Chill mal deine Basis

Lesedauer: 3min

Was ist eigentlich Müßiggang?

"Müßiggang ist aller Laster Anfang", warnt dich deine Oma? Die Bedeutung des Wortes wurde jahrelang verschüttet und vergessen. Höchste Zeit, sie wieder auszugraben.

Hey du,
"Immer nach ´nem Nickerchen kommen mir die besten Ideen", singt Bosse auf seinem aktuellen Album. "Die kleinen Dinge sind die großen und eben auch andersrum. Gegen das System für mein Immunsystem. Das Leben ist ein Büffet, wenn ich im Müßiggang geh." Er hat moderne Worte gefunden, für eine Lebenseinstellung, die vor ihm schon Platon und Goethe kennen- und lieben gelernt haben. "Dolcefarniente" - das süße Nichtstun -, dieser Begriff aus Italien trifft es: Beim Müßiggang machst du fast nichts. Es sind genussvolle Zeiten in denen du dich für schöne oder eben keine bestimmten Aktivitäten entscheidest, ohne dass sie einem bestimmten Zweck oder einem tieferen Sinn dienen müssen. Ohne Hektik und Zwang erlaubt sich der Müßiggänger allen Pflichten den Rücken zuzudrehen und etwas ganz anderes zu machen. Dazu braucht er keinen speziellen Grund. Nein, er nimmt sich bewusst Zeit: Zeit zum Leben, Staunen und Dasein im Hier und Jetzt.

Gegen das System
Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Gesellschaft harte Arbeit als Pflichtprogramm und Wertkriterium antrainiert. Auch Glaubensvorbilder wie Martin Luther waren Fans von Arbeit: "Der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen." Häufig wird Müßiggang mit Faulheit gleichgesetzt und treibt die Menschen dazu, zu emsigen Bienen zu werden, die die Schönheit der Blume nicht mehr sehen, aus der sie gerade Saft abzapfen. Weiter, höher, schneller, besser. Dabei wird der fleißigsten Biene schwindelig. Der Müßiggang entzieht sich diesem System und entschleunigt das Leben. Das Prinzip ist kein rein weltliches: Die Bibel sagt schon in Prediger 3, dass es für alles seine Zeit gibt, auch zum Chillen. Und Jesus ruft in Matthäus 11,28 dazu auf: "Kommt alle her zu mir, die ihr müde seid und schwere Lasten tragt, ich will euch Ruhe schenken." Entgegen aller Trends, 24/7 erreichbar und leistungsfähig zu sein, hat Gott vorausschauend einen Ruhetag nach sechs Tagen Arbeit angesetzt.

Zeit für Details
Hast du mal eine Zeit erlebt, in der du dich bewusst von Stress und Unruhe ferngehalten hast? Für mich waren das die Sommerferien, in denen ich mit einem Buch im Schatten lag und Wolkenfiguren phantasiert habe. Nach den Ferien war ich ausgeglichener und motiviert, meinen Alltag kreativ zu gestalten. Die Klausurenphase vor diesen Herbstferien hat mich zwar wieder durcheinander gebracht, aber dann gab es ja neue Ferien. Phasen, in denen du zu dir selbst kommst und merkst, was dir wichtig ist und was du gerne machen würdest sind wertvoll. Sie schaffen eine Basis, auf der du Neues aufbauen kannst. Darum hängen viele Künstler Tagträumen nach, nehmen sich Zeit für Details, lassen sich inspirieren. Wenn du dich festgefahren hast - in einem Hobby, mit einer Aufgabe, in einer Freundschaft - kann eine Auszeit helfen, den Knoten zu lösen. Außerdem lernst du dich selbst besser kennen: Kommst du so lange mit dir alleine klar oder wärst du gerne anders? Das kann grundlegende Fragen aufwerfen, aber da hast dir ja Zeit genommen, sie zu beantworten.

Müßiggang im Kleinen
Dieser Text ist keine Allround-Erlaubnis, sich auf´s Sofa zu gammeln und aus Prinzip das Lernen zu verweigern. Trotzdem stehen dir Ruhephasen zu, die du selbst gestalten darfst - das müssen nicht gleich sechs Wochen Urlaub sein. Du kannst Leerlauf einplanen oder unnötige Momente aufwerten. Wenn du zum Beispiel einen Bus verpasst hast, bedeutet das nicht zwingend eine Stunde verloren zu haben. Setz dich ins nächste Café, bestell dir einen warmen Kakao (mit Sahne - Müßiggänger sind Genießer!) und schau dich um. Vielleicht entdeckst du etwas oder jemanden, das/den du sonst verpasst hättest. Halte es aus, wenn mal weniger Termine im Kalender stehen, und lerne, Nein zu sagen. Oder du springst auf den Selfmade Trend auf, weil beim Backen, Nähen, Zeichnen deine Seele baumelt und deine Gedanken fliegen. Es gibt viele Wege müßig zu gehen. Bedien dich am Lebens-Büffet!

Be blessed
Manuel

Bildquelle: http://instaliga.com/yesheis_

Kommentare

  1. Das sehe ich auch so. Es ist mir schon mein ganzes Leben lang wichtig, Ruhe zu finden,nachzudenken, die Natur zu genießen. Obwohl ich ein recht aktiver Mensch bin und meine vierköpfige Familie versorge. Besonders gut gelingt mir das am wöchentlichen Ruhetag, an dem ich mich bewusst von Stress und Geschäften fernhalte, kaum etwas arbeite und vor allem eine tiefe Verbindung zu Gott pflege. Ich lese, bete, male, gehe spazieren, ratsche mit Freunden, habe Zeit für meine Lieben. Daraus schöpfe ich Kraft für die kommende Woche und ich fühle mich dann so anders, so leicht und zufrieden.
    Liebe Grüße Lea

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