Keine Angst vor der Stille

Lesedauer: 6min

Auf welche Stimme hörst du?

"Tu doch einfach mal nichts." Kennst du diesen Satz? Irgendwie reizt es mich. Aber tief in mir steckt auch diese Angst vor dem Nichts, vor dem Alleinsein, vor der Stille. Ich bin ständig auf der Flucht vor diesen Dingen. Aber ich habe festgestellt: Wenn wir uns dem Nichts stellen, erklingt in jedem Augenblick eine leise Einladung: "Hör auf mit der Flucht. Es gibt unendlich viel zu entdecken."
Für Gott ist die Stille ein besonderer Ort zwischen uns und ihm. Was wäre, wenn wir aufhören würden, davor zu fliehen und uns bewusst danach ausstrecken?

Hey du,
die letzten Tage waren so voll. Gespräche, Projekte, Vorbereitungen, Entscheidungen... Ich bin herausgerissen aus so vielen Themen, die so viele Stunden mein ganzes Denken gefüllt haben.Und dann dieser Satz: "Tu doch einfach mal nichts", von meinem Bruder.
Hm. Interessante Idee. Doch was bedeutet das genau, "nichts"? Also nur lesen oder schreiben? Nein, nichts. Meine Lebensziele durchdenken? Nein, nichts. Raus gehen und die Natur erkunden? Auch das nicht. Wie bitte? Eigentlich ist es unfassbar. Doch irgendwie reizt es mich. Ja, was könnte denn eigentlich passieren? Bei dem Gedanken kriege ich plötzlich Angst. Denn das ist so ungewohnt. Zumal, wenn man ein aktiver Mensch ist. Einfach nichts tun? Mit niemandem? Und ohne Input?
Bei mir ist immer etwas los. Und wenn mal nichts los ist, dann suche ich mir was zu tun. Ich bin so ein Typ, der einen Stapel Bücher mit an den Strand nimmt. Der jede Wartezeit nutzt, um wenigstens irgendwelche Pläne zu schmieden. Die Welt retten zum Beispiel.

Nichts. 
Doch jetzt sitze ich auf dem Sofa und starre ins Nichts. Es fühlt sich so eigenartig an. Rötlich halb beschienene Wolken am frühen Abendhimmel. Die erste Stunde verrinnt. Das Honiggelb des späten Lichts auf den Hauswänden gegenüber. Die Lautlosigkeit tut fast weh. Doch wer weiß, was es noch zu entdecken gibt. Irgendwie fühle ich mich so, wie sich Neil Armstrong gefühlt haben muss, als er als Erster einen Schritt auf den Mond tat. Unerforschtes Terrain. Und die Ahnung, hier könnte etwas Großes auf mich warten.
Was ist eigentlich, wenn nichts los ist? Ein Termin wurde abgesagt. Ein Freund kommt doch nicht. Die Arbeit ist schneller beendet als gedacht. Da, wo vorher eine Eintragung im Kalender war, ist nur noch weißes Papier. Was geschieht, wenn nichts los ist? Meistens suchen wir uns dann etwas zu
tun. Kopfhörer ins Ohr, nebenher schnell noch Facebook checken, jemanden anrufen ob er Lust hätte mit ins Kino zu kommen oder einfach den Fernseher einschalten. Denn die Stille, das Nichts, ist irgendwie eigenartig. Warum eigentlich? Ist da vielleicht Angst vor der Stille, dem Alleinsein in uns? Was wäre so schlimm daran, wenn einmal Nichts wäre? Was wäre dann?

Immer auf der Flucht
Die meisten Menschen verbringen ihr ganzes Leben auf der Flucht vor dem Nichts, das sie anspringt, wenn sie alleine sind und es nichts zu tungibt. Deshalb müssen wir immer schnell irgendetwas anschalten, irgendetwas essen oder trinken, irgendetwas anschauen... Nur nicht zur Ruhe kommen. Weglaufen. Das Problem ist: Irgendwann holt einen das Nichts trotzdem ein. Die gähnende Leere, die wie ein Krater vor den Füßen aufklafft, sobald die Wohnungstür hinter einem ins Schloss fällt und niemand zu Hause ist. Der Morgen danach. Die Erschöpfung nach einem großen Projekt. Man stürzt sich einfach schnell in die nächste Ablenkung. Und danach in wieder eine Aktion. Und in eine weitere Ablenkung. Doch auch die wird enden. Irgendwann holt jeden das Nichts ein. Manchen erst, wenn er einmal im Krankenhaus liegt. Eine Beziehung zerbricht. Spätestens am Sterbebett, dann jedenfalls gibt es kein Entfliehen. 
Aber während ich hier so sitze stelle ich fest: Wenn wir uns dem Nichts stellen, erklingt in jedem Augenblick eine leise Einladung: "Hör auf mit der Flucht. Es gibt unendlich viel zu entdecken."

Auf welche Stimme hörst du?
Gott hat dich geschaffen, als sein Ebenbild. Und er sehnt sich nach einer Beziehung zu dir. Er steht da, mit offenen Armen, jeden Tag, und ruft dich. Aber die Frage ist, ob wir in unserem Herzen überhaupt Raum lassen, um diese Stimme zu hören.
In unserem Leben hören wir immer auf irgendwelche Stimmen. Wenn wir auf unsere Handys starren, wenn wir an der Supermarktkasse stehen, wenn uns zu Hause langweilig ist, wenn wir darauf warten, dass etwas passiert... Da sind so viele Stimmen in unserem Leben: im Fernsehen, im Internet, bei unseren Freunden.Young and Wild. Das ist unser Motto. Immer was los, immer laut.
Erkennst du den Unterschied? Gott spricht in der Stille. Warst du schon einmal in einem Raum, in dem überwältigende Stille herrschte? Wo es dir so vorkam, als könntest du deine eigenen Gedanken hören? Stille ist dieses furchterregende Monster, dem die meisten von uns aus dem Weg gehen. Wir laufen vor der Stille davon, weil wir Angst haben vor ihrer Kraft. Die Stille zwingt uns, unserem wahren Ich in die Augen zu sehen. Dann fangen wir an, die wirklich wichtigen Fragen zu stellen. Deshalb schauen wir wahrscheinlich vor dem Zubettgehen und nach dem Aufstehen als Erstes auf unser Handy - damit wir die unangenehme Stille nicht ertragen müssen. Dieses nagende Gefühl der Unzulänglichkeit. Die Versuchung, nach etwas zu greifen. Das Gefühl, nicht mithalten zu können oder nicht gut genug zu sein. Wir können es mit der modernen Technik und allem möglichen Lärm verdrängen, aber in der Stille scheint es auf uns einzuhämmern. Das Problem ist: Wenn wir die Stille abstellen, dann schaffen wir einen Raum ab, in dem Gott spricht. Auf welche Stimme hörst du?

Ein Hauch im Strum
Der Prophet Elia musste diese Lektion auch lernen (nachzulesen in l. Könige 19). Elia war ein Glaubensheld. Er stand ganz allein da als derjenige, der nie aufgab und nie die Hoffnung verlor, dass Jahwe der lebendige Gott ist, auch wenn all die Anderen, anderen Dingen hinterherliefen. Er kämpfte für Wahrheit. Das war seine Bestimmung.
Aber irgendwann hat Elia den Schwanz eingezogen und war auf der Flucht; vor Gott und den Menschen. Aber was dann passiert, ist ziemlich seltsam. Gott gibt Elia nicht auf. Er hat einen Plan für sein Leben. Auch, wenn Elia davor weggerannt ist, rennt Gott ihm hinterher und spricht mit einer hörbaren Stimme zu Elia. Aber bevor er das tut, macht der Verfasser von l. Könige macht deutlich, wie Gott nicht spricht. Zuerst kommt ein großer, starker Wind auf, der die Berge zerreißt und die Felsen zerbricht, aber "der Herr war nicht in dem Sturm". Dann, heißt es, kommt ein Erdbeben, aber auch darin ist Gott nicht. Dann folgt ein Feuer, aber Gott ist nicht im Feuer. Schließlich vernimmt Elia ein leises Säuseln. Gott bläst wie ein sanfter Wind und spricht zu ihm mit einem sanften Hauch. Wenn ich "Hauch" höre, dann denke ich an etwas Zärtliches, Sanftes, Schönes. Und genau so ist Gottes Stimme. Das Schwierige an einem Hauch ist allerdings, dass wir genau hinhören müssen. Er ist gerade laut genug, damit diejenigen, die hinhören, ihn wahrnehmen können, und diejenigen, die abgelenkt sind, kriegen ihn nicht mit. Denn wie soll man einen einzelnen Hauch im Sturm spüren?

The voice in silence
Und genau deshalb ist die Stille so wichtig. Weil wir durch sie diesen Hauch hören können. Sie ist ein Ort, der nicht vom Lärm unserer Handys, Computer und Rund-um-die-Uhr-Nachrichten übertönt wird. Manchmal ist die Stille der einzige Ort, an dem wir Gottes Stimme hören können. Jesus suchte die Stille in die Wüste, um zu verinnerlichen, dass er geliebt war. Machst du das auch? Viele von uns verfluchen die Stille. Irgendetwas stimmt nicht, denken wir. Haben wir gesündigt? Hat Gott uns den Rücken gekehrt? Aber was ist, wenn die Stille eine besondere Zeit ist, eine Zeit zu lernen, dass du geliebt bist? Für Gott ist die Stille ein besonderer Ort zwischen uns und ihm. Was wäre, wenn wir aufhören würden, davor zu fliehen und uns bewusst danach ausstrecken? Lasst uns auf die Stimme hören. Die Stimme in der Stille. Die Stimme, die wirklich zählt. Gottes Stimme. Amen?

#challengetime
Klar, Gott spricht nicht nur in der Stille, Gott kann auch laut, er ist ein richtiger Partylöwe. Aber er liebt es auch in der Stille zu uns zu reden. Wenn nichts anderes da ist, was unsere Gedanken gefangen nimmt, was uns ablenkt. Nur wir und er. Deshalb will ich dich heute challengen: Lasst uns aufhören vor der Stille wegzurennen. Lasst sie uns bewusst suchen. Gott hat uns so viel zu sagen!
Wie das konkret in deinem Alltag aussehen kann? 3 Steps:

Step No.1: Such dir einen Ort, wo du möglichst ungestört bist. Man könnte auch sagen: Wo nichts ist. Je weniger, desto besser. Vielleicht nicht den Raum, in dem du momentan bist, sondern ein Zimmer, wo sonst niemand ist. Eine einsame Parkbank. Ein verborgener Ort im Garten. Eine ruhige Lichtung im Wald. Eine Kirchenbank. Es wäre gut, für die Übung insgesamt so viel Zeit zur Verfügung zu haben, dass an dem Ort selbst fünfzehn Minuten bleiben.

Step No.2: Der zweite Schritt wird etwas schwieriger. Er lautet: abschalten. Es geht also konkret darum, etwas auszuschalten. Das Handy zum Beispiel. Und das sollte jetzt auch ausbleiben. Schalte die Musik aus. Sollten andere mit dir im Haus wohnen, dann mach die Tür zu. Versuche, alles in den Flugmodus zu stellen, was dich ablenkt. Ein bisschen schwieriger ist es, die Lautstärke in dir abzuschalten. Vielleicht merkst du erst jetzt, wie viel dort los ist. Leider kann man die Gedanken nicht ohne Weiteres auf stumm schalten. Aber eine kleine Entscheidung kann helfen. In diesen fünfzehn Minuten soll all das keine Rolle spielen. Sollten irgendein Thema oder irgendwelche To-dos im Kopf so laut sein, dass sie einfach nicht weggehen wollen, dann empfiehlt es sich, vor den
fünfzehn Minuten Stift und Zettel zur Hand zu nehmen und die Themen stichpunktartig aufzuschreiben. Und dann male hinter jedes Thema ein kleines Off-Zeichen.

Step No.3: So, das war schon der schwierigste Part. Was jetzt kommt, ist ganz einfach. Öffne deine Hände. Diese kleine Geste erscheint vielleicht unwichtig, sagt aber ganz viel aus. Den ganzen Tag über haben wir alle Hände voll zu tun. Es gibt so viel zu händeln, man kann nicht einfach die Hände in den Schoß legen, man muss das Leben in die Hand nehmen, fest zupacken und nehmen, was man kriegen kann... Die natürliche innere Haltung im Alltag ist die der geschlossenen Hände.
"Sei Still und wisse, dass ich Gott bin" (Psalm 46,10). Das Krasse an diesem Vers ist, das was in der deutschen Übersetzung mit Stille beschreiben wird, heißt auf hebräisch auch so viel wie Loslassen.
Jetzt ist ein Zeitpunkt zum Loslassen gekommen. Öffne die Hände. Wir haben nichts in die Welt mitgebracht und werden nichts aus ihr mitnehmen. Niemand hat das Leben wirklich in der Hand. Fühlt sich das wie ein sinnloses Spielchen an? Es ist so viel mehr als das. Nur wer offene Hände hat, kann sich beschenken lassen. Nur wer offene Hände hat, kann berühren.
Für heute genügt der Versuch, fünfzehn Minuten mit offenen Händen dazusitzen. Keine Sorge: Eine solche kleine Geste fällt nicht ins Leere, sondern kann wirklich etwas bewirken. Gott ist da. Er ist der Schöpfer, der dir alles geschenkt hat, woraus du bestehst und was du hast.
Und wenn nichts ist ... dann kann alles alles reich, voll und tief werden. Doch das wird nur dem passieren, der den Grund des Lebens entdeckt. Und das ist Gott. Er ist nicht schwer zu finden, wenn die Ablenkungen abgeschaltet und die Hände geöffnet sind. Hältst du das aus? Versuche es einmal!

"Be still and know that I am God." (Pslam 46,10) Hör auf mit der Flucht. Es gibt unendlich viel zu entdecken.

Be blessed
Manuel


Bildquelle: https://instaliga.com/youversion

Kommentare

Das könnte dich auch interessieren

Chill mal deine Basis

M E H R von Ihm (TDW 21/2018)

Fight your fears (TDW 22/2018)