Die halbe Geschichte

Lesedauer: 6min

Auf der Suche nach den Wurzeln des christlichen Glaubens - und nach unseren

Warum bestehen Hotelbibeln immer nur aus dem Neuen Testament? Was hat das Alte Testament bitte mit meinem Leben zu tun? Warum fangen wir, wenn wir anderen das Evangelium erklären so oft mit Sünde an? Lasst uns neu denken. Lasst uns dort mit der Geschichte beginnen, wo Gott begonnen hat. Und lasst uns dort mit Gott Geschichte schreiben, wo er ist.

Hey du,
hast du schon einmal in einem Hotel eine Bibel in der Nachttischschublade gefunden und sie vielleicht sogar in die Hand genommen und aufgeschlagen? Was ist dir dabei aufgefallen? Richtig! Es gibt oft nur das Neue Testament! Wenn es gut läuft, dann sind noch die Psalmen hinten drangeklatscht, weil die ja "so schön zu lesen sind und so viel Hoffnung geben". Aber das vermeintlich Unangenehme, nämlich das Alte Testament: Fehlanzeige!
Als ich einmal so eine Hotelbibel in der Hand hatte, ist mir aufgefallen, wie dünn sie eigentlich war. Zum Vergleich habe ich meine eigene Bibel aus der Tasche gezogen und nachgesehen, wie das Verhältnis zwischen altem und neuen Testament ist. Meine Bibel hatte 1453 Seiten (ohne Anhänge usw.) Ich war überrascht: 1065 Seiten zählte ich beim Alten Testament und nur 388 beim Neuen Testament!
Das meine ich jetzt natürlich ironisch! Die länge des Textes sagt nichts über seine Message aus. Aber es ist leider bei uns Christen oft so, dass der erste Teil der Bibel unter den Tisch fällt. Doch er ist immens wichtig, und genau das kannst du sogar nachlesen. Und zwar im zweiten Teil der Bibel (Römer 11,17). Das heißt: In dieser Hotelbibel fehlen fast drei Viertel des Umfangs. Schon krass, oder?

Glaube in Kurzfassung
Ich glaube, diese „Kurzfassung des christlichen Glaubens", wie ich es nenne, ist eine ziemliche miese Geschichte in der viele Christen stecken. Dort fängt die Story meistens mit Jesus an: Jesus ist gekommen, um dir deine Sünden zu zeigen, er ist für deine Sünden gestorben, auferstanden und zum Himmel hinaufgeschwebt. Ein steriler, sauberer Plastik-Jesus. Ein Vorzeige-Christsein. Nett, ordeutlich, hübsch verpackt, mit einer tollen Schleife drum. Aber mit Jesus unterwegs zu sein, ist oft alles andere als ordentlich und nett - und unser Leben ist das sowieso nicht. Das Problem mit der Kurzfassung des Glaubens ist, dass wir die Geschichte, die Jesus selbst geglaubt und gelebt hat, außer Acht lassen. Unser Glaube fängt erst im Neuen Testament an und übergeht die Tatsache, dass die Bibel, die Jesus las, nur aus den Geschichtsbüchern und den Propheten bestand.
Das Alte Testament ist eine lange, verwobene, ausführliche Sammlung von Texten, die scheinbar enden, ohne das zu liefern, was sie versprechen: den Messias. Deshalb springen viele von uns von l. Mose direkt zu Matthäus und lassen Israels Geschichte links liegen. Aber es hat einen Grund, warum Jesus nicht gleich in 1. Mose 4 auftaucht, sondern erst in Matthäus 1.
Jesus ist der Höhepunkt der Geschichte, nicht die Einleitung. Wenn du die die Message von Jesus erzählen kannst, ohne die Schöpfungsstory oder die Geschichte Israels auch nur zu erwähnen, dann ist es wahrscheinlich nicht wirklich das Evangelium oder zumindest nicht das ganze. In welcher Geschichte lebst du also? Wie sieht die Handlung aus? Wer ist die Hauptperson? Was ist Sinn und Ziel des Ganzen?

Die beste Geschichte
Wir haben alle unsere Antworten auf diese Fragen, ganz gleiche ob wir sie nun kennen oder nicht. Viele Menschen meinen, bei der Geschichte gehe es darum, dass das Leben sinnlos ist und man es deshalb besser genießen sollte, solange man die Möglichkeit dazu hat. Die Hauptperson sind wir selbst. Und das Ziel ist der Genuss - so schnell und einfach wie möglich, mit möglichst wenig Anstrengung so viel wie möglich zu verdienen. Und leider erlebe ich es immer wieder,  dass das mehr oder weniger die Geschichte ist, in der so viele Menschen mitspielen.
Andere leben in einer Geschichte, die eine ideale Welt anstrebt. Es geht darum, primitive Religionen, Philosophien und Vorstellungen hinter sich zu lassen und mithilfe höher entwickelter Philosophien und Religionen die Welt Schritt für Schritt besser zu machen. Leider merken sie dabei nicht, dass das „fortschrittlichste Zeitalter, in dem wir je gelebt haben, nämlich das 20. Jahrhundert, gleichzeitig auch das blutigste war. Offenbar führen aufgeklärte Gedanken und Philosophien nicht zu einer idealen Gesellschaft. Was also ist die wahre Geschichte? Was ist die beste Geschichte? In Wahrheit haben wir Christen die großartigste Geschichte, die diese Welt je gehört hat. Aber wir erzählen sie nicht. Wir kommen, wenn wir unsere Geschichte erzählen, oft schon bei den ersten drei Kapiteln im ersten Buch der Bibel vom Weg ab.

Am Anfang war das Wort
l. Mose ist ein wunderschönes, zutiefst poetisches, kunstvolles, gewaltiges Buch. „Am Anfang..." Was für ein Beginn, oder? Nicht: „Ich werde dir jetzt ein paar Fakten, Theorien und abstrakte Wahrheiten erzählen", sondern: „Ich werde dir jetzt eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte von Gottes Plan mit dieser Welt. Und eine Geschichte von deinen Wurzeln."
Und doch entgeht uns Christen oft, was sich da in den allerersten Kapiteln des allerersten Buches der Bibel abspielt. Viele lesen das l. und 2. Buch Mose überhaupt nur, wenn sie Munition gegen Anhänger der Evolutionstheorie brauchen. Und deshalb fängt für viele die Bibel erst beim 3. Kapitel an, vor allem, wenn sie die Gute Nachricht von Jesus erzählen wollen.

Wir beginnen die beste Geschichte mit einer schreckichen Nachricht
Deutlich wird das beim „Evangeliumsarmband", an dem sechs verschiedenfarbige Perlen angebracht sind, die dabei helfen sollen, die Gute Nachricht zu erzählen. Das Problem an diesen Armbändern ist, dass sie mit der Farbe Schwarz anfangen. Die Erklärungen zu den Farben - wenn du schon mal so ein Band gesehen hast - lauten in etwa: Schwarz für Sünde, rot für Blut, blau für Taufe, weiß für Reinigung, grün für Wachstum, gelb für den Himmel. Ich habe auch einmal so ein Armband getragen und konnte dadurch anderen das Evangelium erklären. Aber mit diesen sechs Schritten stimmt etwas nicht. Das Problem ist, dass alles mit Schwarz anfängt. Die Geschichte dieses Armbandes fängt mit der Sünde an. Das ist, als würde man ein Haus auf einem ziemlich schlechten Fundament errichten. Wir beginnen die beste Geschichte buchstäblich mit einer entsetzlich schrecklichen Nachricht. Dem Punkt in der Menschheitsgeschichte, wo wir uns entschieden haben, Gott wegzuschieben und selbst Schöpfer zu spielen.
Wenn man die Geschichte mit der Sünde beginnt, ist das so, als würden "Die Chroniken von Narnia" mit Edmunds Entführung durch die Weiße Hexe anfangen. Aber die Geschichte fängt nicht dort an. Klar, die Sünde zur Geschichte dazu, aber sie ist eben nicht der Anfang.
Geschichten haben einen Erzählfluss und einen Spannungsbogen, Anfang und Ende. In einer Enzyklopädie oder einem Lexikon schlagen wir eine beliebige Seite auf, um die Information zu finden, die wir suchen. Aber wenn wir eine Geschichte lesen, müssen wir der Erzählung folgen. Wenn also das l. Buch Mose nicht mit Kapitel 3 anfängt, warum fangen wir dann dort, wenn wir die Geschichte erzählen?

Back to our roots
Das erste Buch Mose ist ein unglaublich schönes Buch. Gott erschafft Ordnung, Schönheit und Bedeutung aus dem Chaos. Bevor Gott Hand an die Schöpfung legte, herrschte tohu wa bohu, wie es in der Bibel heißt, was wörtlich „wüst und leer" bedeutet. Aber Gott fängt an, Dinge zu erschaffen und Schönheit hineinzubringen. Wenn du schon einmal einen Künstler bei der Arbeit beobachtet hast oder einen Zimmermann, der aus dem besten Holz etwas Wunderbares erschafft, dann kannst du erahnen, wie es war, als Gott alles erschuf. Und er hört gar nicht mehr auf. Tiere, Sterne, Blumen, Wasser und Land. Von der ganzen Schöpfung heißt es, dass Gott sprach und etwas wurde, aber vom Menschen heißt es, dass er ihn machte.
Bei uns Menschen wurde Gott besonders kreativ. Er krempelte die Ärmel hoch, als er uns schuf und erklärte uns zum Imago Dei - zu seinem Ebenbild. Und als er uns nach der betrachtet da erklärte er nicht, dass wir kaputte Sünder und Versager seien. Das heißt, unsere ursprüngliche Identität (das, was wir in unserem tiefsten Inneren, im Kern unseres Wesens sind) wurde uns von unserem Schöpfer persönlich gegeben: Wir sind sein. Es stimmt zwar, dass wir seit l. Mose 3 Sünder sind, aber wir wurden trotzdem als Ebenbilder Gottes erschaffen, ganz gleich, wie verzerrt dieses Bild auch ist. Die Schönheit ist ursprünglicher als der Fluch, und bevor wir zu Ausreißern wurden, waren wir Kinder.
Warum fangen wir nicht auch dort an zu erzählen? Warum erzählen wir nicht diese Geschichte? Fängt deine Geschichte mit Friede an oder mit Sünde?

Wir müssen zum Anfang zurückfinden
Denk einmal über Folgendes nach: Wenn ein Tempel zerstört wird und nur noch Trümmer und Schutt herumliegen, ist es trotzdem noch ein Tempel. Ein kaputter, zerbrochener, eingestürzter Tempel, aber immer noch ein Tempel. Es ändert sich nichts an seiner ursprünglichen Identität. Er hat sich nicht auf wundersame Weise in ein Wohnhaus oder einen Feinkostladen verwandelt als er eingestürzt ist. Es ist ein zerstörter Tempel, und es ist unmöglich, dass er sich selbst wieder aufbaut.Er muss von Grund auf restauriert werden - aber es ist immer noch ein Tempel. Genauso ist es bei uns. Wenn wir in 1. Mose 1 anfangen, erzählen wir eine Geschichte, die weitaus schöner und großartiger ist, als die, die die meisten Christen heutzutage erzählen - eine Geschichte, die die Welt von heute hören muss. Es fällt den meisten von uns nicht schwer, zu erkennen, wie kaputt wir sind. Ich weiß zumindest, dass ich echt total daneben bin. Ich weiß, dass ich viele Fehler habe. Ich weiß, dass ich nicht gut genug bin. Du musst mir das nicht mit einem Megafon auf der Straße ins Gesicht schreien - das weiß ich schon.
Aber wenn du mir erzählst, dass ich kostbar und wertvoll bin, und zwar nicht wegen dem, was ich leiste, sondern wegen dem, der mich erschaffen hat, dann denke ich: Echt? Bist du sicher? Aber was ist mit...? Das wirft alles über den Haufen. Stellt mein Weltbild auf den Kopf. In einer Kultur, die den Menschen ständig ihre Würde nimmt (Obdachlosigkeit, Ausbeutung der Armen, Objektifizierung von Frauen, Abtreibung, aktive Sterbehilfe und so weiter), müssen wir zum Anfang zurückfinden. Wir müssen zu dieser wunderbaren Aussage zurückkehren, die Gott vor Jahrtausenden über den Menschen in jenem wundervollen Garten ausgerufen hat: „So schuf Gott den Menschen als sein Ebenbild, als Mann und Frau schuf er sie." Ganz gleich, wie fest du auch schrubbst, in diesem Leben wirst du die Ebenbildlichkeit Gottes nie ganz von dir abbekommen.

Wir haben vergessen, worum es wirklich geht
Ich hab dir noch ein richtig cooles Zitat von dem Theologen Nicholas Thomas Wright am Start: "Ein Großteil der westlichen Kirche hat schlicht vergessen, worum es in den Evangelien geht und worum es in der Bibel als Ganzes geht: Um die Geschichte des Schöpfergottes und seiner Rettungsaktion für die gesamte Schöpfung. Als Folge wurde die großartige Geschichte, die uns die Bibel erzählt, von Generationen engagierter Prediger und Lehrer auf die wesentlich kleinere Geschichte darüber zusammengestrichen, wie ich und Gott zusammenkommen. Als hätten wir es bei der Schöpfung, Abraham, Mose, David, der ersten Gemeinde und nicht zuletzt den Evangelien selbst einfach nur mit einer riesigen Anzahl von Fachkundigen oder Fachinformationen zu tun, die uns beibringen, wie Ungläubige zu Jesus finden, wie Sünder gerettet werden und wie das Leben der Menschen verändert werden kann. Natürlich erzählt die Bibel auch viel von diesen Dingen, aber im Rahmen der großen Geschichte über die Schöpfung, den Kosmos, den Gott des Bundes und sein Bundesvolk erzählt sie vor allem die eine Geschichte, die ihren Höhepunkt in Jesus erreicht"

Welche Geschichte erzählst du?
Wenn du mich jetzt fragst, was das Alte Testament mit deinem Leben zu tun haben soll, dann kann ich dir sagen: "Unglaublich viel! Weil unser Glauben darauf basiert. In diesen Seiten stellt sich Gott in all seiner Herrlichkeit vor. Er hat einen Plan für diese Welt und er schreibt Geschichte mit uns Menschen."
Ich will dich challengen heute darüber nachzudenken: "Was für eine Geschichte erzählst du? Fängt deine Geschichte mit Frieden an oder mit Sünde?"
Wir Christen haben die großartigste Story der Geschichte. Und es wird höchste Zeit, dass wir anfangen die Wahrheit und Schönheit dieser Geschichte zu erzählen.
Die Welt hat eine so viel bessere Geschichte verdient, als wir sie oft weitergeben. Lasst uns dort anfangen, die Geschichte zu erzählen, wo Gott angefangen hat. Und lass uns dort mit Gott Geschichte schreiben, wo er ist. Hier, bei dir und mir. Jetzt.

Be blessed
Manuel


Bildquelle: https://instaliga.com/youversion

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