Little Jesus

Lesedauer: 7min

Warum der unbequeme Jesus der bessere ist

"Jesus will die Nummer Eins in deinem Leben sein." Sucht man nach Jungscharandachtklischees würde dieser Satz bei mir ganz oben stehen. Dicht gefolgt von der Frage, wer das Zentrum deines Lebens ist - und dass da nicht Fußball, Geld oder deine Freundin sein darf, sondern Jesus. Gut, dass wir nicht mehr in der Jungschar sind sondern auf dem Weg erwachsen zu werden. Aber sind wir deswegen über diese Fragen hinweg?

Hey du,
momentan wächst in Europa eine Gesellschaft heran, die nicht mehr bereit ist, für irgendetwas einen Preis zu zahlen, oder etwas zu opfern. Wir wollen umweltbewusst leben, aber nicht auf das Auto verzichten. Wir wollen Erfolg in der Schule oder der Ausbildung haben, aber nicht die Freizeit dafür opfern. Wir wollen Karriere machen und möglichst große Unabhängigkeit haben, aber irgendwie doch auch Familie. Wir sind keine Generation, die die Welt retten will. Oder wie mein Opa vielleicht sagen würde: Mit euch kann man keinen Krieg gewinnen.

Wir leben nicht mehr als Follower
Genauso verhält es sich mit dem Glauben - wir wollen zwar Gottes Stimme klar und deutlich hören, sind aber nicht bereit, sich hinzusetzen und die Bibel zu lesen, um mit Gott Zeit zu verbringen. Wir wollen Wunder sehen, sind aber nicht bereit, dafür immer wieder mit Menschen zu beten. Wir wollen Jesus nachfolgen, aber nicht um jeden Preis. In erster Linie ist es wichtig, dass es einem selber gut geht. Dann erst hat man die Kapazität weiter zu denken ... Wir wollen Erfolg, aber sind nicht bereit etwas dafür zu opfern. Auch im Glauben. Denn als Konsequenz von echter Nachfolge das eigene Kreuz tragen zu müssen, ist irgendwie nicht wirklich sexy. Man könnte sich ja Rückenschmerzen dabei holen. Oder zumindest einen Splitter im Finger. Anstatt Jesus nachzufolgen, wohin er geht, laufen wir viel lieber einfach mal fröhlich drauflos und beten dann hinterher, dass Jesus unseren Weg doch rasch segnen möge. Im Endeffekt leben wir, als ob er uns nachfolgen würde und nicht wir ihm. Jesus ist nicht mehr die Nummer Eins in unserem Leben. Erst einmal Studium hinter uns bringen - erfolgreich, versteht sich. Und bei so Detailfragen wie der Partnerwahl und meiner Freizeitgestaltung, da ist das mit der Nummer Eins ja wohl eher rhetorisch gemeint. Hauptsache wir respektieren Jesus, oder?
Warum fällt es uns so schwer, diesem Jesus genug zu vertrauen, dass er wirklich unser Leben bestimmt. Und zwar jeden Bereich unseres Lebens. Warum ist unsere Generation so gut darin seinen Anspruch zu relativieren?

Verbiegen, bis Jesus funktioniert
Ich glaube, die Antwort ist einfacher, als man meint und grundlegender, als uns lieb ist: Wir haben ein falsches Bild von Jesus. Wir folgen einem Zweidrittel-Jesus. Wir lassen uns von unserer Kultur einreden, welcher Jesus funktioniert und welcher nicht. Wenn wir die Bibel lesen, dann so selektiv, dass wir das Bild von Jesus verbiegen, bis es uns gefällt. Aber ein verzerrtes Bild von Jesus führt unweigerlich zu einem verzerrten Leben. Immer.
Aber woran merke ich denn, ob Jesus die Nummer Eins in meinem Leben ist? Jesus selbst gibt uns dazu in der Bibel einen ziemlich direkten Anhaltspunkt: "Wer mich liebt, hält meine Gebote" (Johannes 14,15). Anders gesagt: Wer mich liebt, der will meinen Willen tun. Der fragt immer nach meiner Idee dahinter und vertraut ihr. Wer mich liebt, gehorcht mir. Auch dann, wenn er mich nicht versteht.
Wollen wir das wirklich? Oberflächlich schreien wir vielleicht "Ja"  und "Halleluja". Aber oberflächlich steht uns nicht so gut. Jesus geht es darum, wie es in uns drin aussieht. Und dann wird es ernst. Denn der Jesus aus dem Neuen Testaments, der echte Jesus, der ist durchaus in der Lage, äußerst unbequeme Forderungen zu stellen. Und er ist nicht nur in der Lage dazu, er hat das auch ziemlich oft getan. Ein Beispiel gefällig?

Wir wollen alles - Aber nichts dafür opfern
In der Bibel gibt es eine ziemlich fette Story von einem jungen, dynamischen Mann mit einem dicken Konto. Die Geschichte von "Reichen Jüngling" aus Markus 10. Da kommt dieser reiche, offensichtlich sehr sympathische, erfolgreiche und geistlich interessierte Junge Mann zu Jesus. Er rennt geradezu auf Jesus zu und nennt ihn direkt "Guter Meister". Das fängt doch super an! Und würde er so in meine Gemeinde kommen - wir würden uns freuen und ihm helfen, Jesus kennenzulernen und in der Gemeinde Fuß zu fassen. Erst mal eine Bibel schenken, einen Hauskreis empfehlen, zum Essen einladen - das volle Programm. Wir würden ihn einladen, sich auf Jesus einzulassen - er würde ihm bestimmt gefallen.
Bei Jesus selbst läuft die Geschichte allerdings ein bisschen anders ab. Er hat offensichtlich eine andere Strategie. Er stellt den Jungen sofort vor eine ziemlich unbequeme Entscheidung: "Verkaufe alles, was du hast, gib es den Armen und dann komm, folge mir."
Wie bitte Jesus? Hey, das ist doch nicht dein Ernst! Jesus lass ihn dich doch erst einmal kennenlernen. Oder lass ihn mal mit dir und deiner Kleingruppe, den Jüngern, unterwegs sein. Dann wird er bestimmt merken, wie es ist, mit dir zu leben. Und dann lass ihn doch langsam wachsen. Schritt für Schritt. Und Jesus, es geht dir doch nicht ums Geld! Lass ihn doch erst mal sehen, was du so machst. Die guten sozialen Projekte. Vielleicht gibt er ja jedes Jahr ein bisschen mehr. Musst du das direkt von Anfang an so radikal fordern? So hohe Hürden aufbauen? Das kann man doch von niemandem verlangen! Wenn wir so mit Am-Glauben-Interessierten reden würden, dann wären wir schnell wieder unter uns. Kein Wunder, dass die Jünger die Krise kriegen: Jesus, was soll das? Wenn das so ist, wer soll das überhaupt schaffen, mit der Nachfolge und dem Himmel? Wer soll das überhaupt hinkriegen? Können wir das Einstiegslevel nicht ein bisschen runterschrauben? Es leichter machen?
Jesus macht das nicht. Er lässt ihn wieder gehen. Jesus ist traurig - aber er lässt ihn gehen. Er ruft ihm auch nicht hinterher. Er überredet ihn nicht. Im Gegenteil. Jesus macht das immer wieder so.

Jesus setzt neue Maßstäbe
Da sind drei andere Jungs, die Jesus offensichtlich toll finden und ihm nachfolgen wollen (Nachzulesen in Lukas 9). Drei echte Kerle, die Jesus gut finden - das ist doch der Hammer, oder? Wenn wir davon in unseren Gemeinden ein paar mehr hätten, wären wir doch schon glücklich. Und ja, sie wollen ihm folgen, Nummer Eins und so. Der eine sagt es ganz offen: "Ich will dir folgen, wohin immer du gehst." Halleluja, was für ein Glaubensbekenntnis! Und Jesus? Lächelt der jetzt und freut sich? Umarmt er ihn und sagt: Willkommen in meinem Team? Ich würde das vermutlich tun.
Jesus aber sagte zu dem Mann: "Vögel haben ihre Nester und Füchse haben ihre Höhlen. Ich habe nichts, wo ich mein Haupt hinlegen kann. Ich habe kein zu Hause." Damit will er sagen: Es kann sein, dass du auch keins mehr haben wirst. Dass du kein zu Hause mehr findest. Dass es dir deutlich schlechter geht als jetzt. Also überleg es dir.
Ist das schlau, Jesus? Wäre es nicht besser, ihn erst einmal mit dir losziehen zu lassen? Wenn er mit dir und deinen Jüngern am Lagerfeuer ein paar Hillsong-Klassiker geschmettert hat, dann fällt es ihm vielleicht leichter, seine Heimat für dich aufzugeben.
Wir singen das ja auch oft: Jesus, ich will dir folgen, wohin immer du gehst. Mit Liedern von Jesus Culture, Hillsong und der Outbreakband. Das ist doch ein Anfang. Da freut sich Jesus bestimmt. Er möchte uns ja beschenken. Uns immer Gutes tun, ohne, dass es uns etwas kostet. Echt?

Nachfolge ist bedingungslos
Da ist der zweite Typ. Zu dem sagt Jesus: "Komm, folge mir nach." Und der will das. Er kommt gewissermaßen nach vorne zum Kreuz und nimmt die Einladung an. Da ist nur noch eine kleine Sache: Sein Vater ist gestorben und er möchte ihn noch beerdigen. Kein Problem, denke ich. Das ist doch selbstverständlich. Voll der Einsatz. Das ist schließlich Familie. Gott sagt ja auch, Familie ist wichtig. Und Jesus? Er sagt: "Lass die Toten ihre Toten begraben. Du geht und verkünde die Botschaft vom Reich Gottes!" Jesus zieht das durch. Wenn du nicht bereit bist, deine Familie aufzugeben, sie hinter dir zu lassen, dann wird das nichts mit der Nachfolge. Oh mann, Jesus! Das können wir doch keinem erzählen! Das wäre ja kontraproduktiv.
Und dann gibt es noch den dritten Kerl. Er will Jesus folgen. Er will niemanden begraben, wo sein Haupt liegt, ist ihm auch egal, er will nur noch schnell Tschüss sagen. Glück gehabt. Sich zu verabschieden ist doch selbstverständlich. Das sollte also kein Problem sein.
Doch auch hier macht Jesus ein Problem, wo keines sein muss: "Wer seine Hand an den Pflug legt und zurücksieht, der ist unbrauchbar für das Reich Gottes." Ach bitte, Jesus. Jetzt übertreib doch nicht. Der Kerl will doch nur seine Mama noch mal drücken. Dann bist du die Nummer Eins!
Jesus, warum bist du so knallhart? Warum bist du so direkt? Warum bist du so - ehrlich? So undiplomatisch aufrichtig? Und warum sind wir es nicht?

Ist er es wert, alles andere aufzugeben?
Wenn wir die Geschichten von diesem Jesus lesen, wird eine Frage auf einmal sehr zentral: Ist er es wert, alles andere aufzugeben? Oder verharmlose ich das lieber? Das kann Jesus so gar nicht gemeint haben. In Wirklichkeit wollte er natürlich was ganz anderes sagen ... und so bauen wir uns unseren Jesus wie er uns gefällt.
Ist dein Jesus ehrlich genug? Ist dein Jesus kostbar genug? Ist dein Jesus schön genug? Ist er genug, sodass du alles andere hinter ihn stellen kannst? Wie könnte er es nicht sein? Wie könnte Gott selbst nicht genügen? Nicht alles wert sein? Ich bin davon überzeugt, dass ich gar nicht anders kann, als Jesus mit ganzem Herzen zu lieben und ihm alles zu geben, wenn ich ihm wirklich begegnet bin. Wenn ich weiß, wie schön, herrlich, mächtig und wunderbar Jesus ist, dann kann ich seiner liebenden Macht nicht wiederstehen.
Darum glaube ich, dass wir Jesus nicht wirklich kennen. Das ist unser Problem. Wir haben uns einen falschen Jesus gebaut. Einen Zweidrittel-Jesus. Der ist zu kein. Er ist weder heilig, noch herrlich, noch der Gott, den wir brauchen.

Nummer EINS
Ich spreche davon, dass wir lieber einen bequemen Jesus haben wollen, als einen, der uns in unbequemen Lagen begleitet und tröstet. Keinen Gott, der eine Zuflucht in echter Not ist. Wir wollen einen Gott, der uns vor jeder Not schützt oder uns möglichst schnell wieder herausholt. Ich spreche davon, dass wir einen Gott wollen, der uns in Frieden lässt, statt in einer unsicheren, kaputten Welt Frieden zu stiften und Gerechtigkeit zu schenken. Und wenn das alles nicht geht, dann suchen wir lieber Zuflucht vor Gott, anstatt bei Gott. Das ist unser Jesus. Aber der ist zu klein, zu harmlos.
Die Nummer Eins wird Gott so nicht, aber wir mögen ihn, unseren kleinen Gott. Wir mögen es, dass dieser Gott so risikofrei ist. Dass er uns immer versteht. Dass er alles milde lächelnd durchgehen lässt. Er ist der Lieblingsgott unserer Generation. Ihn können wir mit unserem begrenzten Denken verstehen. Er vergibt uns unsere Schuld nicht, aber er macht sie annehmbar, akzeptabel. Es ist alles halb so wild. Wir wollen mal nicht übertreiben. Wir sind doch alle kleine Sünderlein. Gott versteht das.
Dumm nur, dass die Fälschung mit dem Original nie mithalten kann. Und dass wir bei einem falschen Jesus nie das finden, was der echte Jesus uns versprochen hat.: Ströme des lebendigen Wassers. Tiefen Frieden. Ein Wissen, bei Gott zu Hause zu sein. Kraft für alle Kämpfe des Lebens. Glück das unabhängig ist von äußeres Umständen. Die Gewissheit: Gott ist da! Er hat alles unter Kontrolle!
Aber das will ich. Den echten Jesus. Ungephotoshoped. Als Nummer EINS!

Be blessed
Manuel


Bildquelle: https://instaliga.com/youversion

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