Zu viel des Guten

Lesedauer: 6min

Töten wir mit unserer Kreativität die Kirche?

Eine kritische Anmerkung für solche, die es immer bunter, lauter und innovativer wollen.

Hey du,
Gemeinden sind ein ausgezeichneter Ort, um unsere Talente auszuleben. Wir geben unser bestes. Je kreativer, desto besser. Das war nicht immer so. Noch vor 20 Jahren waren unsere Gemeinden seltsam aus der Zeit gefallene Paralleluniversen mit einer ganz eigenen Kultur. Die Mode, die Sprache, der Sound ... Vorbei ist die Zeit der halbherzigen Anspiele. Die Zukunft gehört den Videoclips: Mal mehr, mal weniger begabte Jungs am Technik-Pult basteln Filmchen, die als Trailer für eine Predigtserie dienen oder die nächste Konferenz ankündigen. Das Evangelium kommt nicht als Lesung, sondern als "geslammte Poetry". Hinter den öffentlichen Auftritten auf Facebook und Instagram strecken kircheneigene Quasiargenturen. Am wichtigsten ist und bleibt allerdings die Musik: Gemeinden, in denen die Worshipzeit lieblos und stümpelhaft wie ein Pflichtprogramm daherkommt, sterben langsam aus. Landauf, landab werden riesige Soundtürme aufgebaut, es wird am Sound gefeilt und mit Nebelmaschinen experimentiert, dass man sich vor der Kleinkunstbühne im Ort nicht verstecken braucht.

Wir Christen haben unsere Kreativität entdeckt. Als "Ewig Gestrige" wurden wir verschrien und zeigen der Welt jetzt, wie wenig wir uns in Stilfragen von ihr unterscheiden. Das Pendel, das einst in Richtung "Weltfremdheit" ausgeschlagen ist, haben wir mit aller Macht zurückgeholt. Wir improvisieren so selbstverständlich auf der Klaviatur der Äußerlichkeiten, dass wir die Welt überholt haben: Unsere Performance ist besser, die Soundanlage ebenbürtig, die Prediger kaum weniger aufgeregt als andere Motivational Speaker. Wir sind "State of Art".
Bei so viel Detailverliebtheit muss die Frage erlaubt sein: Ist das alles noch zielführend - oder übertreiben wir es? Töten wir - schlimmstenfalls - mit unserer Kreativität die Kirche?

Was wir suchen
Was kann mich als Schüler dazu bewegen, sonntagmorgens schon um zehn im Gottesdienst zu sitzen? Nun ja, die Gemeinde eines Freundes von mir trifft sich im Kino. Das ist insoweit ideal, weil er sich dann in einen der roten, weichen Kinosessel schmiegen und bei schummrigem Licht noch ein bisschen weiter schlummern kann. Aber es gibt noch einen weiteren Pluspunkt: Obwohl mein Freund der deutschen Sprache sehr wohl mächtig ist, leiht er sich jedes Mal einen Kopfhörer aus, um die englische Übersetzung der Pastorentochter anzuhören, die ihren Vater während der Predigt regelmäßig korrigiert und kritisiert ("Jetzt verliert er wieder mal den Faden ... Sorry für die Verwirrung, wahrscheinlich meint er ...") Nicht seht lehrreich, aber unschlagbar unterhaltsam.
Der Punkt ist: Wie viele von uns suchen sich ihre Gemeinde nach dem Spaßfaktor aus? Oder für die weniger Lustigen unter uns: Wie wichtig ist uns, dass der Stuhl bequem, die Gitarre richtig gestimmt, die Predigt ein knackiger Pep-Talk und der Kaffee danach von einem Barista zubereitet worden ist? Gebt´s doch zu: Wir wollen unterhalten werden! Ist das schlimm? Nein. Ist das der Grund, warum wir uns am Sonntag versammeln sollten? Nein.

Was Gott will
Immer riskant, wenn jemand zu wissen meint, was Gott von uns will. Ich mache trotzdem einen Versuch: Will er, dass wir ihm und einander mit unseren Gaben und Talenten dienen? Ja. Will er, dass ich diese Aussage mit einer Bibelstelle untermaure? Meinetwegen: 1.Petrus 4,10. Oder Matthäus 25,14-30. Will er, dass wir innovativ sind und ihn so anbeten, wie es und unserer Zeit passt? Ja. Abraham betete Gott auf eine andere Art uns Weise an als David und später Paulus. Brandopfer, Gedichte, Predigten, Briefe, Meditation oder Musik - es war uns ist die Frage des persönlichen Stils und letztlich auch der gesellschaftlichen Normen, wie wir Gott unsere Liebe zeigen. Bleibt die Frage nach dem Fokus: Will er, dass wir Kunst für ihn oder für ihn oder für unsere Mitmenschen machen? Für wen singen wir? Wen wollen wir beeindrucken? Für wen brainstormen wir und zehren unsere Kräfte auf?
Ihr versteht wahrscheinlich worauf ich hinaus will. Wenn wir nur noch in die Gemeinde kommen, in der wir unterhalten werden und diese Kirche andere Aufgaben vernachlässigt, weil die Selbstdarstellung eine so große Rolle spielt, dann läuft doch etwas verkehrt. Immer häufiger habe ich das Gefühl, als ginge das am Wesen von Gemeinden vorbei. Als müsse man immer tiefer graben, um hinter der kreativen Fassade noch Menschen und ihre Sehnsüchte, Hoffnungen und Gottesbeziehungen zu finden. Und glaubt mir: Ich wünsche ich hätte Unrecht.

Auf den Punkt kommen
Der Sänger Matt Redman, dem man wahrscheinlich nicht nachsagen kann, er sei ein Kunstfeind, hat mit "The Heart of Worship" einen Klassiker geschrieben der beweist, dass man manchmal auch ganz leise und einfach Gott anbeten kann: "When the music fades - all is stripped away - an I simply come ... I bring you more than an song - for a song in itself is not what you have required ..." Damals ließen sie in Matts Gemeinde einfach mal ein paar Wochen lang die Verstärker aus, um ihr Herz in all dem Trubel wiederzufinden. Weil die Ausdrucksform nicht im Mittelpunkt der Anbetung stehen sollte - nicht stehen darf. Das ist eine Erleichterung für diejenigen, die nicht "State of Art" sind, die nie den richtigen Ton treffen, im Leben noch kein Video selbst geschnitten haben - und eine Ermahnung an all die hippen, jungen, wilden, Kreativen, die nie eine andere geistliche Gemeinschaft kennengelernt haben. Ich weiß, ich liebe es auch, wenn die Band spielt anstatt dass der Kirchenchor singt und ich bin auch ein riesiger Fan von Poetry Slam. Aber ich glaube, Gemeinde ist mehr als nur das. Gemeinde sollte in manchen Dingen einfach wieder auf dem Punkt kommen. Auf Gottes Punkt.

Be blessed
Manuel


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