Der Zweidrittel-Jesus

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Warum wir uns wieder neu auf Jesus ausrichten sollten

Wenn man im Navi auch nur einen einzigen Buchstaben falsch eingibt, kann es sein, dass man sein Ziel um Hunderte von Kilometern verfehlt, wenn nicht sogar um Tausende. So viele Menschen schießen aus einem ähnlichen Grund mit ihrem Glauben an der ursprünglichen Idee von Gott vorbei. Mahatma Gandhi, der Kopf der indischen Unabhängigkeitsbewegung, sagte: "Ich mag euren Christus, aber ich mag eure Christen nicht. Eure Christen sind Christus gar nicht ähnlich." Autsch! Der ging ins Schwarze. Leider ist es aber Tatsache, dass viele Menschen einem einseitigen Jesus nachfolgen.

Hey du,
an was für einen Jesus glaubst du? Ist dein Jesus völlig vermenschlicht und nur noch irgendein sozialer Birkenstock-schlurfender Philosoph, der mit verklärtem Lächeln ein paar Lebensweisheiten von sich gibt? Ist er ein strenger, humorloser Polizist, der darauf achtet, dass dein Leben innerhalb der Anti-Spaß-Markierung verläuft? Oder ein Che Guevara, der rebellisch die Mächtigen bekämpft und die Gesellschaft umstürzen will? Vielleicht auch ein gnadenüberlaufender Pazifist, der überall Blümchen und Peace-Parolen an die Häuser sprayt und jeden allversöhnerisch in den Himmel liebt? Möglicherweise ist dein Jesus auch ganz anders und hat überhaupt nichts Menschliches mehr, weil er so göttlich ist? Oder dein Jesus ist ein süßes Christkind, das mit leuchtendem Gesicht nach wie vor in der Krippe liegt und nie erwachsen wird.

Mein Bild von Jesus
Die einen machen ihn so heilig, dass er ein paar Meter über dem Boden schwebend nichts mehr mit ihrem Alltag zu tun hat - weit entfernt umkreist er ihr Leben wie ein Satellit die Erde. Die anderen entziehen ihm wie mit einer geistlichen Vakuumpumpe den letzten Hauch Göttlichkeit und haben dann einfach noch den philosophierenden, historisch flach gedrückten Jesus - als hätte man bei einer Zahnpastatube den Inhalt rausgedrückt. Beides macht ihn für unser persönliches Leben gleichermaßen unbedeutend.
Oft sind die Abweichungen unserer Jesusbilder gar nicht so dramatisch. Man hat einfach Vorlieben für bestimmte Eigenschaften von ihm. Wenn man supertrendy drauf ist, glaubt man euphorisch an einen stylischen "Yeah-sus". Leistungsorientierte folgen einem "Geh!-sus", der sie permanent zu irgendwelchen Aktivitäten auffordert, und Wohlstandsmenschen haben ihren "Fee-sus", der ihnen immer wieder ihre Wünsche erfüllt und zaubern kann.

Sehe ich Jesus durch Scheuklappen?
Manchmal ist unser Bild von Jesus tatsächlich etwas schief geraten. Oft wahrscheinlich aber auch einfach nur einseitig - und wir haben uns in die Zweidrittel von Jesus verliebt, die uns von unserer Persönlichkeit und unserer Geschichte her gerade am besten passen. Wenn man an die "Ich peitsch alle aus dem Tempel raus, die diesen entweihen"-Aktion von Jesus denkt (Matthias 21,12) und nur diese Seite von ihm betrachten würde, während man all die anderen Stellen ignoriert, in denen seine Liebe nur so überquillt, könnte man der irrigen Meinung werden, Jesus sei nichts als ein wütender Rohling mit einer niedrigen Frustrationstoleranz und wenig Selbstkontrolle. Ganz klar hat er diese zornige und konsequente Seite - aber sie kann nur verstanden werden, wenn man den ganzen Jesus sieht, denjenigen, der selbst für die Menschen am Kreuz gestorben ist, die ihn ans Holz genagelt haben.

Das Abenteuer, Jesus immer besser kennenzulernen
Verstehst du, was ich meine? Wir tun uns gut daran, wenn wir uns auf die Suche nach dem ganzen Jesus machen und uns nicht vorschnell mit unserem Zweidrittel-Lieblings-Jesus begnügen. Bis wir im Himmel vor ihm stehen, werden wir nie den ganzen Jesus sehen. Unser Glaube ist und bleibt unvollständig. Unfertig. Umso mehr geht es darum, das Abenteuer zu genießen, Jesus immer besser kennenzulernen und mehr von ihm zu entdecken. Ich war beispielsweise lange Zeit völlig blind für die Seite von Jesus, die sich liebend und helfend um die Nöte der Menschen kümmert. Bis ich in einer Andacht von Daniel Schneider gehört habe, dass Jesus nicht Sonntag für Sonntag in der ersten Reihe einer Kirche fröhlich seine Worship-Lieder schmettern würde. Ich schätze, Jesus würde im Zweifelsfall die Sonntagmorgensgottesdienste schon nach der Begrüßung verlassen. Er würde zum Bahnhofsvorplatz gehen. Bestimmt würde er sich in der Kirchentür noch umdrehen und sagen: „Kommt mit und unterstützt mich! Ihr wisst schon, wovon ich rede." Viele der Leute vermutlich noch nicht.

100 Prozent Jesus
Es ist wunderbar befreiend zu erkennen, dass es darum geht, dem ganzen Jesus nachzufolgen - 100 Prozent von ihm. Und alle Seiten von ihm wiederzuspiegeln. Auch wenn ich es nie perfekt hinkriegen werde.Viel zu lange habe ich mich einfach nur auf zwei, drei nette Lieblingsaspekte von Jesus fokussiert. Ich habe mich zum Beispiel lange damit beschäftigt, dass Jesus mich trotz meiner Unperfektheit liebt. Dass er jedoch andere Menschen trotz ihrer Unperfektheit genauso liebt und dass diese Liebe mich zum konkreten Handeln bewegt, habe ich oft ausgeblendet. Ich bin und bleibe unperfekt, unfertig. Aber es gibt einen großen, entscheidenden Unterschied: Es geht nicht darum, Jesus mit 100 Prozent Perfektion einem Teil von Jesus nachzufolgen. Der Schlüssel liegt darin, mit 100 Prozent Hingabe dem ganzen Jesus nachzufolgen - ohne sich dabei von der eigenen Unperfektheit irritieren zu lassen.

Jesus selbst hat uns die Wahl zwischen verschiedenen halbherzigen und teilwahren Versionen von ihm nicht gelassen. Er war ganz Gott und ganz Mensch - eine Spannung, die sich weder aufheben lässt, noch aufgehoben werden muss. An was für einen Jesus glaubst du? Welchem Jesus folgst du nach? Einer weich gespülten Schmalspurversion? Oder dem kraftvollen Sohn Gottes, der die Macht hat, alles in deinem Leben zu verändern?

Be blessed
Manuel


Bildquelle: https://instaliga.com/youversion

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