Das Helden-Dilemma

Lesedauer: 6min

Von Rittern, Drachen und meinem Alltag

"Wir brauchen keinen großen Glauben. Nur einen Glauben an einen großen Gott." - Hudson Tailer

Hey du,
Als Jesus sich eine wilde Truppe aus unperfekten Persönlichkeiten zusammenstellte, um eine Weltrevolution mit einem Ausmaß zu starten, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte, forderte er diese Menschen nicht bloß auf, an ihn zu glauben. Er lief nicht an Petrus und Andeas vorbei und rief ihnen zu: "Hey Jungs, glaubt an mich!" Worauf sie ihre Köpfe zu ihm drehten und zurückriefen: "Aber klar doch, das tun wir! Wir müssen allerdings noch rasch `ne Abwesenheitsnotiz bei Outlook einrichten, `ne Abschiedsparty feiern, einen Nachmieter für die Wohnung suchen..." Und dann winkten die Brüder Jesus nach, während dieser fröhlich einen Christlichen Superschlager pfeifend seines Weges zog. Nein. Er forderte sie auf, ihm nachzufolgen. Das bedeutete einen radikalen Lebenseinschnitt, er würde alles bis ins Detail durchdringen, sie aus ihren Jobs reißen, von den meisten ihrer Freunde und Familienmitglieder trennen...
Bääm, das sitzt! Ich bin aufgerufen, alles was mir lieb geworden ist, hinter mir zu lassen und Jesus nachzulaufen - aber gleichzeitig hat mich Gott mit einer Familie und Menschen beschenkt, die ich über alles liebe und für die ich da sein soll. Denn das ist ja auch ein Auftrag, den ich habe. Die klare Aufforderung zur Nachfolge, die eine ungehörige Portion Radikalität in sich birgt, schmeißt mich persönlich mitten in ein gigantisches Spannungsfeld. Ich will große Stricke zerreißen und mit Jesus die Welt verändern - und bin oft durch meine Verantwortungen und meine eigenen Begrenzungen gebunden.

Gott ist größer!
Nein, ich habe nicht das Gefühl, ich müsste meine Familie und meine Freunde verlassen. Aber eins habe ich auf jeden Fall gelernt: Leben, Glaube und Nachfolge haben mit Spannungen zu tun, die sich nicht einfach lösen lassen - so gern wir das auch hätten. Für mich ist diese Wahrheit deshalb ein wichtiger Fixstern am Glaubenshimmel geworden: Gott ist größer! Er steht über allem. Egal, was wir sehen können, wir haben noch nicht mal einen Bruchteil seiner Herrlichkeit gesehen. Das erkannte auch Jesaja, der einen Blick in den Himmlischen Tempel werfen durfte: "In dem Jahr als der König Usija starb, sah in den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel" (Jesaja 6,1).Da darf er in die himmlischen Dimensionen reingucken, und alles, was sein Hirn erfassen kann, ist der unterste Teil von Gottes Gewand. Es scheint, als sei Jesaja schlicht überfordert gewesen mit dem, was er von Gott da gesehen hat. Genauso geht es und mit Gott - er ist leuchtender und größer als alles, was wir uns vorstellen können. "Kein Auge hat je gesehen, kein Ohr hat je gehört, und kein Mensch konnte sichjemals auch nur vorstellen, was Gott für die bereithält, die ihn lieben" (1. Korinther 2,9). Gott ist größer!

Von Rittern und Drachen
Ich liebe Heldengeschichten. Als ich noch jünger war, habe ich Nacht für Nacht damit verbracht, mich beim Einschlafen in irgendwelche Geschichten und Filme hineinzuschmuggeln und sie mit mir in der Hauptrolle zu Ende zu träumen. An meiner Affinität für Heldengeschichten hat sich bis heute nichts geändert. Sicher aber ist eine Sache anders: Anstatt mein Leben nur zu träumen, versuche ich meinen Träumen Leben einzuhauchen. In mir pulsiert nicht etwa der Mut eines verzweifelt Weltfremden, sondern vielmehr die Sehnsucht nach einem mutig Glaubenden. Und so lebe ich gemeinsam mit Gott das von ihm geschenkte Abenteuer meines Lebens.
Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin nicht der Stoff, aus dem die großen Helden gemacht sind. Während die aus dem richtigen Hold geschnitzt sind, habe ich eher mal ein Brett vor dem Kopf. Und Gott kann damit ganz gut umgehen. Dass er sich trotz seiner Heiligkeit entschieden hat, in mir drin zu wohnen, zeigt doch, dass er keine Berührungsängste hat mit meiner Unperfektheit und all dem Dreck, der sich dadurch in meinem Herzen ansammelt. Aber er steht darüber, über all dem Dreck dieser Welt und meinen Begrenzungen. Weil er einen viel größeren Horizont hat. Den Gotteshorizont.

Gott ist mittendrin
Ich habe begonnen zu entdecken, dass ich nicht zwei Leben leben muss, eines für die geistlichen Höhenflüge und ein anderes für den normalen Alltag. Ein heiliges und ein Normales. Nicht einen Wortschatz für die Kirche und einen für "draußen" brauche. Ich habe ein Leben und alles ist da irgendwie miteinander verwoben. Und Jesus ist mittendrin. Er lebt in mir, er erfüllt mich. Und das nicht nur an einem Sonntagmorgen im Lobpreis oder während wunderschönen Sonnenuntergangserlebnisse, sondern auch, wenn ich auf eine Arbeit lernen muss, die Spülmaschine ausräume oder mein Fahrrad putze. Gott ist mittendrin in meinem Alltag, während er gleichzeitig über all dem steht. Sein Gotteshorizont reich von für die Schule pauken, bis weit über den schönsten Sonnenuntergang hinaus. Ich bin begrenzt. Er nicht.
Diese Spannung hat Gott überall im Leben eingebaut. Jesus selbst hat mit dieser Spannung gelebt. Sein Auftrag war es, eine ganze Welt zu retten. Ziemlich heftig. Sein Wirkungskreis war aber auf ein kleines Gebiet am See Genezareth begrenzt. Er hat nie die Pyramiden von Gizeh gesehen, knusprige Krabben auf den Sychellen verspeist oder ein Selfie vor dem Matterhorn gemacht. Trotzdem erreichen sein Leben und seine Message heute jeden Winkel der Erde. Und neben den Hammerwundermomenten hatte er sicherlich genauso einen manchmal recht unspektakulären Alltag - vielleicht nicht mit Spülmaschine ausräumen, ber bestimmt mit Werkstatt aufräumen oder so.
Es tut so gut, ohne geistlichen Waschbrettbauch und ohne Heldenstatus mit Jesus unterwegs sein zu dürfen und zu lernen, nicht nur den eigenen, begrenzen Horizont zu sehen, sondern den allumfassenden Gotteshorizont vor Augen zu haben.

Das Rebellenherz
Ich bin kein guter "Für andere oder für Dinge"-Beter. Ich rede zwar täglich mit Gott, aber ich schaffe es nur ganz selten, an einem Thema wirklich hatnäckig dranzubleiben. Eines meiner konstantesten Gebet, meiner ersten Jahre als Christ habe ich über viele Jahre mit all meiner Inbrunst immer wieder vor Gott gebracht: "Lieber Gott, mach bitte, dass ich nicht Missionar werden muss!" Ich wollte nicht aus meiner wohligen Umgebung raus. Ich wollte Gott zwar nachfolgen, aber nicht um jeden Preis. Wie sollte ich denn bitte in einem Land, in dem ich nicht weiß, was ich essen kann, ohne gleich wochenlang Durchfall zu haben, irgendwelchen Menschen von Jesus erzählen? Heute, kann ich mir sogar sehr gut vorstellen, auf einen Missionseinsatz zu gehen oder sogar in dem Bereich zu arbeiten...
Kennst du solche Momente? Unser Herz rebelliert oft gegen Gott: Und tatsächlich lehnen wir uns oft genau gegen das auf, was Gott in uns hineingelegt hat. Gleichzeitig rebellieren wir oft auch, indem wir Gottes Horizont schmälern und ihn in unseren begrenzten hineinzuzwingen versuchen. Zum Beispiel fragen wir uns vielleicht, wie ein liebender Gott Menschen verurteilen kann, die er selbst geschaffen hat. Was ist das für ein Gott, der sich so ein System ausdenkt? Das ist eine absolut schwierige Frage, die ungeklärt bleiben wird. All die Erklärungsversuche, dass Liebe einen freien Willen bedingt, dass man sich für oder gegen Gott entscheiden kann, greifen irgendwie zu kurz. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass ich als Mensch niemals den ganzen Horizont begreifen kann, die Gott hat. Aber ich kann vertrauen - vertrauen, dass das gut und richtig und gerecht ist, was der Gott tut, der Liebe ist. Es gibt nur eins, was uns im Leben wichtig sein sollte, das ist Gott. Es gibt sonst nichts Großes und nichts Wichtigeres. Nur Gott ist groß und wir sollten ihm völlig vertrauen", hat Hudson Taylor gesagt. Eigentlich ist es doch erstaunlich, dass wir unseren Zweifeln manchmal mehr Glauben schenken, als Gottes Gedanken. Vielleicht wäre es eine gesunde Strategie mal unsere eigenen Zweifel anzuzweifeln. Stattdessen zweifeln wir insgeheim an Gottes Aussagen.

Glaube einfach an mich!
Manchmal dauert es ein bisschen, bis Gott an mein Herz vordringt. Einer der Verse, über dich ich beim Bibellesen immer wieder stolpere, ist Hebräer 11,1: "Der Glaube ist der tragende Grund für das, was man hofft: Im Vertrauen zeigt sich jetzt schon, was man noch nicht sieht." Während ich eines Tages dösend auf meinem Bett lag, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich den Glauben oft selbst verkompliziert hatte. Mich in Diskussionen und Nebensächlichkeiten verstrickt hatte. Und ich merkte, dass Gott mein Herz liebevoll aufforderte: "Glaube einfach nur an mich!"
Ich glaube manchmal sollten wir einfach unsere Zweifel und unsere Begrenzungen hinter uns lassen und in diesen kindlich naiven Glauben eintauchen. Einfach darauf vertrauen, dass Gott einen Weg sieht, egal wie verstrickt die Situation auch scheinen mag. Ich weiß nicht, warum Gott manchmal heilt und manchmal nicht. Aber ich weiß, dass Gott heilen kann. Weil ich es an mir selbst erlebt habe. Ich weiß, dass Gebet die Power hat, Gottes Kraft in unserem Leben freizusetzten. Weil Gott genau das liebt. Ich weiß, dass Glaube und Gebet die Macht haben, alles zu verändern. Und dass es nichts wunderbareres gibt, als sich mit allem, was man hat, und mit der ganzen Ladung an Hoffnung, die man aufbringen kann, auf Jesus zu werfen. Dieser naive Glaube entfaltet in meinem Leben Gotteskraft. Ich will nie verlernen, mutig auf Gottes Stimme zu hören und das zu tun, was er mir sagt. Meinen Horizont zu verlassen und mich auszurichten auf seinen unbegrenzten Horizont. Bist du dabei?

Be blessed
Manuel


Bildquelle: https://instaliga.com/youversion

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