Reifer Glauben

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Was es mit dem Spruch "Im Glauben wachsen" auf sich hat

"Im Glauben Wachsen" gehört zum Festen Vokabular des frommen Christen-Slangs. Aber wohin wachsen wir eigentlich? Wann ist der Glaube erwachsen? Und wie kommt man dahin? Eine Spurensuche.

Hey du,
eigentlich müsste man meinen, Glaubenswachstum geschehe automatisch - ein Baby wächst ja schließlich auch, ob es will oder nicht. Dann wäre es gänzlich unnötig, auch nur ein einziges Wort über reifen Glauben zu verlieren, geschweige denn, einenganzen Artikel darüber zu verfassen. Mit einer Anzahl Glaubensjahre wäre man einfach ein reifer Christ. Bing. Fertig.
Tatsächlich ist es nicht so einfach: Einerseits werden in der Bibel immer wieder Personen als reif bezeichnet, die altersmäßig eigentlich noch viel zu jung dafür sind (z.B. Timotheus). Andererseits hält Paulus es offenbar immer wieder für notwendig, andere Christen auf geistliches Wachstum hinzuweisen.Wenn der Glaube also nicht mit dem Alter erwachsen wird - wodurch dann?

Was heißt schon unreif?
Was Paulus unter einem unreifen Glauben versteht zeichnet sich sehr gut in 1. Korinther 3 ab. Dort kritisiert Paulus, wie sehr sich die Korinther noch von ihrem "alten Ich" beherrschen lassen. Daraus resultieren Streit und Eifersucht. Die Gleiche Argumentation nutzt Paulus auch im 5. Kapitel des Galaterbriefes. Dort zählt er in aller Fülle auf, wie das Leben im "alten Ich" aussieht,. Wie er dazu kommt? Eigentlich ist sein Anliegen, die Galater zu einem Leben in Freiheit, einem Leben ohne das Gesetz zu ermutigen.Offenbar hatten die Galater dies zuvor erfolgslos versucht. Nach einer vielzahl moralischer Fehltritte beschlossen die Leiterder Gemeinde,  das Experiment mit der Freiheit zu beenden und den alten Regelkatalog wieder einzuführen. Paulus mach ihnen deutlich, dass das Quatsch ist. Denn wer versucht, das Gesetz zu erfüllen, muss ihm vollständig gerecht werden. Die Nummer mit der Gnade zieht damit nicht mehr. Statt sich wieder an Regeln zu klammern, sollten sie sich der Herausforderung stellen und ihre Freiheit wahrnehmen. Dabei zeigt er, ein Leben in der Freiheit Gottes ist vor allem deswegen so schwierig, weil es einem die Wahl lässt zwischen dem alten, selbstsüchtigen Ich und dem Leben mit Gott. Es gibt keinen Regelkatalog mehr, den man einfach stumpf abarbeiten kann um richtig zu liegen. Stattdessen ringt das egoistische Ich ständig mit den Möglichkeiten Gottes. Dafür resultiert aus solch einem Leben aber auch ein reifer Glaube der Liebe, Freude, Friede, Freundlichkeit, Güte und Treue hervorbringt (Galater 5,22).

Reifer Glaube ist nicht verallgemeinerbar
Die erste Feststellung lautet also: Es gibt keinen 10-Punkte-Plan, den man bloß abzuarbeiten braucht, um im Glauben zu reifen. Was zugegeben banal klingt, unterläuft uns häufiger als wir meinen: Wir stellen Regeln auf, die nach unseren Vorstellungen ein guter oder reifer Christ zu erfüllen hat: Jeden Sonntag in die Kirche gehen, kein Sex vor der Ehe, nicht geschieden sein ...
Unterm Strich tragen wir oft sehr eingefahrene Vorstellungen von reifem Glauben mit uns rum. Dass wir damit keinen reifen, sondern einen menschlichen Glauben pflegen beweist nicht nur Galater 5, sondern auch zahlreiche andere Geschichten von Jesus selbst.
Umgekehrt bedeutet das nicht, dass der Lifestyle eines Christen vollkommen egal ist. Das Leben mit Gott ist von einer anderen Haltung geprägt. Dem Blick auf Jesus. Wer mit Gott lebt, löst sich von dem selbstsüchtigen Ich und gibt sich immer wieder ganz Gott hin. Wer mit Gott lebt, verzichtet auf das Recht zu wissen, wo der Hase langläuft. Dass diese Nachfolge eine Veränderung deines Lifestyles mit sich bringt (und machen wir uns keine Illusionen - diese Veränderungen kosten uns etwas) beschreibt uns die Bibel an etlichen Stellen: Abraham verlässt sein Land, Mose muss nach Ägypten, die Jünger lassen ihre Netze liegen, Zachäus zahlt seine Schulden zurück ... Aber: Was das Ganze kostet, das lässt sich nicht verallgemeinern. Nicht jeden fordert Jesus auf ihm leiblich nachzufolgen oder sein ganzes Vermögen aufzugeben. Jesus wendet sich jedem Menschen persönlich zu. Was jedoch immer gilt: Es geht darum, das Steuer über sein eigenes Leben abzugeben. Im Vertrauen darauf, dass es einen gibt, der viel besser weiß, was gut für dich ist und der einen Plan für dein Leben hat, ihm einen Sinn und eine Bestimmung geben will.

Orte des Wachstums
Wenn wir mit Gott leben, dann lebt alles von unserer lebendigen Beziehung zu ihm. Wir müssen uns immer wieder auf´s neue nach ihm ausrichten. Gott kann uns nur dort weiterbringen und im Glauben wachsen lassen, wo wie ihm die Führung abgeben und ihm unser Leben hinlegen. Wo wir uns seinem Geist aussetzen. Das geschieht maßgeblich an drei Stellen: Zum einen wirkt der Heilige Geist ganz konkret dort, wo wir im Gebet sind und mit Gott reden, ihn anbeten oder lobpreisen. Klingt banal, aber sind wir mal ehrlich: Wie häufig fragen wir zuerst alle möglichen Menschen um Rat, bevor wir beten? Wie oft beeinflusst letztlich das, was andere über uns sagen (werden) mehr unser Handeln, als das, was wir im Gebet von Gott erfahren haben?
Zum anderen - hier auch keine Überraschung - findet sich eine ordentliche Portion Gottes Geist in der Bibel. Wer einen reifen Glauben haben möchte, sollte sich regelmäßig mit der Bibel auseinandersetzten. Denn in ihr stellt sich Gott uns vor. Sie ist die Anleitung für das Leben für das wir bestimmt sind. Die Bibel soll die Grundlage unseres Gottesbildes und unseres christlichen Lebens und Handelns sein. Dabei darf sich unsere Erkenntnis auch mal von der anderer unterscheiden, solange wir sie guten Gewissens vor Gott vertreten können. Wir müssen nichts blind nachmachen, was eben schon immer so war. Wir dürfen nach eigenen Begründungen suchen, Bibelstellen auslegen, zu einem Urteil kommen und dieses auch immer wieder überdenken. Biblische Texte sind keine Matheaufgaben, bei denen es nur eine richtige Lösung gibt.
Der dritte Ort des Wachstums ist die Gemeinde. In Galater 6, 2 ermutigt Paulus die Gemeinde, die Herausforderung des Glaubens gemeinsam zu tragen: "Einer trage des anderen Lasten und so werdet ihr das Gesetz Christus erfüllen." Ein absoluter Einzelgänger wird schwerlich im Glauben wachsen, da der Heilige Geist vor allem in der Beziehung zu anderen Christen aktiv wird. Erst durch gelebte Nächstenliebe - also gemeinsam - erfüllen wir das Gesetz Gottes. Wir brauchen uns, um uns gegenseitig zu lehren, ermutigen und anzutreiben. Und ja, manchmal auch um einander zu ermahnen.

Die Sache mit der Reife 
Der Weg zu einem reifen Glauben ist eine Entscheidung. Die Entscheidung für ein Leben und Wachsen mit Gott. Er benötigt eine Pflege meiner Beziehung zu Gott und der Weisung anderer. Als die Jünger Jesus nach wahrer Größe im Reich Gottes fragten, stellte er ein Kind in ihre Mitte und weist sie an, wie dir Kinder zu werden (Matthäus 18, 1). Besonders reif im Glauben ist also nicht derjenige, der besonders viel zu wissen meint, der über viel Können verfügt und vieles aus eigener Kraft schafft. Derjenige, der sich seiner menschlichen Grenzen bewusst ist und sich deswegen mit allem was er hat in die Arme Gottes wirft, erweist sich letztlich als der reifere Christ. Bei Gott ist der Kleinere eben der Größere (Matthäus 20,27). Im Glauben wachsen, bedeutet sich immer wieder neu auf Gott auszurichten und ihm von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Verstand nachzufolgen. Es bedeutet, das Steuer abzugeben und sich auf eine Reise ins ungewisse zu begeben. Eine Reise auf der Gott noch so vieles für dich vorbereitet hat und auf der er mit dir etwas reißen will. Bist du dabei?

Be blessed
Manuel


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