Der letzte Winkel des Himmels

Lebensdauer: 6min

Dafür liebe ich meine Gemeinde

Meine Gemeinde ist im besten Sinne durchschnittlich - und genau deshalb liebe ich sie.

Hey du,
ich möchte wirklich pünktlich sein. Es ist ja nicht so, dass mir der Gottesdienst unwichtig ist. Aber so viel Mühe ich mir auch gebe, irgendwie passt dieser Sonntagmorgenstermin nicht zu meinem Lifestyle. Mir ist das einfach zu früh. Während aus dem Gottesdienstsaal dumpf die ersten Strophen des Eingangsliedes ins Foyer dringen, versuche ich so schnell und leise wie möglich meine Jacke auszuziehen.
Ich stocke. Autsch, das klang schief lieber Gitarrist. Für eine Millisekunde spiele ich mit dem Gedanken, gleich wieder nach Hause zu gehen und mir den Lobpreis von meiner Lieblingsband auf die Ohren zu geben. In diesem Moment kommt ein guter Kumpel von mir herein. Genauso außer Atem wie ich. Wir lachen uns an, begrüßen uns und gehen dann gemeinsam in den Gottesdienstsaal. Das Eingangslied ist inzwischen auch vorbei, ich bin schon wieder ganz positiv gestimmt. Leider währt meine Vorfreude auf einen inspirierenden Gottesdienst nur bis zum Infoblock - der ist mal wieder viel zu ausführlich. Hätte ich eine Fernbedienung, würde ich jetzt anfangen zu zappen. Dann geht's los mit dem Lobpreis. Euphorie klingt anders. Die dreiviertel Band ist im Urlaub, also wurden eben noch schnell während dem Gottesdienst ein paar Musiker erkoren, die die Noten wahrscheinlich zum ersten mal sahen. Dementsprechend klang es zumindest. Ich schließe meine Augen und versuche mich daran zu erinnern, mit welchem Bein ich heute morgen aus dem Bett gestiegen bin - auf jeden Fall war es das falsche. Halb in meine Gedanken versunken, halb den Liedtext mitsummend, brennt in mir immer stärker die Frage: "Warum bin ich hier?" Was würde ich Gott antworten, wenn er mich fragen würde, was ich hier eigentlich mache? Warum quäle ich mich Sonntag für Sonntag aus dem Bett um in den Gottesdienst zu gehen, mir eine Predigt anzuhören, Lieder zu singen und zu beten? Das geht doch auch vom Bett aus. Und es wäre doch viel einfacher, wenn es nur mich und Jesus gäbe. Okay, und noch meine Freundin. Wir könnten doch so viel eher alles genauso machen, wie wir es cool finden und auch viel direkter mit Jesus ins Gespräch kommen. Oder?

Das Unbegreifliche
Ich werde etwas beschämt. Nicht weil Gottes Stimme vorwurfsvoll klingt, sondern weil ich mich ertappt fühle. Ich bin ja gekommen, um Gott zu begegnen und ihn anzubeten. Davon will ich mich nicht so einfach ablenken lassen! Als wolle ich meine negativen Gedanken abschütteln, stehe ich demonstrativ auf. Ich schließe meine Augen und stelle mir vor, wie ich mit der ganzen Gemeinde in Gottes Thronsaal stehe. Und es geschieht das Unbegreifliche: Ein neues Lied wird angestimmt und die Gemeinde erhebt ihre Stimme. Das klingt einfach so schön! Unaufhaltsam breitet sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus und ich merke, wie die Freude über Gott zunehmend mehr und mehr Leute erfasst. So oder so ähnlich stelle ich mir den Himmel vor.
Ganz plötzlich wird mir wieder bewusst, warum wir eigentlich alle hier sind. Weil Gott es sich so ausgedacht hat. Nicht, weil wir besonders gut sind oder ein überdurchschnittlich tolles Gottesdienstprogramm haben. Sondern einfach, weil wir geliebte Kinder Gottes sind, die zusammenkommen um ihn zu loben. Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten, ethnischen Hintergründen, und Altersgruppen die gemeinsam Glauben leben wollen.

Begegnung mit Jesus
Der Begriff Gemeinde kommt ursprünglich von dem griechischen Wort "ecclesia", was soviel heißt wie "Herausgerufene". Wenn es Herausgerufene gibt, muss es doch auch einen geben der ruft: Gott. Und es gibt einzelne, die diesem Ruf folgen, sich also aus etwas herausrufen lassen. Doch woraus? Gott ruft uns Menschen aus der Welt, also aus der Sünde, dem Gottlosen Leben, der Weltlichkeit, ohne Beziehung zu Jesus heraus (2. Timotheus 1,9). Gott versetzt Menschen, die umkehren, hinein in das Reich des Sohnes Jesus Christus und in seine Liebe (Kolosser 1, 13).
In Gemeinden und Kirchen sammeln sich Menschen, die an Jesus glauben und gemeinsam ihren Glauben leben wollen. Menschen, die diesem Ruf Gottes folgen. Deshalb ist Gemeinde so wichtig. Die Menschen dort sind alle einzigartig und sind alle auf ihre Art und Weise ein Abbild von Gottes Schöpfung. Sie ergänzen einander durch verschiedene Gaben und Sichtweisen. Ganz konkret: Vielleicht hast du mal eine schlecht Woche hinter dir, oder das letzte Erlebnis mit Gott ist schon eine Weile her. Gerade in solchen Zeiten kann die Freude eines anderen total aufbauend sein. Die Menschen in deiner Gemeinde können für dich beten, dich ermahnen und sich mit dir freuen. Und ist dir schon mal aufgefallen, dass es viel einfacher ist, bei anderen zu sehen, dass sie Christen sind, als bei dir selbst? Das liegt wohl daran, dass Jesus in anderen immer größer erscheint. Um Jesus in anderen zu begegnen ist es also total wichtig, Teil einer Gemeinde zu sein. Aber Gemeinschaft ist nicht nur gut, weil du etwas von anderen lernen kannst. Jesus, der in dir lebt, ist für andere zu sehen und daher bist du auch unglaublich wichtig für eine Gemeinde. Die Menschen dort brauchen dich genauso wie du Ergänzung und neue Perspektiven. Und weil Gott dich einmalig gemacht hat und durch dich spricht und wirkt, können andere von dir profitieren.

Gemeinsam Liebe weitergeben
Gott lebt in dir und will durch dich Menschen heil machen, Frieden stiften, Freiheit verkünden, andere stärken und ermutigen oder auch mal ermahnen.
Wichtig ist: Es geht nicht nur um die Gemeinde und es geht nicht nur um dich. Es geht darum, den Menschen in deinem Umfeld die bedingungslose Liebe Gottes weiterzugeben. Das ist der Auftrag, denn Gott an seine Gemeinde und an jeden Menschen der an ihn glaubt stellt. Wie eine Gemeinde diese Liebe weitergibt, ist so unterschiedlich, wie die Menschen in ihr. Die einen bieten ein buntes Programm für Jugendliche am Bahnhof an, andere gehen ins Gefängnis und nehmen sich Zeit, mit den Leuten dort zu reden, wieder andere beten für die Menschen auf der Straße um Heilung. Jesus gibt seinen Nachfolgern den Auftrag, den Menschen zu erzählen, dass das Reich Gottes auf dieser Welt beginnt (Lukas 10,8f). Die Momente, in denen Menschen erkennen, dass es etwas größeres gibt, als das, was sie bereits kennen, wenn sie in ihrem Herzen oder in ihrem Körper heil werden, wenn sie eine Liebe spüren, die sie umhaut, wenn sie frei werden und sich verändern - solche Momente sind wunderschöne Augenblicke in einer Gemeinde. Du kannst Teil davon sein, Gott erleben und anderen seine Story mit den Menschen zeigen. Worauf wartest du also noch? Du wirst gebraucht!

Himmel auf Erden
Gott möchte durch die Gemeinde ein Stück Himmel auf die Erde bringen. Er hat die Gemeinde dazu vorgesehen, seine Herrlichkeit in der Welt sichtbar zu machen. Dafür vertraut Gott von ganzem Herzen auf die Gemeinde, auch wenn er genau weiß, dass unsere Infoblöcke langweilen und nicht jede Predigt vom Hocker haut. Er hat keinen Plan B. Deshalb, weil Gott Gemeinde will, geschehen immer wieder gute und erstaunliche Dinge. Nicht nur in den coolen, hippen Mega-Churches. Manchmal denke ich ja: "Ach, wenn wir doch auch nur so coole Flyer hätten, eigene Podcasts für den Impuls unter der Woche, es auch Gottesdienste am Abend gäbe, und und und ..." Aber darauf kommt es gar nicht an. Auch in unserer sehr durchschnittlichen Gemeinde erfahren Menschen die Liebe Gottes und werden dadurch zum positiven verändert. Immerhin habe ich selbst durch diese Gemeinde Jesus kennen und lieben gelernt.
Eigentlich ist es ganz einfach und braucht nicht viel. Zwei oder drei, die im Namen Jesu zusammen sind - Denn dann, hat Gott versprochen, mitten unter ihnen zu sein. Und wenn Gott sich nicht an den Fehlern oder Macken der Dreien stört, dann will ich es auch nicht tun. Ich will mich nicht durch Nebensächlichkeiten vom Wesentliche ablenken lassen, sondern Gottes Perspektive für die Gemeinde zu meiner machen. Gott selbst ist meine tiefe Motivation, in einer Gemeinde zu bleiben. Ich möchte mich mit meinen Gaben und Stärken in der Gemeinde einsetzten, damit Gottes Wille immer öfter auch bei uns auf der Erde geschieht, wie es schon jetzt im Himmel der Fall ist. Auch wenn ich mich dafür hin und wieder aus den Federn kämpfen muss. Denn Gemeinde ist mein Stück Himmel auf Erden.
Meine Gemeinde ist nicht perfekt. Aber ich bin es ja auch nicht. Meine Gemeinde ist im besten Sinne durchschnittlich - und genau deshalb liebe ich sie.

Mein Gemeindetraum
Ich habe einen Traum. Ich träume von Gemeinde, randgefüllt mit fehlerhaften Menschen, die sich nach Gottes Geist ausstrecken und seinem Wirken in ihrem Leben freien Lauf lassen wollen. Ich träume von einer Kirche, die ihre Energie nach außen richtet und sich als eine von Gott gesandte Gemeinschaft versteht (Johannes 13,25).
Ich träume von einer Kirchenlandschaft, die die Unterschiedlichkeit nicht als Bedrohung und Kampfansage sieht, sondern als eine gewaltige Bereicherung. So eine Kirche würde für ihre Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft geschätzt, aber auch als einen Ort der Wahrheit. Eine Kirche, die die gesamte Gesellschaft durchdringt und prägt - das ist doch mal ein Traum! Und es ist die kraftvolle, transformatorische Wirkung des Evangeliums, die diesen Traum möglich machen kann.
So eine Gemeinde wäre eine Gemeinschaft, in der ich Gott erlebe und die mich daran begeistert, dass ich unbedingt andere Menschen in diese grundmachende Gemeinschaft hineinnehmen möchte. Ein echter Vorgeschmack auf Gottes Reich. So eine Kirche braucht nicht weniger Menschen, sondern Mehr Gott. Mehr vom Heiligen Geist, der uns und die Kirche bis in den hintersten Winkel durchdringt und dadurch ein Stück von Gottes Herrlichkeit sichtbar werden lässt.
Wir sind gefordert, einen Schritt in diese Richtung zu tun. Denn die beste Grundlage für lebendige Kirchen sind Christen, die für Jesus brennen. Menschen, die sich zu einhundert Prozent vom Geist Gottes leiten lassen.

Ich träume von Gemeinde...
… in der Menschen miteinander Gott anbeten. Nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen.
… in der rund um die Uhr gebetet wird oder Gebetszeiten die am besten besuchten Versammlungen sind.
… in der Menschen im Glauben weiterkommen und in ihrer Persönlichkeit wachsen.
… in der Gemeinde nicht Gottesdienst und Event bedeutet, sondern gelebte Gemeinschaft, die Wärme, Zuwendung und Barmherzigkeit bedeutet.
… in der sich liebevoll umeinander gekümmert wird und Vergebung wirklich gelebt wird.
… in der nicht schlecht übereinander gesprochen wird.
… in der man einander mit Gaben des Heiligen Geistes dient.
… in der Menschen begeistert von Jesus Christus sind und er die Mitte der Gottesdienste ist.
… in der Sprechen über Gott kein Programmpunkt, sondern Normalität ist.
… in der Unterschiede überwunden werden: Altersgrenzen, Geschmacksgrenzen oder Macken.
… in der das Abendmahl nicht als stumpfe Tradition gefeiert wird, sondern immer wieder neu Leben enthält.
… in der sich nicht jeder nur um seine Clique dreht.
… die Jesus Christus als Retter und Helfer erlebt hat.
… in der Menschen wissen, was sie glauben und davon überzeugt und begeistert reden können.
… in der es Leidenschaft gibt von Gott weiterzusagen Menschen und ihn dadurch erkennen und ihr Leben zu ihm hinwenden.

Du auch?

Be blessed
Manuel


Bildquelle: https://instaliga.com/youversion

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