Gemeinde neu erleben

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Warum unsere Gemeinden neuen Wind brauchen

"Ich werde meine Gemeinde bauen", sagt Jesus zu seinen Jüngern. In den Briefen des Neuen Testaments lesen wir, wie sich Gott Gemeinde vorgestellt hat. In der Kirchengeschichte sehen wir ganz unterschiedliche Formen von Gemeinde. Das stellt uns vor die Frage: Wie soll Gemeinde heute gelebt werden? 

Hey du,
ich habe einen Traum von Gemeinde. In diesem Traum kommt nicht vor, welche Musik gespielt wird. Dieser Traum hat nichts zu tun mit Gemeindeformen. Dieser Traum von Gemeinde ist, dass wir Gottes Geschenk der Gemeinschaft neu entdecken. Dass wir Gemeinde bauen, so nah wie möglich an den biblischen Prinzipien, so nah wie möglich an dem Leben der Menschen und so nah wie möglich am Puls unserer Zeit. Offen für die Welt. Ich träume davon, dass wir immer mehr so werden wie Jesus: Er hat Gottes Willen ausgelebt und war dabei ganz nah dran an den Pharisäern, den Zöllnern, den Ehebrechern, den Reichen, den Menschen. Er hat in ihr Leben gesprochen und er hat sein Zeitalter geprägt, wie kein anderer. Mein Traum ist, dass wir immer mehr die Einstellung von Paulus gewinnen: Er hat leidenschaftlich dafür gekämpft, dass Gottes Wahrheit gelebt wird und konnte dabei sagen: "Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette."

Für so viele Menschen ist der Glaube keine fesselnde Geschichte mehr, weil er meist gar keine Geschichte ist. Er ist wie eine Formel, eine Sammlung von Fakten oder eine mathematische Gleichung. Aber was, wenn es etwas Besseres gäbe? Ich bin fest davon überzeugt, dass Jesus uns eine bessere Geschichte erzählt.
Wenn das Christentum einmal ganz neu anfangen soll, müssen wir beim Evangelium anfangen.
Meine erste denkwürdige Begegnung mit dem Evangelium hatte ich vor einigen Jahren auf einer Freizeit. Andere Teilnehmer um mich herum weinten. Kaum jemand stand noch. Es war ein eindrücklicher Moment. Es war der letzte Abend und alle "ließen Jesus in ihr Herz". Jemand spielte leise Klavier und der Freizetleiter forderte die Jugendlichen dazu auf, die Augen zu schließen. Dann sagte er: "Okay, wenn du das für dein leben willst, wenn du all die Fehler ablegen willst und ein Leben mit Jesus leben willst, dann darfst du mir jetzt nachsprechen ..." Kennst du das?
Wenn man überlegt, wie verbreitet solche Erlebnisse noch vor einigen Jahren waren, dann frage ich mich: Warum käme uns eine solche Situation heute so seltsam oder irgendwie abwegig vor? Wie kommt es, dass wir so danebenliegen? Wie kommt es, dass unsere Gute Nachricht nicht mehr viel gemeinsam hat mit der Guten Nachricht von Jesus?

Weder Trend noch Tradition
Stell dir vor, du würdest das Lukasevangelium aufschlagen anfangen eine Rede von jesus zu lesen und da steht: "Okay, hört mal alle her. Wenn ihr mir nachfolgen wollt, wenn ihr Gott als euren Vater anerkennt und eure Fehler bekennen wollt, dann schließt die Augen. Der Anbetungsleiter wird jetzt hinter mir leise Klavier spielen und wenn du meinst, dass du mir nachfolgen möchtest, dann heb einfach die Hand. Keine Angst. Niemand sieht dich." Und wenn dann jemand seine Hand hebt, sagt Jesus: "Ich sehe deine Hand, aber Gott sieht dein Herz."
Das klingt schon fast komisch, oder? Wenn Jesus seine Zuhörer zu etwas aufgefordert hat, hat das eher völlig entgegngesetzt geklungen. Er forderte jemanden auf, ihm nachzufolgen und nahm keine Rücksicht. Noch nicht einmal auf sein eigenes Leben. Aber genau deshalb konnte er sagen: Folge mir nach! Die völlige Hingabe, das Unbekannte, der Hinweis darauf dass die Entscheidung mit dem Tod enden könnte, all das verdichtete sich in diesem einen kurzen Satz: Folge mir nach.
Die Sache ist, dass wir oft in einer sehr miesen Geschichte stecken. Und die meisten von uns leben nicht nur selbst darin, sondern sie sagen anderen auch noch: Wenn du zu Jesus kommst, kannst du dieser Welt entfliehen. Aber hat Jesus nicht gesagt, er sei gekommen, um diese Welt zu retten? Mal angenommen, wir würden anfangen das Evangelium neu zu entdecken. Und diese geniale Message zu leben.
Ich träume davon, dass Gemeinden sich neu danach ausrichten. Nach Gottes Botschaft für diese Welt. Und dass wir anfangen, die zeitlosen biblischen Prinzipien zu identifizieren und danach zu leben. Das ist gar nicht so einfach wie es sich im ersten Moment anhört. Durch 2.000 Jahre Kirchengeschichte haben sich viele Vorstellungen von Gemeinde entwickelt, und durch eigenes Erleben hat jeder von uns ein Bild von Gemeinde. Das führt zu der Gefahr, dass wir unsere Tradition mit der Bibel verwechseln. Zudem sind wir alle beeinflusst durch gesellschaftliche Trends und theologische Strömungen, die neu entstehen. Dabei soll weder Trend noch Tradition unsere Richtschnur sein, sondern allein die Bibel. Dafür müssen wir sowohl unsere Tradition, als auch die Trends kennen und immer wieder neu ringen um die Erkenntnis der biblischen Prinzipien.

Während die biblischen Prinzipien beständig und unveränderbar sind, verändern wir Menschen uns ständig: unsere Lebensfragen, unser Denken, unsere Erfahrungen, unsere Kultur. Bei Jesus und Paulus merkt man sehr deutlich, wie sie sich genau auf ihren Gegenüber eingestellt haben. Jesus tritt den religiösen Menschen zum Beispiel sehr hart und deutlich entgegen: er findet klare Worte und handelt konsequent. Bei den Zöllnern und Sündern verhält er sich ganz anders annehmend und vergebend. Er ist bei ihren Treffen dabei, spricht liebevoll-deutlich mit der Ehebrecherin und lädt sich zum Essen bei Betrügern ein. Paulus verkündet das Evangelium bei Juden und Griechen ganz anders und ist damit nah an den Menschen. 
Auch heute ist es mindestens genauso wichtig, dass wir als Gemeinden nah an den Menschen sind. Wir müssen biblisch begründete Antworten auf die Lebensfragen der Menschen liefern. Wir brauchen Gemeindeformen, die biblisch verankert sind und den Menschen heute entsprechen. Paulus wusste, dass er den Griechen auf dem Marktplatz begegnen konnte und den Juden in den Synagogen. Er hat verstanden, dass er für die Juden bei der Geschichte Israels anknüpfen musste und bei den Griechen an ihrer Gottesvorstellung. Ich wünsche mir, dass auch wir verstehen, wie wir den Menschen in unserer Zeit begegnen müssen und sie als unsere Nächsten anzunehmen und zu lieben.

Der Jesus vom Bahnhofsvorplatz
Genau dieser Punkt wird in unsere Zeit so oft übersehen oder sogar bewusst ignoriert. So viele Gemeinden wollen mit den ganz kaputten Menschen nichts zu tun haben. Aber Jesus ging gerade zu diesen Menschen, von denen sich die geistlichen Leiter seiner Zeit fernhielten. Er war bei den Leprakranken, bei den Prostituierten und bei den Betrügern. Sein Auftrag war ja gerade, Sünder zu retten, deshalb ging er keinem von ihnen aus dem Weg. Denn wer besonders tief in der Sünde steckte, brauchte ihn besonders dringend. Jesus kniete sich in die tiefsten Nöte der Menschen hinein, um sie zu lieben, zu heilen und zu trösten. Ich glaube, dass Jesus nicht Sonntag für Sonntag in der ersten Reihe einer Kirche fröhlich seine Worship-Lieder schmettern würde.
Ich schätze, Jesus würde im Zweifelsfall die Sonntagmorgensgottesdienste schon nach der Begrüßung verlassen. Er würde zum Bahnhofsvorplatz gehen. 
Bestimmt würde er sich in der Kirchentür noch umdrehen und sagen: „Kommt mit und unterstützt mich! Ihr wisst schon, wovon ich rede." Viele der Leute vermutlich noch nicht.
Die Gefahr dabei ist aber auch, dass wir den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Das kann zum Beipsiel dazu führen, dass wir Themen verschweigen, die anstößig sind.

Offen ist gut! Eine Gemeinde, die sich den Ruf einer "offenen Gemeinde" erarbeitet hat, ist wahrscheinlich auch eine wachsende Gemeinde. Denn sie erreicht Menschen, eben weil sie offen ist.  Diese Offenheit war eines der markantesten Merkmale der ersten Christen. In der Apostelgeschichte lesen wir, dass die erste Gemeinde "Gunst beim ganzen Volk hatte". Eine schönere Beschreibung für "offene Christen" habe ich noch nie gelesen. In Zahlen ausgedrückt: 100 n. Chr. gab circa 25.000 Christen, 200 Jahre später waren es 20 Millionen. Wie haben die das geschafft? Wie sind sie in nur zwei Jahrhunderten von einer kleinen Minderheit zur wichtigsten religiosen Macht im römischen Reich gewachsen? Spontan würde ich sagen: Wer so viele Menschen erreicht hat, muss offen für andere Menschen gewesen sein. Indem sie sich dem Nächsten zugewandt hat, wuchs eine kleine Gruppe von gläubigen Christen zu einer Bewegung an, die zweitausend Jahre später 2,l8 Milliarden Gläubige zählt. Und das alles, weil sie ohne Wenn und Aber Jesus nachfolgten und Anteil nahmen an dem, was um sie herum geschah!

Eine Vielzahl von Gemeinden ist in den letzten Jahren still und leise von der Landkarte Deutschlands verschwunden. Sie starben im wahrsten Sinne des Wortes einfach aus! Und um ganz ehrlich zu sein: Ich verstehe, warum diese Gemeinden keine neuen Mitglieder anziehen konnten. Bitte nicht falsch verstehen: Ich möchte nicht mit dem Finger auf offensichtliche Fehler einzelner Gemeindeformen zeigen. Das steht mir nicht zu. Ich weiß, dass das heutige Gemeindeleben einer enormen Spannung zwischen Tradition und Anpassung unterworfen ist. Aber wie oft saß ich sonntagmorgens in einem Gottesdienst und dachte: Also hier würde ich freiwillig nicht noch einmal herkommen. Ich empfand es als langweilig, eingefahren. Es wäre mir peinlich gewesen, einen "nicht gläubigen Freund" mit hierhin zu nehmen, weil die Gottesdienste wie eine "geschlossene Gesellschaft" wirkten - und damit alles andere als "offen"! Unsere Kirchen wirken oft etwas zurückgeblieben in der Zeit. Gemeinde als ein abgegrenzter Mikrokosmos. Es kam mir vor wie eine Subkultur mit eigener Sprache, eigenem Dresscode, eigenem Verhaltenskodex und Themen, die mich eigentlich nicht interessierten. Ich glaube, ein Teil des Problems ist, dass unsere christliche "Festplatte" in den letzten zweitausend Jahren mit einer Unmenge von teilweise falschen Daten bespielt wurde. Einiges wurde zwischenzeitlich wieder gelöscht, anderes wurde hinzugefügt. Alles in allem aber ist das "Christentum" zu einem unübersichtlichen Gedankenkomplex geworden, mit ausgesprochenen oder unausgesprochenen Gewohnheiten, die bei genauem Hinsehen nicht viel gemein haben mit dem, was die ersten Christen geglaubt und vor allem, wofür sie gelebt haben. 

Es ist an der Zeit, Gemeinde neu zu definieren, Dinge wieder einfacher zu begreifen und die erlösende Kraft des Evangeliums freizusetzen. Nah zur Bibel nah zu den Menschen und mitten am Pils unserer Zeit.
Jede Generation damals und heute muss die Frage klären: Wer ist Jesus für uns?
Wir müssen darauf unsere Antworten finden und dann loslegen, gemeinsam kleine Schritte gehen, ihn nachfolgen und Gemeinde leben.
Wer von Glauben und Vertrauen redet, muss die Voraussetzung für Glauben und Vertrauen in der Gemeinde schaffen. Wir sollten anfangen, die Gemeinde als Raum des gemeinsamen Lebens zu verstehen, in dem wir die Fenster weit öffnen und den frischen Wind des 21. Jahrhunderts, mit all seinen Fragen, kräftig wehen lassen. Wahrnehmen, was um uns herum geschieht, teilnehmen am Schicksal anderer, Interesse und Empathie zeigen an dem, was vor unserer Gemeindetür, in unserer Stadt in unserem Land und weltweit vor sich geht. "Yes, we are open!"
Ich träume von Gemeinden, die so nah wie möglich an der Bibel, so nah wie möglich an den Menschen sind und mitten am Puls unserer Zeit stehen. Darin steckt eine Spannung und eine Herausforderung. Aber auch eine Chance und ein Abenteuer. Lasst und anfangen Gemeinschaft neu zu definieren und sie zu leben. Authentisch. Mutig. Leidenschaftlich. Und immer on fire für den, der und geschaffen hat und und der in uns wohnt. Jesus.
Lasst uns uns an die "christliche Festplatte" wagen und herausarbeiten, was es eigentlich bedeutet, heute authentisch Glauben zu leben. Nein, es geht nicht in erster Linie um Methoden oder Erfolgsrezepte. Es geht um eine neue Kultur der Nachfolge. Es geht um uns selbst.

Be blessed
Manuel


Bildquelle: http://ligaviewer.com/yesheis_

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