Nur weg vom Krieg

Lesedauer: 5min

Ein 12-Jähriger verlässt seine Familie

In dem Buch "Hauptsache weg" erzählen neun Menschen von ihrer Flucht vor Armut, Hunger und Krieg. Es sind Geschichten, die erschüttern und zutiefst bewegen - weil sie das Schicksal des Einzelnen beschreiben. Und der der Verzweiflung der Vielen ein Gesicht geben.

Hey du,
ich werde in Somalia als Junge in sehr ärmlichen Verhältnissen geboren. Mit meinen Eltern, vier Brüdern und fünf Schwestern lebe ich in einem kleinen Dorf. Getrieben durch die bittere Armut und den Krieg in Somalia, beschließt meine Mutter mit mir und meinen Geschwistern nach Dire Dawa in Äthiopien zu ziehen. Als Schlepper in unser Dorf kommen, und mir anbieten, mich ohne eine Vorauszahlung nach Europa zu bringen, entscheide ich mich, es zu probieren. Meine Familie ist gar nicht begeistert, als ich ihnen von meinem Entschluss erzähle. Keiner von ihnen möchte mit mir kommen, sodass ich völlig auf mich allein gestellt bin. Ich bin erst 12 Jahre alt und die Entscheidung sie zu verlassen, fällt mir schwer, doch mein fester Wille, dem Hunger und der Armut zu entfliehen, ist stärker.

Zusammengepfercht wie Tiere
Im Mai 2014 geht es schließlich los. Von Eritrea werden wir über den Sudan nach Lybien gebracht. Die ganze Fahrt über sind wir wie Tiere zusammengepfercht. Es gibt nicht genügend Platz um sich auszustrecken, was sehr anstrengend und schmerzhaft ist. So sind wir sieben Monate lang unterwegs. Als wir schließlich Lybien erreichen, werde ich mit 80 Personen in einen kleinen Raum gesperrt. Nun beginnt die schwerste Zeit meines Lebens, an die ich mich ungern erinnere. Der Platz reicht nur, um mit angezogenen Beinen in der Hocke zu schlafen. Morgens tun meine Gelenke und Muskeln so sehr weh, dass ich mich kaum bewegen kann. In der Frühe kommen Wärter und schlagen brutal mit Stöcken auf uns ein, damit wir aufwachen, Die Stöcke treffen mich auf die Beine, die Knie und die Schultern. Noch nie in meinem Leben habe ich so deutlich erfahren, wie schlecht und böse Menschen sein können.

Viele werden krank und sterben
Ich verbringe den ganzen Tag in diesem Raum. Es gibt nur ein Fenster, durch das ein bisschen Tageslicht hereinscheint. Einmal am Tag bekommen wir etwas zu essen durch das Fenster gereicht. Um unsere Notdurft zu verrichten benutzen wir Kübel, die in der Ecke stehen. Wir bekommen nie genug zu essen, sodass viele von uns krank werden und auch sterben. Mir wird gesagt, wenn ich den Raum verlasse, muss ich nach Hause gehen, oder 5000 Dollar zahlen, um weiterzureisen. Meine Mutter wird benachrichtigt, dass sie das Geld auftreiben müsse, wenn sie verhindern wolle, dass ich getötet werde. Das ist ein Shock, denn das ist unglaublich viel Geld für eine so arme Familie wie unsere.

Raus auf 's Meer
Es dauert, bis meine Mutter das Geld zusammenhat und es über Mittelsmänner den Schleppern in Lybien zukommen lässt. Doch eines Tages erhalte ich tatsächlich die unglaubliche Nachricht, dass das Geld angekommen ist und ich weiter nach Europa reisen kann. Nach vier langen Monaten, die mir vorgekommen sind, wie eine Ewigkeit, werde ich früh morgens mit ungefähr 200 anderen Menschen ans Meer gefahren und dort auf einen Schiffskutter verfrachtet. Im unteren Schiffsrumpf kauere ich mich mit angezogenen Knien in eine Ecke. Es ist unerträglich heiß und ich habe keine Möglichkeit, etwas zu sehen. Jedes Zeitgefühl geht verloren, ich werde seekrank, welhalb ich mich kaum noch an die Überfahrt erinnern kann. Wenn ich daran denke kommt noch heute dieses Gefühl der körperlichen Starre in mir hoch. Ich kann jetzt noch die Schmerzen spüren. Mit angezogenen Knien sitze ich da, die Stirn auf die Fäuste gestützt, den Blick nach unten gerichtet. Mein einziger Gedanke ist es, mich nicht zu übergeben. Innerlich bin ich auf das Schlimmste gefasst: zu ertrinken.

Sicher an der Küste von Italien
wir sind ungefähr zwei Tage auf dem Meer unterwegs, als uns ein großes Schiff der italienlischen Marine erreicht. Soldaten kommen mit Beibooten an unseren Kutter und helfen uns, auf ihr Schiff zu wechseln. Ich fühle mich leicht benommen und habe Angst, da ich nicht weiß, ob die Fahrt wieder zurück nach Lybien geht. Als ich merke, dass wir nicht wenden, bin ich dankbar und atme erleichtert auf. Die weitere Fahrt bringt uns sicher an die Küste vor Italien.
Es ist ein tolles Gefühl auf europäischem Boden zu stehen. Hier in Europa angekommen zu sein ist ein lang gehegter Lebenstraum von mir, an dessen Erfüllung ich schon nicht mehr zu glauben gewagt habe. Ich wollte nur Weg vom Krieg, Hunger und der Armut in meiner Heimat, um etwas fühlen zu können, an das ich mich kaum erinnern kann: Frieden! Weil mein Wunsch danach niemals ganz gestorben ist, hatte ich die Kraft nicht aufzugeben, sondern weiterzumachen und schließlich wirklich anzukommen.


Der Artikel ist eine gekürzte und leicht bearbeitete Version des Kapitels
"Ich möchte Polizist werden, um den Menschen hier zu helfen"
aus dem Buch "Hauptsache Weg. Flüchtlinge erzählen" von Tobias Kley.
Das Buch erschien diesen Sommer bei SCM R.Brockhaus
(€ 14,95/CHF 16.70).

Das Buch ist wirklich sehr interessant, da die Flüchtlinge, die hier zu Wort kommen aus so verschiedenen Ländern kommen und so verschiedene Gründe zu fliehen hatten, das man einen wirklich sehr guten Überblick über die Situation der Flüchtlinge bekommt.

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Bildquelle: http://instaliga.com/purmagazin

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