Wartezeiten

Lesedauer: 5min

Und wie sie zu Lebenszeiten werden

Wir warten. Ständig. Unser Alltag steckt voller Warten. Es bremst uns aus, lässt uns stillstehen und uns irgendwie das Hier und Jetzt verpassen. Aber das muss nicht sein.

Hey du,
Warten. Wir warten jeden Tag. In der Schlange bei Aldi, vor dem Klo am Kino, im Restaurant aufs Essen, im Zug auf funktionierendes Internet, beim Arzt im Wartezimmer, im Fernsehen darauf, dass die Werbung vorbeigeht, auf die Straßenbahn die Verspätung hat, die Message einer Freundin. Wir warten. Ständig. Und meistens macht uns das wenig aus, denn wir warten auf absehbare Dinge. Auf Dinge, die ganz bald eintreffen. Meistens fühlt es sich nicht mal richtig wie Warten an. Diese Wartezeiten sind ziemlich easy. Doch Warten kann auch etwas sein, das länger dauert, stimmts? Zum Beispiel wenn wir darauf warten endlich mit der Schule fertig zu sein und selbst bestimmen zu können, wie es weitergeht. Hier ist schon mehr Geduld gefragt. Aber, auch das bewältigen wir, da wir ja wissen, wann diese Zeit des Wartens vorbei ist. Wir warten auf den Sommer, ganze 10 Monate im Jahr. Auch wenn sie sichtlich länger dauert als das Warten bei der Aldikasse.

Warten auf das Unbekannte
Doch, es gibt auch ein Warten, dass wir nicht so leicht bewältigen. Es gibt eine Zeit des Wartens, die nicht begrenzt ist. Eine Zeit des Wartens auf das Unbekannte. Auf etwas, das wir erhoffen, aber von dem wir uns nicht sicher sind, ob es jemals eintreten wird. Viele warten darauf, den Partner ihres Lebens zu finden. Doch ob das jemals passieren wird, wissen sie nicht. Viele von uns warten darauf endlich ihren Traumjob zu finden. Doch gibt es den überhaupt? Manche suchen Jahre nach dem perfekten Studium aber was, wenn es das gar nicht gibt? Manche warten darauf, dass sich jemand bei ihnen entschuldigt - doch ob das jemals eintreffen wird? Wir warten darauf gesund zu werden, reich zu werden, mehr zu erleben... und was diese Dinge gemeinsam haben ist, dass niemand sagen kann wann diese Zeit des Wartens vorbei sein wird. Und das, genau das ist eine Zeit des Wartens, die den meistens von uns wohl ziemlich schwerfällt.
Nicht immer, aber immer wieder. Zumindest geht es mir so. Es gibt Tage, da macht es mir nichts aus. Da bin ich tiefenentspannt und genieße mein Leben. Zu Einhundertprozent. Doch dann manchmal fällt mir plötzlich ein, dass ich gar nicht weiß, wann diese Zeit des Wartens vorbei sein wird.
Kennst du das? Mir wird schlagartig bewusst, dass es sein kann, dass mein Leben sich in vielen Bereichen nicht verändert und die Dinge einfach so bleiben, wie sie sind. Panik macht sich breit. Plötzlich wird dieses Warten ungemütlich und ich würde am liebsten die ganze Welt zusammenfalten und die Zeit beschleunigen, um zu wissen, was in den nächsten 5 Jahren so passiert. 
Auf was wartest du? Was ist es, was du nicht erwarten kannst? 
Wenn warten zu Stillstand führt
Ich glaube, wenn wir Warten gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie wir uns Verhalten können. Und als ich nachgelesen habe, was Warten bedeutet, habe ich zwei sehr zutreffende Beschreibungen gefunden:
1. Irgendwo bleiben und sich nicht fortbewegen, bis jemand oder etwas kommt
2. Erst dann mit etwas anfangen, wenn jemand gekommen oder etwas eingetroffen ist.
Es gab Zeiten in meinem Leben, da habe ich mich nicht fortbewegt und darauf gehofft, dass endlich etwas Bestimmtes passiert. Ich bin fast starr geworden. Ich habe gewartet, mich darüber geärgert, dass ich warten muss, mir immer mehr gewünscht, dass diese Zeit des Wartens endlich vorbei ist und dabei eine ganze Menge versäumt. Ich war nicht dankbar, für das, was ich hatte. Kennst du das? Dass du auf etwas so sehr wartest und hoffst, dass du das Leben irgendwie ein wenig verpasst? Ich bin stecken geblieben. Da war kein Fortschritt mehr. Doch die Sache ist die: davon kam leider nichts schneller und meine Wünsche wurden nicht plötzlich wahr, nur weil ich gestreikt habe.

Wenn Warten uns einschränkt
Dann gibt es ein Warten, in dem wir einfach mit den Dingen nicht loslegen, die vor uns sind, obwohl sie schon längst da sind. Wir warten darauf, dass jemand kommt und uns den letzten Schupser gibt, den wir anscheinend brauchen. Wir finden tausend Ausreden, warum wir manche Dinge nicht tun können. Wir warten darauf, dass sie eintreffen aber weigern uns, sie selbst in die Hand zu nehmen. Das sind Dinge, die wir ändern könnten, wie zum Beispiel sportlicher werden, gesünder leben, regelmäßig Zeit mit Gott, weniger Netflix und mehr Zeit an der frischen Luft, eine Beziehung in Ordnung bringen, uns bei einem Freund entschuldigen... es gibt Dinge, da hoffen wir das jemand anders sie für uns in Ordnung bringt. Und wir warten auf irgendetwas, etwas, dass wir vielleicht selbst nicht erklären können.
Gibt es solche Bereiche in deinem Leben? Bereiche, in denen du Dinge vor dir herschiebst, mit dir rumschleppst anstatt einfach mal zu machen?
Und ich glaube, diese Zeiten, in denen wir streiken oder einfach nicht anfangen, sind nicht hilfreich. Sie halten uns ab. Sie halten uns zurück wirklich zu leben. Sie begrenzen uns und nehmen uns unsere Freude. Sie lenken uns ab und wir verpassen das Leben.

Wait for it!
Vor zwei Wochen saß ich in meiner Gemeinde im Gottesdienst und es ging um Habakuk. Und wer den Beginn des Buches Habakuk kennt, weiß: es beginnt nicht gerade mit Lobgesang Habakuks auf Gott. Habakuk war umgeben von Verwüstung, Krieg und Gewalt (Habakuk 1). Und er beklagte sich bei Gott. Und nach dem er Gott alles gesagt hatte, tat er etwas, wie ich finde, wundervolles: er setzte sich auf den Turm der Stadtmauer und wartet. Er wartet auf Gottes Antwort (Habakuk 2, 1). Und dann gesellte (metaphorisch natürlich) Gott sich zu ihm und antwortete. Und er versprach ihm, dass das, was er Habakuk jetzt offenbaren wird eintreten wird, aber Habakuk sich gedulden muss, warten muss. So lange bis es Zeit war. Und Habakuk vertraute Gott, obwohl er in einer schweren Situation war, in der Menschen unterdrückt wurden und sich gegenseitig Unrecht antaten. Doch Habakuk vertraute. Er wartete geduldig. Er sang sogar ein Loblied auf Gott, weil er sich sicher war: Gott wird ihm helfen. Und Habakuk wartete nicht nur, er rufte aus, dass Gott sein Retter ist, sein Heiland, seine Hilfe, seine Freude (Habakuk 3,18).
Wo fordert Jesus dich heraus auf ihn zu warten? Wo bricht es dir fast das Herz, dass manche Dinge noch nicht so sind, wie du sie dir wünscht? Wo fällt es dir schwer, ihn zu loben?
Und als ich der Predigt lauschte wurde mir etwas bewusst: Gott hat eine andere Perspektive von Warten als ich. Eine Perspektive, die er mir schenken möchte.

Warten heißt vertrauen
Für mich hieß Warten ganz oft, passiv daneben zu stehen, frustriert zu sein, sauer zu sein, dass ich warten muss und alles in Frage zu stellen, was Gott mir offenbart hatte. Doch durch Habakuk und durch die Predigt wurde mir bewusst, dass Gott nicht will, dass ich einfriere oder aufhöre die Dinge zu tun, die ich tun kann. Er will, dass ich ihm ein Loblied singe, ihm vertraue und nie aufhöre zu hoffen. Egal, wie viel es mich kostet. Er will, dass ich die Schritte tue, die ich tun kann und den Rest ihm anvertraue. Und das ist schwer. Es kostet mich etwas. Es kostet mich Vertrauen. Kraft. Hoffnung. Und immer wieder muss ich mich neu darauf konzentrieren, dass Jesus es gut meint und ich keine Angst haben muss. Doch wenn ich Habakuk lese bin ich mir sicher: es lohnt sich. Es lohnt sich, Gott zu vertrauen. Auch im tiefsten Schmerz und in den größten Zweifeln. Denn er ist so viel mächtiger und größer als alles was wir je besitzen oder bekommen könnte.
 
Was wir tun können, damit aus Wartezeiten, Lebenszeiten werden: 
In Wikipedia finden sich noch zwei weitere Begriffe, die Warten beschreiben:
1. Bereit sein: Ich glaube, Gott will, dass wir uns Bereit machen. Bereit machen für das, was er uns zeigen und schenken will. Und das können wir ganz einfach tun, in dem wir Zeit mit ihm verbringen und ihn besser kennenlernen. Wenn wir Bibel lesen, Lobpreis machen, beten, in den Hauskreis gehen... Denn dann, wenn wir Zeit mit Gott verbringen, wird aus Warten, Leben und aus Zweifeln, Freude. Und Bereit sein heißt auch, im Hier und Jetzt zu leben und die Dinge zu feiern und zu genießen die Gott uns schon heute gibt! Denn dann sehen wir die Schönheit des Alltags und das kann uns die Kraft geben auf das zu Warten, was noch kommen wird.
2. Etwas ist noch zu erledigen: Und manchmal gibt es Dinge, die wir tun können, die wir noch erledigen müssen, damit wir bereit sind für das, was Jesus für uns hat. Was das ist, wissen wir meistens selbst am besten und wenn nicht, können wir Jesus ja zum Glück fragen. Er gesellt sich dann nämlich auch gerne zu uns und verrät es uns. Oft sind es die unbequemen Dinge wie vergeben, sich entschuldigen, mit einer Sache aufhören oder etwas Neues beginnen.

All in
Und trotzdem: nicht alle meine und deine Wünsche werden wahr. Auch das habe ich in den letzten Wochen neu lernen müssen. Und vielleicht werden manche Wünsche nie in Erfüllung gehen. Und auch das ist dann ok. Denn wenn Jesus uns dazu auffordert auf etwas Bestimmtes zu warten, dann verspricht er uns oft nichtmal, dass das worauf wir Warten am Ende wirklich eintreffen wird. Er fordert uns viel mehr dazu heraus uns auf ihn zu verlassen und alle unsere Karten auf ihn zu setzen. Also All in zu gehen. Und weißt du was: auch wenn mir das immer wieder Angst macht weiß ich, das ist es was sich wirklich lohnt.
Gott ist mächtig. Er ist verlässlich. Treu. Er lässt uns nicht absichtlich warten. Er weiß und sieht einfach weiter als wir. Er weiß, was wir wirklich brauchen und vor allem wann. Wenn wir ihm vertrauen und unsere Augen auf ihn richten, kann die längste Wartezeit zu einer Zeit voller Segen werden.

Be blessed
Manuel 


Bildquelle: https://ligaviewer.com/youversion

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