Muss man die Bibel wörtlich nehmen?

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Oder: Was in der Bibel ist gültig für mich?

Die Bibel ist gültig - schon klar! Aber was ist gültig für mich? Viele Fragen und ein Dschungel von Meinungen. Was kann da helfen?

Hey du,
Was ist eigentlich schiefgelaufen? Genau das habe ich mich gefragt, nachdem ich als Kind an einem wunderschönen Sommertag eine intensive Begegnung mit einem - wie sich herausstellte unbeweglichen - Stein hatte. Mein Schienbein sah nach der Stolperfalle ziemlich mitgenommen aus, und der Rest des Tages war für mich gegessen, genau wie Psalm 91,12. "Sie werden dich auf Händen tragen, und du wirst dich nicht einmal an einem Stein stoßen!"
Von wegen, Engel werden dich auf Händen tragen, damit du nicht über Steine stolperst. Tja, schade! Ganz offensichtlich hat Gott damit nicht mich gemeint! Aber dieses Stolperstein-Erlebnis war doch etwas Gutes! Weil es mich vor ein paar Tagen zum Nachdenken über mein Verständnis von biblischen Texten brachte. Aus kindlicher Enttäuschung wurde im Laufe der Zeit ein ernsthaftes hinterfragen: Die Bibel ist gültig - schon klar! Aber was ist gültig für mich?

Wie kann ich erkennen, ob ein Bibeltext gültig für mich ist?
Die Bibel ist ein Buch voller Erzählungen, voller Berichte, voller Hoffnung und voller Wahrheit. Kein anderes Buch vereint mehr Textsorten in sich und das, obwohl im Grunde nur eine Geschichte erzählt wird - die Geschichte Gottes mit den Menschen. Und genau das liebe ich an der Bibel. Dass Gott sie so vielschichtig gemacht hat. Liebeslyrik, spannende Thriller, Krimistorys, Romantik, Fantasy... Es wird nie langweilig sie zu lesen, weil man immer wieder neue Schichten entdecken kann. Es gibt keinen Vers, der nicht eine tiefere Bedeutung hätte.
Jeder Text, der dir in der Bibel begegnet, wurde mit einer bestimmten Absicht verfasst. Und genau die kann dir dabei helfen, einen biblischen Text zu einzuordnen und zu verstehen, was davon für dein Leben gilt und was nicht. Ich stell mir einfach folgende Frage: Was habe ich für einen Text vor mir? Einen Bericht? Ein Bekenntnis? Eine Verheißung? Oder einen Auftrag?

Der Bericht
"Gott ließ durch Paulus ganz erstaunliche Wunder geschehen. Die Leute legten sogar Tücher, mit denen Paulus sich den Schweiß abgewischt hatte, und Kleidungsstücke von ihm auf die Kranken und sie wurden gesund. (Apostelgeschichte 19, 11-12)
In der Bibel findest du viele Berichte darüber, was Menschen damals mit Gott erlebt haben. Du liest, wie Leute mit Gott gelebt haben, wie sie gedacht und gehandelt haben. Wenn Lukas darüber berichtet, wie Menschen die Schweißtücher von Paulus benutzt haben, um Kranke zu heilen (Gott heilte sie tatsächlich so), ist das zunächst mal eine reine Beschreibung. Vielleicht etwas crazy, aber wahr! Du kannst dich natürlich fragen, warum Gott auf diese Weise geheilt hat. Aber voreilige Schlüsse wie "So muss man das auch heute machen!", sind hier eher nicht angesagt. Zumindest könnte das manchmal ziemlich schräg enden. Manchmal ist es eben auch dran, den Text einfach mal als Beschreibung stehen zu lassen.

... und Augenzeugenberichte
"Jesus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!" (Lukas 24, 34)
Andere Bibeltexte sind wiederum Erzählungen im Stil von richtigen Augenzeugenberichten: Jemand beschreibt beispielsweise, wie Jesus einen Blinden geheilt hat (Johannes 9). Das glaube ich eins zu eins und nehme es - wenn du so willst - "wörtlich". Für mich ist es zwar ein total abgefahrenes Wunder, das weder ich, noch der Blinde selbst erklären können, aber ich gehe davon aus, dass Jesus als Sohn Gottes dazu auf jeden Fall in der Lage ist (immerhin ist er auch von den Toten auferstanden, da dürfte ein kaputter Sehnerv nun nicht das Problem sein).
Und übrigens ist auch der Tod und die Auferstehung von Jesus mit Augenzeigenberichten belegt und so für mich hundertprozent, Wort für Wort glaubwürdig. Es gibt so viele Beweise für die Auferstehung von Jesus, dass es mir bei genauerem Betrachten und Auseinandersetzen mit den Berichten auch Nicht-biblischer Quellen leichter fällt daran zu glauben, als das Gegenteil zu behaupten.

Das Bekenntnis
"Ich liebe dich, Gott! Du bist meine Kraft! Der Herr ist mein Fels, meine Festung und mein Erretter, mein Gott, meine Zuflucht, mein sicherer Ort. Er ist mein Schild, mein starker Helfer, meine Burg auf unbezwingbarer Höhe." (Psalm 18, 2-3)
Wenn du die Psalmen liest, erfährst du meistens etwas über persönliche Erlebnisse einer Person. In diesen Gebeten und Liedern wird oft beschrieben, wie Gott jemandem aus der Patsche geholfen hat. Passend dazu findest du an vielen weiteren Stellen Bekenntnisse zu Gott, in denen sein Wesen beschrieben wird. Aber gilt das nun auch für mich, dass Gott "meine Burg" und "mein Erretter" ist? Ob so etwas für alte Zeit gültig oder bloß eine einzelne Erfahrung ist, kannst du leicht herausfinden: Wird das an mehreren Stellen in der Bibel über Gott gesagt? Wenn sich Bekenntnisse in der Bibel wiederholen, kannst du darauf schließen: So ist Gott immer - auch für mich!

Die Verheißung 
"Sie werden dich auf Händen tragen, und du wirst dich nicht einmal an einem Stein stoßen!" (Psalm 91, 12) 
Im Alten Testament findest du besonders viele Verheißungen und Versprechen. Zum Beispiel das "Stolperstein"-Versprechen in Psalm 91,12! Wenn du das für dich persönlich annimmst, solltest du dabei Folgendes im Hinterkopf behalten: Da steht nichts davon, dass Gott alle oder dass er immer beschützt! Es ist also nicht immer direkt wörtlich zu nehmen, sondern man sollte darauf achten, wem und in welchem Zusammenhang Gott diese Zusage macht. Wenn in Jeremia 29,11 steht, dass Gott den Israetiten eine gute Zukunft schenken will, ist das eine glasklare Verheißung - wenn ich mir jedoch nicht sicher bin, ob das auch für mich gilt, kann mir eine weitere Frage helfen: Stimmt das damit überein, wie Gott grundsätzlich zu den Menschen steht?

Der Auftrag
"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit deinem ganzen Verstand. Das ist das erste und wichtigste Gebot. Aber genauso wichtig ist ein zweites: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst." (Matthäus 22, 37-39)
Einen Auftrag erkennst du meistens daran, dass er in Befehlsform formuliert ist, wie in dem Gebot der Liebe. Hier ist es etwas einfacher, die Gültigkeit für dein Leben zu sehen. Wenn diese Aufträge durchgängigen Prinzipien in der Bibel entsprechen. Das Gebot der Liebe etwa gilt für alle Zeiten, und ist in jedem Fall gültig. Was ist aber mit dem Auftrag, etwas von deinem Geld abzugeben? Auch hier wirst du hinter den Aufträgen (Maleachi 3,10; Lukas 12,33; 2. Korinther 9,7) ein Prinzip des Gebens erkennen - dadurch kannst du die Gültigkeit dieser Aufträge für dein Leben abschätzen.

Schnitzeljagd zu Gott
Die Frage nach der Absicht eines Textes kann dir in einem ersten Schritt eine Hilfe sein. Vielleicht hast du gemerkt, dass man nicht einfach sagen kann: "Veraltet, gilt nicht mehr!" und "Passt, kann ich so übernehmen!" Das wäre aber auch zu schön, oder? Zweifel, Diskussionen und ewige Haarspaltereien wären ein für alle Mal erledigt Aber so einfach ist es nicht! Und irgendwie bin ich froh darum.
Es ist - positiv gemeint - ein bisschen wie bei einer Schnitzeljagd: Man entdeckt einen Hinweis, der zum nächsten führt, bleibt auf der Fährte oder verliert auch mal die Spur. Dabei sammelt man gute Erkenntnisse über den richtigen Weg, aber vor allem auch eine Menge Spaß. Und je weiter man kommt, desto mehr gewinnt man an Erfahrung und entwickelt ein Gespür für den Fährtenleger. Man lernt ihn einzuschätzen und ahnt vielleicht schon, wohin die nächste Wegetappe führen könnte, obwohl man sie noch gar nicht sehen kann.
Und gerade, weil es so viele Sichtweisen für ein und denselben Text gibt, wird die Bibel niemals langweilig. Es gibt immer etwas neues zu entdecken. Für mich, meinen Alltag und über Gott. Aber genau deshalb ist es hilfreich, sein eigenes Verständnis zu hinterfragen, sich auf ein Nachdenken einzulassen und offen für neue Sichtweisen zu sein.

Tausch dich aus
Lass mich dir ein Beispiel geben: Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung gib es ein echt fettes Bild, in welchem die zukünftige Stadt im Himmel aus purem Gold dargestellt ist (Offenbarung 21, 16-21). Bei dieser prophetischen Bildersprache geht es meiner Meinung nach nicht darum, dass wir irgendwann einmal in goldenen Wohnzimmern von goldenen Sofas aus fernsehen werden, sondern darum, dass Gold auf unserer Erde besonders wertvoll ist und es deswegen besonders begehrt, aber nur schwer oder für teures Geld zu bekommen ist; in der Ewigkeit dagegen wird dieses Material anscheinend geradezu im Überfluss vorhanden sein. Das drückt aus, wie unbegrenzt und großzügig Gott ist und wie besonders es sein wird, in seiner himmlischen Stadt leben zu dürfen.
Das ist jetzt nicht die Interpretation dieser Bibelstelle im Sinne von "einzig richtige und wahre", sondern nur eine mögliche Auslegung die zu all dem passt, was ich bereits in meiner Schnitzeljagd über Gott und die Ewigkeit herausgefunden habe. Vielleicht kommst du zu ähnlichen Schlüssen, vielleicht verstricken wir uns aber auch in eine kontroverse Diskussion?
Ich denke, genau das ist das Ziel, wenn man die Bibel ernst nehmen möchte: dass man gemeinsam darum ringt, zusammen mit dem Heiligen Geist, Gottes Power in uns, die einzelnen persönlichen Sichtweisen zusammenzubringen. Und am Ende ein großes Bild zu erhalten.
Klar, es ist nicht immer einfach auf so ein gemeinsames Bild zu kommen, oft sind die Meinungen auch sehr verscheiden, aber ich möchte euch dazu ermutigen: Traut euch über den Text zu diskutieren, ruhig auch mal etwas heftiger. Denn so erlangt man meist die tiefsten Erkenntnisse!

Die Bibel hat das Potential mein Leben auf den Kopf zu stellen
Das ist allerdings noch nicht unbedingt weltbewegend. Einen Unterschied macht mein Glaube erst, wenn ich die Bibel auf mein Leben beziehe. Wenn ich versuche, die krassen Dinge, die Gott mit den Menschen gewirkt hat, auf meinen Alltag zu übertragen. Dann werden diese Geschichten, aus einem alten Buch nicht einfach nur Geschichten bleiben, sondern dann werde ich mit Gott Geschichte schreiben. Jetzt und hier. Er wird mich verändern, herausfordern und mich einen Gott erleben lassen, der mich unglaublich liebt und der einen richtig steilen Plan für mein Leben hat.
Am Ende ist die Bibel eine gute Nachricht. Besonders solche Stellen, an denen ich mich am Anfang sehr gestoßen habe, haben mein Leben am meisten bereichert. Aber eben deshalb, weil ich im Dialog mit dem Heiligen Geist drangeblieben bin und den Gott hinter diesen Wörtern gesucht habe.

Dranbleiben und hinterfragen
Meine Auffassung dazu lautet also: Man sollte die Bibel nicht immer wörtlich nehmen, aber ernst.
Was meine ich damit? Ich glaube, dass die Bibel keinen Klamauk enthält oder Gott sich einen Scherz erlaubt, um uns maximal zu verwirren. Sondern er ringt darum, uns Dinge begreiflich zu machen, die jenseits dessen liegen, was wir verstehen können. Deswegen verwendet er oft Bilder und Beispiele. Und es ist unser Job, sie ernsthaft zu erforschen und zu begreifen. Das ist es, was die Bibel so spannend macht und was unglaubliches Potential in unserem Leben freisetzen kann.
Was ich dir heute mitgeben will: Man muss die Bibel nicht immer wörtlich nehmen, aber auf jeden Fall ernst!

Be blessed
Manuel 


Bildquelle: https://instaliga.com/youversion

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