Eine Herausforderung der heutigen Zeit (TDW 38/2017)

Lesedauer: 8min

Liebe deinen Nächsten. Auch wenn du ihn dir nicht ausgesucht hast!

Der Gesetzeslehrer fragte : "Und wer ist mein Nächster?" (Lukas 10,29)
Lies bitte zuerst: Lukas 10, 25-37

Hey du,
Jesus beruft dich, etwas zu bewegen. Und wenn du das verstanden hast, gibt es eigentlich nur noch zwei Fragen: 'Zu wem bin ich gesendet?' Und: 'Was habe ich dort zu tun?' Das sind meine Fragen geworden. Ich frage mich immer: Wem muss ich heute begegnen? Jeden Tag aufs Neue. Du und ich, wir sind von Jesus gesendet. Und überall wo ich in meinem Alltag Menschen begegne, will ich meinen Glauben leben und teilen. Weil ich nicht daran glaube, dass Begegnungen zufällig sind. Du wohnst nicht in irgendeinem Kaff, weil Gott dich langweilen will. Nein, du bist dort, weil du genau dort gebraucht wirst. So, wie du bist. Um ein Licht für die Menschen zu sein. Die Frage ist also: Zu wem bin ich gesendet, oder wen sendet Gott zu mir?

"Love each other"
Ein Gesetzeslehrer fragte Jesus, was man tun müsse, um das ewige Leben zu bekommen. Statt zu antworten, fragte Jesus zurück: "Was sagt die Gesetz dazu?" Der Mann wollte eine Fangfrage stellen, hat aber nicht geahnt, dass er mit dem Gesetzgeber persönlich sprach.
Daraufhin fasste der Gesetzeslehrer die Aussagen der Bibel in zwei Sätzen zusammen: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft" (5. Mose 6, 5) und: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (3. Mose 19, 18).
Die Bibel gibt uns eine klare Anweisung wie wir Gottes Willen erfüllen können. Aber Jesus challengt uns noch viel mehr. Denn Worte ohne Taten sind tot. Deshalb forderte Jesus ihn heraus: "Du hast richtig geantwortet. Jetzt geh, und lebe es!" Wow! Das ist Jesus - irgendwie provokant, herausfordernd, aber unglaublich wahr und schön.
Doch dem Gesetzeslehrer gefiel diese Antwort nicht, wahrscheinlich machte sie ihm ein schlechtes Gewissen. Und deshalb stellte er eine weitere Frage, wie um sich selbst zu rechtfertigen: "Und wer ist mein Nächster?". Als Antwort erzählte Jesus das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Ich mir ein Lieblingsgleichnis raussuchen müsste, wäre es dieses, denn es bringt Nächstenliebe auf den Punkt, es ist so menschlich, so reell und es zeugt von der größten Herausforderung unserer Zeit.

Der Nachbar, den wir uns so nicht aussuchen würden
Es ist ein sehr vielschichtiges Gleichnis. Aber eine Deutung sticht besonders hervor: Gott bestimmt, wer unser Nächste ist, den wir lieben sollen, nicht wir. Und oft sind das genau die Personen, die wir uns selbst nicht ausgesucht hätten.
Juden und Samariter konnten nicht befreundet sein. Die beiden Völker wollten nichts miteinander zu tun haben. Doch in der Geschichte, die Jesus erzählt, treffen genau diese beiden aufeinander. Der Jude war unerwartet in Not geraten und der Samariter entschied sich, ihm zu helfen. Der Samariter investierte Zeit, Geld, änderte seine Pläne und Prioritäten und riss ohne Worte die Mauer ein, die die Gesellschaft zwischen ihm und dem Mann gezogen hatte.
Ob uns das gefällt oder nicht, Gott erwartet von uns, unsere Nächsten so zu lieben, als wären sie unsere Freunde. Egal, ob sie reich oder arm sind, ob sie die gleiche Hautfarbe wie wir haben, oder die gleiche Sprache wie wir sprechen. Er fordert uns auf, bedingungslose Nächstenliebe zu leben.

Next to you
Und doch fällt es uns oft besonders schwer, die uns Nahestehenden zu lieben. Jemand hat mal gesagt: "Mit manchen Menschen schließen wir Freundschaft, mit anderen streiten wir, aber Gott bestimmt, wer in unserer Nachbarschaft lebt."
Gott fordert uns in der Bibel heraus, unsere Mitmenschen zu lieben. Und trotzdem erlebe ich immer wieder, dass wir manchmal denken, wir hätten die Wahl, wann wir wem helfen wollen, je nachdem, ob wir jemanden mögen und ob es uns zeitlich gerade passt...
Wir wollen zwar Nächstenliebe leben, aber nicht bedingungslos. Wir wollen Jesus nachfolgen, aber in manchen Bereichen unseres Lebens, wollen wir lieber selbst die Oberhand behalten. Wir bauen uns unseren Glauben, wie er uns gefällt.
Aber das ist es nicht, wozu Gott uns bestimmt hat. Er fordert uns auf, unseren Nächsten zu lieben, weil er in unserer Nähe ist. Das ist eine Verpflichtung, die uns nicht immer gefallen mag und eine Verantwortung, von der wir uns oft nicht bewusst sind. Doch unser Nächster ist genau der Teil der Menschheit, in dem wir ein Licht sein sollen für Gott. Du wohnst nicht in irgendeinem Kaff, weil Gott dich langweilen will. Nein, du bist dort, weil du genau dort gebraucht wirst.
 
Die Familie, die wir uns nicht ausgesucht haben 
In erster Linie sind unsere Familienangehörigen unsere Nächsten. Auch sie haben wir uns nicht ausgesucht, Gott hat sie uns zugeteilt. Wir wurden als Familie zusammengepackt, jeder hat seine Ecken und Kanten, und dann sollen wir uns mit dieser Nächstenliebe lieben, von der Jesus sprach. Der Autor C. K. Chesterton schrieb dazu einmal: "Nächstenliebe wird dann aktuell, wenn der eigene Bruder sich nicht für religiöse Themen interessiert und lieber in die Kneipe als in die Kirche geht. Unser Onkel mag die Art unserer Schwester nicht, wir stehen dazwischen und stellen fest, dass Nächstenliebe gegenüber der Familie nicht leichter ist als gegenüber der restlichen Welt. Unsere Tante argumentiert völlig unlogisch und gehört damit zu den Menschen, von denen wir uns normalerweise distanzieren würden. Unser Vater zählt zu den extrem begeisterungsfähigen Menschen, denen wir gerne aus dem Weg gehen. Jugendliche, die wie unser jüngster Bruder voller Gemeinheiten stecken, mögen wir eigentlich nicht und vielleicht haben wir auch noch einen Opa, der so rückständig ist wie manche alten Leute, die wir sicher nicht als unsere Nächsten aussuchen würden."
Hätten wir ein Mitspracherecht gehabt, dann hätten sich viele von uns andere Familien ausgesucht. Aber genau das macht die Familie zu einem Ort, an dem wir in der Herausforderung Nächstenliebe wachsen können. An dem wir Nächstenliebe lernen können. Familie ist wie ein Mikrokosmos, in dem die unterschiedlichsten Arten von Menschen eng zusammenleben und zusammengehören, auch wenn sie ganz verschieden sind.

Die Leute in der Gemeinde, die wir uns nicht ausgesucht haben
Unsere Familie können wir uns nicht aussuchen. Unsere Gemeinde schon. Aber auch da haben wir keinen Einfluss darauf, wer außer uns noch in die Gemeinde kommt. Und früher oder später weist unsere Gemeinde Ähnlichkeiten mit unserer Familie auf. Einige Leiter enttäuschen uns und manche Gemeindemitglieder haben eine ganz andere Weltanschauung als wir. Sie haben seltsame Hobbys, ihnen sind andere geistliche Dinge wichtig, sie haben andere Auffassungen und ihren Musikgeschmack teilen wir auch nicht..
Das Zusammenleben in der Gemeinde hat schon bald nichts mehr mit dem zu tun, was wir uns ursprünglich vorgestellt hatten. Gottes Idee von Gemeinde ist zwar wunderschön, aber nicht immer einfach. Die Realität ist weit entfernt von unseren Erwartungen. Viele kommen an der Stelle zu dem Schluss, dass es Zeit wird, sich eine bessere Gemeinde zu suchen.

Vereint im Glauben an denselben Gott
Das kann manchmal auch richtig sein, vor allem, wenn die Werte und die Theologie der Gemeinde wirklich den biblischen Grundlagen widersprechen. Dann ist es besser, wir suchen uns eine Gemeinde, die besser zu uns passt. Aber wenn wir uns in unserer Gemeinde nicht mehr wohlfühlen, weil wir von den schwierigen Menschen enttäuscht sind, die so anders sind als wir, und weil manches in der Gemeinde nicht unserem Geschmack entspricht, dann wird ein Gemeindewechsel nicht helfen. Dann müssen wir uns (neu) dazu entscheiden, die Menschen zu lieben, die Gott um uns herum platziert hat.
Nächstenliebe war von Anfang an Gottes Anspruch an die Christen. Jesus hat einmal zu seinen Jüngern gesagt: "An der Liebe untereinander wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid." (Johannes 13,35). Aber wenn ich mich in unseren Gemeinden heutzutage umblicke steht da vielmehr: An der Uneinigkeit untereinander und daran, wie ihr euch Bibelverse um die Ohren haut und euch vorführt wird jeder erkennen, dass ihr zu meiner Kirche gehört. Verstehst du, was ich meine? Lasst uns unseren Hochmut und unsere Arroganz ablegen und Nächstenliebe neu definieren. Lass uns als Gemeinde eins sein in Jesus. Wir sind eine Einheit, egal ob jung ob alt, ob arm ob reich, nichts kann uns trennen - denn wir sind vereint im Glauben an den selben Gott!

Age of migration
Heute sind nach Angaben der UNO mehr Flüchtlinge unterwegs als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Neu sind vor allem die Zahlen der unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlingen. Zigtausende Jugendliche aus Afghanistan und anderen Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostens kommen alleine nach Deutschland. Auf dem rechten Rand der Gesellschaft, aber auch zunehmend in der Mitte wächst die Angst vor der  Überfremdung. Die Angst vor Neuem, vor neuen Kulturen, anderen Sitten... Hinzu kommt die Angst, dass die religiösen und politischen Konflikte aus den Herkunftsländern auch hier in Deutschland ausgetragen werden. Die islamistischen Terroranschläge in Europa und immer wieder schreckliche Nachrichten über den islamischen Staat nähren diese Furcht und führen zu einem rassistischen Denken z.B. gegenüber Muslimen. PEGIDA Demonstrationen sind ein Ausdruck dieser zunehmenden Ausländerfeindlichkeit.
Wir als Christen sollten in der Flüchtlingsproblematik eine Sonderrolle einnehmen. In der Bibel ist Flucht und Migration eines der großen Themen. Es scheint, dass Gott Migration geradezu gebraucht, um Menschen dahin zu bringen, dass sie ihn suchen und finden oder auch um Menschen dorthin zu führen wo er sie für seinen wunderbaren göttlichen Plan braucht. Abraham war ein Migrant auf Gottes Befehl. Jesus selbst war ein politischer Flüchtling und fand in Ägypten Schutz vor Herodes. Petrus schreibt einen Brief an die "von Gott erwählten, die als Fremde in dieser Welt [...] verstreut sind" (1. Petrus 1,1). Von daher sollen wir als Christen in Deutschland gerade Flüchtlingen Zuwendung geben und ihnen zeigen, dass sie bei Gott willkommen und nicht vergessen sind. Traumatisierte Flüchtlinge Gastfreundschaft und brüderliche Liebe erfahren zu lassen ist die Aufgabe, die Gott uns als Gemeinde gibt.
"Vergesst nicht, Gastfreundschaft zu üben! Denn auf diese Weise haben schon einige Engel bei sich aufgenommen." (Hebräer 13,2)    

Weltmission geschieht durch dich
Als Christen sollten wir nicht über Überfremdung klagen, sondern uns freuen, dass Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen nach Deutschland kommen. Wir müssen nicht mehr in fremde Länder reisen um missionarisch aktiv zu sein. Weltmission geschieht in deiner Stadt. Wie cool wäre es, wenn du für einen Jugendlichen aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak derjenige bist, der ihm in der Fremde ein Stück Heimat gibt. Durch dich hat er die Chance Jesus und seine Gemeinde kennenzulernen und zu erfahren, dass "...Gott den Fremden liebt." (5. Mose 10, 18)

Let us show the truth by our actions
Solange es ein abstraktes Konzept bleibt, gefällt uns die Nächstenliebe eigentlich ganz gut. Aber wenn es darum geht, unseren Nächsten ganz konkret zu lieben, wird es auf einmal kompliziert. Denn diese Person, die dann auf einmal vor uns steht, ist uns vielleicht unsympathisch, wir gehen ihr normalerweise aus dem Weg und denken nicht im Traum daran, ihn zum Freund haben zu wollen. Plötzlich wird es schwierig mit der Nächstenliebe. Tatsächlich ist sie kein schönes Ideal, denn Liebe hat immer mit Hingabe und Verzicht zu tun und richtet sich an unvollkommene Menschen.
Liebe ist nicht normal. Wenn man es sich genau überlegt, ist sie sogar ziemlich bekloppt. Sie wiederstrebt dieser Welt. Denn warum sollte man jemandem etwas geben oder ihm Gutes tun, wenn man nichts dafür will? Keinen Vorteil darauf ziehen will? Liebe passt eigentlich nicht in unser Weltbild. Liebe ist göttlich. Aber Jesus bringt gerade diese Liebe in unsere Welt. Er schwimmt gegen den Strom und wir sollen ihm nachfolgen. Menschen lieben, ohne einen Vorteil daraus ziehen zu wollen. Dieser Welt wiederstreben und den Himmel auf die Erde bringen. Durch unser Leben Menschen zeigen, wie Gott ist.
Denn Gottes Liebe leuchtet dann am hellsten, wenn sie uns Zeit und Mühe kostet und nicht selbstverständlich ist.

Dann geh und mach es ebenso!
Wenn wir zusammen mit dem Gesetzeslehrer fragen: „Wer ist mein Nächster?“, dann bekommen auch wir vielleicht eine Antwort, die uns nicht passt.
Denn wenn Jesus seine Zuhörer in der Bibel zu etwas aufgefordert hat, hat das ehre völlig entgegengesetzt geklungen. Er forderte jemanden auf, ihm nachzufolgen und nahm keine Rücksicht. Noch nicht einmal auf sein eigenes Leben. Aber genau deshalb konnte er sagen: "Folge mir nach!"
Statt uns aufzufordern, die Menschen zu lieben, denen wir uns nahe fühlen, wird er uns vielleicht zu den Leuten führen, die ganz anders sind als wir, bedürftig, chaotisch, zerstört - Menschen, denen wir eigentlich keine Beachtung schenken würden - zu ihnen schickt er uns: "Das ist dein Nächster."
Vielleicht kennen wir die Person noch nicht, die Jesus uns als unseren Nächsten in unser Leben gestellt hat. Aber vielleicht lebt er oder sie auch schon direkt neben uns, in unserer Straße oder in unserem Haus. Und ich sage es nocheinmal: Du wohnst nicht in irgendeinem Kaff, weil Gott dich langweilen will. Nein, du bist dort, weil du genau dort gebraucht wirst. So, wie du bist. Um ein Licht für die Menschen zu sein.
Der gleichnishafte Samariter liebte den verletzten Juden in der Geschichte so wie sich selbst. Und Jesus sagt zu uns, was er zu dem Gesetzeslehrer sagte: "Geh und mach es ebenso!"

Be blessed
Manuel



Bildquelle: https://instaliga.com/youversion

Kommentare

  1. Gebetsanliegen - Wahlen in Deutschland

    Das wird morgen ziemlich spannend in Deutschland, oder? Alle Wahlberechtigten sind aufgerufen, wählen zu gehen und als Christen sind wir zusätzlich noch alle aufgerufen, für die Menschen zu beten, die regieren bzw. die regieren werden.
    Bete um Gottes Führung für Deutschland und gerade auch für Führung der Politiker.
    Bete für veränderte Herzen von Politikern im Bundestag.
    Bete, dass man sich in der Politik mehr zuhört und weniger austeilt und beschuldigt.
    Bete dafür, dass wieder mehr diskutiert wird, anstatt einander zu beleidigen.
    Bete, dass Menschen von verschiedenen Parteien aufeinander zugehen und sich vergeben können.
    Bete, dass die regierenden Parteien in den nächsten vier Jahren eine weise und weitsichtige Politik machen!

    Glaubst du, dass Gott in diesem Bereich ein Wunder tun kann?
    Dann lasst uns heute als Community dafür beten!

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