Be the change

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Von der Herausforderung, morgen ein anderer zu sein

Wir leben in einer Welt, die sich immer schneller dreht. Wir sind eine Gesellschaft, die nach oben strebt, die etwas erreichen will.Wir wollen Fortschritt. Wir wollen Veränderung. Aber sehen wir uns nicht auch nach etwas, das bleibt?
 
Hey du,
eigentlich mag ich Kunst. Und trotzdem war das Fach Kunst noch vor ein paar Jahren mein wöchentlicher Albtraum in der Schule. Ich saß verzweifelt im Keller unserer Schule und starrte auf ein weißes Blatt Papier. Manchmal war es auch schon nicht mehr so weiß, sondern grau und verknittert von radieren. Wie soll ich bitte aus diesem weißen Blatt ein Bild machen? Ich fühlte mich irgendwie unfähig. Nicht vorbereitet auf das, was von mir erwartet wurde.
Neuanfänge, egal ob freiwillig oder um des Lebens willen, sind oft ähnlich beklemmend. Neu in einer Stadt zu sein, Freunde zu verlieren ... alles Knitter- und Radierspuren auf unserem Blatt. Ich kenne nur wenige, die dann voller Tatendrang und einem Plan vor ihrem Noch-nicht-Kunstwerk sitzen. Denn nirgends haben wir gelernt, was von uns erwartet wird. Ich kann die Stimme meines Lehrers noch hören: "Mal einfach drauf los!" Die Erwartungen an das Kunstwerk sind groß, aber die Fähigkeiten überschaubar. Also meine zumindest.

Der Traum vom Morgen
Wir leben in einer Welt, die sich immer schneller dreht. Wir sind eine Gesellschaft, die nach oben strebt, die etwas erreichen will.Wir wollen Fortschritt.
Irgendwie sieht der Tag Morgen doch immer toller aus als der Tag Heute. Morgen wird das Leben einfacher. Morgen habe ich weniger Herausforderungen. Morgen werde ich noch viel erfolgreicher sein. Morgen habe ich endlich mehr Geld und muss nicht mehr sparen. Morgen werde ich endlich meine Traumfigur haben. Morgen ist endlich der Traumpartner an meiner Seite. Morgen werde ich einen richtig großen Freundeskreis haben. Morgen werde ich einen Traumjob haben, der einfach nur wahnsinnig viel Spaß macht. Morgen wird meine Beziehung zu Jesus so richtig gut sein. Morgen werde ich nicht mehr zweifeln und tatsächlich nur noch vertrauen.
Wir schrauben unsere Erwartungen oft sehr hoch, wenn wir an Morgen denken. Wir wissen ganz genau, wie unsere perfekte Zukunft aussehen wird. Sie lächelt uns in unseren Gedanken häufig verführerisch an und wir glauben tatsächlich, dass morgen alles besser wird und wir morgen endlich so richtig zufrieden und glücklich sind - und so richtig durchstarten.

Die Sehnsucht nach etwas, das bleibt
Wir wollen gesehen werden. Wir kämpfen um Liebe, um Anerkennung. Wir sehnen uns danach, anzukommen, gesehen zu werden, geliebt zu werden. Und dazu müssen wir uns verändern. Jeden Tag. Immer im Trend sein, immer die hippsten Klamotten tragen, den neuen Slang draufhaben, auf die angesagtesten Partys gehen. Morgen ein besserer Mensch sein ...
Doch leider macht uns die Realität einen Strich durch die Rechnung. Sobald wir das Kalenderblatt abreißen und Morgen zum Heute wird, erscheint uns der Tag so gewöhnlich, so alltäglich, so schlicht. Eben wie ein normaler Tag - ohne Glitzer, ohne Schnörkel oder Feenstaub. Unsere Realität deckt sich so oft nicht mit unseren idealen Vorstellungen, wie alles sein und aussehen könnte. Vielleicht haben wir sogar unseren langersehnten Erfolg, doch irgendwie werden wir nicht so dafür anerkannt, wie wir es uns in vielen Träumen ausgemalt haben. Vielleicht haben wir endlich den Traumjob, doch da gibt es nur Papierstau im Drucker und wir müssen dem Erwartungsdruck unseres Chefs gerecht werden. Vielleicht haben wir jetzt ja einen großen Freundeskreis, doch die Freunde erweisen sich als falsch.
Irgendwie geben uns diese dauernden inneren und äußeren Veränderungen auch immer wieder das Gefühl, nie anzukommen. Das ständige Ankommen und Sich-Verabschieden geht an die Substanz. Auch wer jahrelang in derselben Rolle ist, kennt das. Wir sehen uns nach etwas, das bleibt.

Rollenspiel
"Bestätigen sie ihre Identität", immer dieselbe simple Bitte, wenn man sich nach längerer Zeit wieder für irgendwelche Onlinedienste anmelden will. Wenn ich das nur könnte? Wie soll ich etwas bestätigen, was ich nicht wirklich fassen kann? Mal ein kleines Gedankenspiel. Stell dir vor, jemand fragt dich vor laufender Kamera: "Wer bist du?" Was wäre deine Antwort? Wüsstest du überhaupt, wie du darauf spontan antworten kannst? Was wäre das wichtigste, was Menschen über dich wissen sollten? Die Frage "Wer bin ich?" geht ans Eingemachte. Sie berührt unseren tiefsten Kern, unser Herz, unsere Persönlichkeit. Viele Menschen versuchen, diese Frage zu ignorieren, weil sie es selbst nicht wissen.
Seine Identität zu kennen ist wichtig. Wenn ich nicht weiß, wer ich bin, dann können mich Veränderungen ganz schön aus der Bahn werfen. Und wenn ich unzufrieden mit mir bin, aber nicht weiß, wie ich eigentlich ticke, dann wird es mir schwer fallen, Sachen an mir zu ändern.
Schon klar, ich bin Sohn, Bruder, Schüler, Deutscher ... Allein durch meine Position im Leben nehme ich gewisse Rollen ein. Aber würden die Rollen bestimmen, wer ich bin, wäre es einfach: Rolle gewechselt und zack kann ich sagen: "Ich bin jetzt nicht mehr Fitnessstudioschwitzer, sondern Profisportler. Ich weiß, wer ich bin." So einfach ist es aber nicht.
Es gibt Rollen, die sucht man sich weder aus, noch kann man sie so schnell wieder loswerden. Anstatt zu fragen, welche Rolle ich will, muss man hier fragen, wie man diese Rolle ausfüllen will. Welche Art von Bruder will ich sein, wie will ich meine Talente nutzen?

Die Sehnsucht, durch andere zu hören, wer wir sind
Irgendwie stresst es mich, mich selbst zu definieren. Genau, wie im Kunstunterricht bin ich überfordert, weil ich nicht weiß, wieviel Platz ich noch brauchen werde und welche Farben ich nutzen will. Wann fühle ich mich denn einmal ganz bei mir, ganz ich selbst? Es ist dann, wenn ich einem Gegenüber von mir erzählen darf, wofür mein Herz brennt, was mich zum Lachen und zum Weinen bringt. Nie fühle ich mich so ganz, wie wenn ich alles sagen kann. Wenn jedes Wort in mir nach außen darf, auch, wenn mein Gegenüber vielleicht anders denkt oder anders fühlt. Um mich voll geschätzt zu fühlen, muss der andere nicht gleich denken wie ich, nicht einmal alles verstehen, sondern einfach zuhören wollen. Wir wollen durch andere sein und wir sind geschaffen, um durch anderen zu sein. Um in und durch Beziehungen zu leben. Deshalb ist es auch so schmerzhaft, wenn jemand einen selbst aus seinem Leben streicht oder verschwindet. Weil damit ein Stück eigene Identität geht. Sich selbst durch andere zu finden ist unglaublich bereichernd.

Gottes Gedanken über dich
Das Allerwichtigste, was du über dich und deine Identität hören kannst, wirst du nicht von dir selbst hören. Das Allerwichtigste, was du über dich und deine Identität hören kannst, wirst du von Gott hören. Gott zeigt durch seine Aussagen in der Bibel, dass du ein gewollter und unglaublich geliebter Mensch bist. Aber gleichzeitig einer, der auch seine Macken hat. Der auch mal Müll baut und der sich von Gott abgewendet hat. Das hat Gott dazu bewegt, dass er für dich, aus reiner Liebe zu dir, in den Dreck der Welt gekommen ist und für dich gestorben ist. Und genau das stiftete Identität! Jesus hat die Sünde, die dich hindert, befreit und mit Gott an deiner Seite zu leben, auf sich genommen. Gott hat so viel Gutes in dich hineingelegt und dich mit so viel Gutem beschenkt: Äußerlichkeiten, Talente, Gaben, Werte. Er hat dich einzigartig geschaffen. Du kannst etwas, das niemand anderes so kann wie du. Und diese Eigenschaft braucht die Welt. Deshalb hat Gott sie in dich hineingelegt. Wenn du das weißt, dann kannst du alles andere ganz frei und ohne Druck entdecken und dich daran freuen. Das wird dir Sicherheit geben!

Ein Grundstein reicht
Muss ich das überhaupt: Mich selbst benennen und definieren können? Einer Sache Wort zu verleihen ist oft befreiend. Aber: Muss alles einen Stempel haben? Reicht es nicht einen Grundstein zu nennen: Ich bin ein Mensch, ein Kind Gottes. Schließlich sagt Wikipedia über Identität: "Als Relation zwischen zwei gegebenen Größen bedeutet Identität die völlige Übereinstimmung." Wir schufen uns nicht selber, sondern wir wurden geschaffen. Warum also sollten wir uns selbst eine Identität, eine Bestimmung geben? Joseph Ratzinger hat einmal gesagt: "Ich werde angesprochen, deshalb bin ich." Angesprochen von Gott. Als sein Kind. Das muss reichen. In anderen Worten, was zählt, ist nicht das weiße Papier, sondern derjenige der es mir voller Liebe schenkt - Gott.
Egal ob meine Emotionen oder meine Zukunftsangst gerade etwas anderes sagen: Ich bin jemand. Ob ich mich ausdrücken kann oder nicht, Gott sieht und liebt mich und das macht mich zu meinem Ich. Das ist der tiefste Grund meiner Identität. Die Frage danach, wer genau ich heute bin, kann ich nicht genau beantworten, aber irgendwie ist sie auch nicht so wichtig. Brennan Manning schreibt in Abbas Child: "Define yourself radically as one beloved by God. This ist the true self. Every other identity is illusion."

Einer bleibt
Es wäre natürlich schön, mehrere klare Eckpfosten zu haben. Ich bin der, habe die Leidenschaft und werde das sein. Aber all diese Dinge, diese Identität die wir uns jeden Tag aufs Neue zusammenbasteln vergeht. Wir müssen jeden Tag ein anderer sein, besser sein, als gestern - sonst sind wir raus. Samuel Koch schreibt darüber in "Zwei Leben". Allein der Titel des Buchs verrät den tiefen, innerlichen Umbruch, den der junge Mann durchmachen musste - vom Sportler zum Rollstuhlfahrer. Das geht natürlich an die Identitätssubstanz. "Sehr spannend finde ich die Erkenntnis, die mir erst kürzlich gekommen ist, als ich mich mit der Frage auseinandergesetzt habe, was an mir eigentlich noch so ist wie früher", schreibt der ehemalige Stuntsportler. Seine Antwort: "Was meinen Kern, mein innerstes Wegen ausmacht. (...) Nach allem, was geschehen ist, sind nur ganz wenige Dinge in meinem Leben gleich gebliegen und das Beten gehört dazu."
Nichts im Leben bleibt wirklich außer dieser Gott, der uns sieht. Egal, ob wir einen Salto machen können oder plötzlich im Rollstuhl sitzen. So steht es in Römer 8,38: "Denn ich bin ganz sicher: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch irgendwelche Gewalten, weder Hohes noch Tiefes oder sonst irgendetwas auf der Welt können uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Jesus Christus, unserem Herrn, schenkt." Vielleicht bedeutet also, zu wissen, wer man ist, einfach zu wissen, dass man ist und dass man zu Gott gehört. In dem Lied Who am I von den Casting Crown singt Mark Hall: "Who am I, that the Lord of all the earth would care to know my name? Who am I? I am Yours." Ich bin, weil Gott mich sieht.

Das bin ich!
Sicherlich gibt es sehr viele Antwortmöglichkeiten auf die Frage wer du bist. Die einen definieren sich über den Job, den sie haben. Andere wiederum über den Liebsten, mit dem man das Leben teilt. Wieder andere vielleicht auch über das sportliche und schöne Aussehen. Doch was tun sie, wenn sie den Job verlieren, der Partner weggeht oder ein Unfall dein Gesicht entstellt? Dann haben sie keinen Halt mehr im Leben und drohen zu zerbrechen. Auch wenn diese vielen Bereiche unseres Lebens gut und wertvoll sind, ist es nicht weise, seine Identität darauf zu bauen. Wir sehnen uns nach etwas, das bleibt, das Halt gibt.
Dietrich Bonnhoeffer schreibt in seinem bekannten Gedicht "Wer bin ich" diese starke Zeile: "Wer ich auch bin, du kennst mich, dein bin ich, o Gott!" Damit bringt er so brilliant auf den Punkt, dass Gott dein ganzes Sein kennt. Und auch deine Geschichte, deine Charakter, deine Fragen, deine Hoffnung. Gleichzeitig erlebt er, dass Gott selbst die Antwort seiner Suche ist. In Gott erkennt er, wer er selber ist. In Gott kommt seine Suche nach sich selbst zur Ruhe. Ja - Gott sichert ihm seine Identität. Seine Identität gründet auf Gott. Wenn mich jemand fragen würde, wer ich bin, wäre das erste was ich spontan sagen würde: "Ein geliebtes Kind Gottes!" Darauf kann man aufbauen. Diese Identität gibt Halt.

Erfolgreiches Change-Management
Gott schenkt jedem von uns ein weißes Blatt. Ein einzigartiges Leben. Ein Abenteuer. Ich will dich heute dazu ermutigen, es zu leben! Mit Gott Schritte zu gehen und dich zu verändern. Stück für Stück zu dem hin, den Gott in dir sieht. Mit Würde Dinge gehen zu lassen und mit offener Hand das zu nehmen, was Gott uns schenkt. Wenn man es nämlich genau betrachtet machen wir alle seit Jahren nichts anderes. Wir leben in ständiger Veränderung. Jeden Tag neu. Erfolgreicher, anerkannter, besser. Da kommt man einfach nicht damit nach, sich selbst zu benennen. Aber vielleicht muss man das auch gar nicht. Vielleicht muss mein Leben auch gar keinen öffentlichen Stempel haben, der mich erklärt. Vielleicht erklärt Gott alles.
Wenn wir unser Leben mit ihm teilen, wenn wir Schritte im Glauben gehen und in ihm unsere Identität finden, dann macht er uns frei, von all dem, was uns bindet. Wenn wir unsere wahre Identität erkennen, dann brauchen wir all das nicht mehr. Dann müssen wir nicht mehr nach Anerkennung und Liebe jagen, dann all das finden wir in ihm. Dann leben wir in der Identität die er uns geschenkt hat: Als geliebte Kinder des Königs der Könige! Wenn wir uns von Gott abhängig machen und uns durch seien grenzenlose Liebe zu uns definieren, dann können wir frei leben. Dann können wir der sein, der wir sind.
Ich habe inzwischen weniger Angst vor weißen Blättern in Kunst. Und ich habe weniger Angst vor dem weißen Blatt in mir.
Wenn mich das nächste Mal das weiße Blatt Papier vor meinen Augen anschreit, werde ich denken: "Wer bin ich? Ich weiß es nicht. Aber ich bin ein geliebtes Kind Gottes!" Und eventuell setzte ich dann mutig den Stift an.

Be blessed
Manuel

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P.S: Du hast Vorschläge oder Wünsche über was ich unbedingt mal schreiben sollte?
Dann lass es mich wissen: manuel.ehnis@t-online.de oder auf WhatsApp 0171 9704093.
Vielen Dank!
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Bildquelle: https://instaliga.com/youversion

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