ihn ein Minibusfahrer durch die Windschutzscheibe hindurch anbrüllte. "Du bist in Ägypten, Mann!", hielt er ihm entgegen und schon waren sie weiter, kamen an ihrer Stammcafeteria in der Port-Said-Straße an. Auf den wackeligen Holzstühlen an Minitischen saßen - natürlich - nur Männer allein mit einer Zeitung oder den Blick auf die Fernsehmattscheibe gerichtet, auf der Al-Ahly der Club in Rot, seine Fußballkünste zeigte. Farid und Rami bestellten Tee und warteten auf die anderen. "He, was ist los mit dir?", eröffnete Rami das unvermeidliche Gespräch. Farid schlürfte und schluckte an dem heißen Glas und sah auf den hupenden und stinkenden Verkehr hinaus, als habe er die Frage gar nicht gehört. Hinter ihnen schrien die Ahly-Fans angesichts eines spektakulären Tores, einige riss es von den Stühlen. "Ich muss hier weg, Rami. Und zwar schnell", raunte er seinem Freund zu. "Was? Farid, was faselst du denn da?", gab er zurück und stützte sich mit den Ellbogen auf das unstabile Blechtischchen zwischen ihnen. Farid lehnte sich auf seinem Stuhl nach hinten und verschränkte die Arme. "Rami, ich meine es ernst. Ich kann hier nicht mehr bleiben, verstehst du?", presste er zwischen den Zähnen hervor, während die Fußballfans erneut gefühlsstarke Kommentare von sich gaben und erzählte in verhaltenem Ton, wie sein Ex-Chef höhnisch seinen Pass vernichtet hatte. Rami wurde immer nachdenklicher, atmete hörbar aus und ließ nun seinerseits wachsam die Augen über die anderen Cafébesucher schweifen. Abewr die waren mit sich selbst beschäftigt.

Wiedersehen mit alten Freunden
"Aber wo willst du hin, ohne Pass?", meldete sich Rami nach einer Weile unsicher zu Wort. Farid leckte sich kurz über die Lippen. "Ich weiß noch nicht genau", spann er nach einer Weile den Faden weiter. Bevor Rami nachhaken konnte, erschienen ihre Freunde Samy und Sherif, der eben erst mit der Arbeit fertig war. "Na, wie geht´s euch so?", begrüßte Sherif die beiden, während sich alle die Hände schüttelten, mehrfach Küsschen auf die Wange gaben und locker auf den Rücken klopften. Sie tauschten Floskeln aus, konterten die ironischen Antikomplimente und Samy zündete sich eine Zigarette an. Die Atmosphäre wurde lockerer. Dann erzählte Farid: "Ich hab jetzt auch keine Arbeit mehr." Die Neuankömmlinge bestürmten ihn sofort mit neugierigen Fragen, auf die er ausweichend antwortete. Er nahm einen letzten Schluck und vermied sorgfältig die losen Teeblätter mit hinunterzuschlürfen. "Ich frag´mich ...", fuhr er fort und rückte seinen Stuhl noch näher an den Tisch, "wie das noch weitergehen soll im Land. Von diesem Mubarakgesindel wirst du ja nur getreten."

Hoffnung für die Zukunft
Nun ließ auch Sherif verstohlen den Blick über die anderen Gäste gleiten. "Der Cousin von meinem Schwager , Abd al-Hamid, wollte sich bei den Kommunalwahlen aufstellen lassen. Aber kurz vorher haben sie ihn abgeholt, eingebuchtet und seither nicht mehr rausgelassen, die Hundesöhne!" Samy zündete sich nervös die nächste Zigarette an. "Mubaraks Hunde hassen die Muslimbrüder", zischte es aus Sherifs Mund. "Die foltern und foltern und keiner regt sich auf." Die anderen schwiegen und dachten sich ihren Teil. "Ich hab´ gehört, dass was geplant ist. In Kairo wollen sie demonstrieren, er soll endlich gehen - mitsamt seinem feinen Herr Sohn." Sherif machte eine Pause, aber nur, um sich nochmals umzusehen und dann nachzulegen: "Ich finde, wir sollten schauen, dass wir hier in Alex auch was auf die Beine stellen. Alles ist besser als der Alte - ich kann seine Fratze nicht mehr ertragen." Alle kannten die meterhohen Poster vom returschierten Konterfei, des über achzigjährigen Diktators, die an den Hochhauswänden, öffentlichen Gebauden, Werbetafeln hingen, seit dreißig Jahren die gleichen. Aus dem Lautsprecher einer nahe gelegenen Hausmoschee plärrte blechern und viel zu laut der Gebetsruf. Sherif setzte erneut an: "Ich hoffe, es gibt bald richtige Wahlen. Bei denen man wählen und sich zur Wahl aufstellen lassen kann. Dann werden endlich die Muslimbrüder gewählt und wir werden belohnt für all die Verfolgungen, die Folter und alles. Außerdem soll uns das jemand nachmachen, dass wir so viel Gutes getan haben.: die Krankenhäuser, Hilfsdienste und das. Das vergessen die Leute nicht." "Ja, da ist was dran", ließ sich auch Samy hören. "Mir gefällt ihr Programm, eine Moschee zu bauen und immer gleich die Schule daneben - und vor allem den Sportplatz dazu! Supergut."

Der Traum junger Muslime
Rami hätte wahrscheinlich jetzt auch gutmütig etwas zum allgemeinen Lob der Brüderschaft beigetragen, aber nachdem Farid nichts sagte, schwieg auch er und nippte bedächtiger als sonst an seinem Tee. Draußen flanierte eine traditionelle muslimische Familie vorbei: der junge Vater mit Bart und weißer Galabeyya*, Käppi und schlafendem Kleinkind auf dem Arm, die Frau, komplett in schwarze Gewänder gehüllt, nur durch einen Augenschlitz mit der Welt verbunden, schwarze Handtasche, schwarze Socken, schwarze Schuhe. Wie von einem Magneten angezogen, verfolgen die Freunde das Schauspiel, bis die kleine Familie außer sicht war. Keiner brauchte auszusprechen, dass hier der simple und doch unerreichbare Traum aller jungen Muslime vorüberging. Und Sherif wusste genau: Man brauchte nur in die Muslimbrüderschaft eintreten und sie sorgten für alles, bei Allah! Man half sich, aber die Brüder stellten sich auch glasklar gegen alles Westliche, das galt als unmoralisch. Rami fand aber deutsche Autos cool. Und Farid mochte Jeans. Und die T-Shirts mit den reißerischen Aufdrucken. Aber das schlagendste Argument war für ihn, wie sie Ehab behandelt hatten, seinen Vetter. Der war eine Zeit lang dabei gewesen, aber als er raus wollte, hatten sie ihn richtig fertig gemacht. Er hatte alles verloren, alles. Farid verspürte einen ekeligen Geschmack im Mund, er hatte genug ...

*langes Baumwollgewand für Männer, meist von den unteren Schichten in Ägypten getragen.


Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch
"Farid der Träumer" von Birgit Hämmerle,
SCM Hännsler, € (D) 12,95 /  € (A) 13,40 / CHF 19,50.
Das Buch beschäftigt sich mit den Geschehnissen
des arabischen Frühlings aus der Sicht eines Jugendlichen
und umfasst ein ausführliches Lexikon arabischer Begriffe

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