Vom Fasten fasziniert

Lesedauer: 6min

Wer auf etwas verzichtet, hungert nach mehr

Mal für ein paar Wochen auf Fleisch verzichten, quasi als ritualisierter Leistungsnachweis, weil Got einem so viel Opfer wohl noch wert sein dürfte - Das kann doch nicht alles sein, was Fasten ausmacht? Über das Fasten als Reise zu sich selbst, dem anderen und Gott.

Hey du,
vielleicht wunderst du dich warum ich jetzt noch mit einem Beitrag über Fasten komme. Die Fastenzeit hat doch schon lange begonnen, genauer gesagt sind wir mitten drin. Aber genau darum schreib ich diesen Post. Mittenrein ins Leben. Diese Worte können eine Ermutigung sein für die, die gerade fasten, durchzuhalten. Und eine Herausforderung für die die mal aussetzen oder irgendwie nicht so viel davon halten, eine neue Perspektive darüber zu suchen und fasten als Chance zu betrachten. Und als Schritt um zu wachsen. Im Glauben und im Leben.
Dieser Text soll in dein Leben sprechen, mal ganz ohne den fromen Schleier, der so oft über der Fastenzeit liegt und dich herausrufen, in die Freiheit. Jap, auch wenn sich allein schon das Wort Freiheit irgendwie Fehl am Platz anhört im Zusammenhang mit Fasten. Aber lass mich dich zeigen, was ich meine. Also, let´s go!

Am Aschermittwoch ruft die Kirche zu vierzig Tagen Verzicht auf - und damit startet sie sicher keinen religiös maskierten Back-up-Plan, um einem fragwürdigen Körperideal hinterherzurennen. Was also verbirgt sich hinter der Tradition des Fastens? Eines sei vorweggenommen: Es geht um´s Ganze. 
Ich begebe mich auf Spurensuche in meinern Multi-Kulti-Umfeld. Am Ramadan wird einen knappen Monat lang von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken. "Abends sitzen wir zusammen und die ganze Familie kommt", sagt mein muslimischer Freund aus Jordanien. "Im Ramadan sind Menschen anders. Menschlicher." Und: "Du musst gut sein, damit dein Fasten von Gott akzeptiert wird."
Ich selbst habe mir vor Ostern meist die Schokolade verkniffen. Die Glückshormone, die mir dadurch gefehlt haben, kamen über Umwege zurück: Selbstbeherrschung fühlt sich ziemlich gut an, und mein Zahnarzt freut sich sicher mit. Könnte es trotzdem sein, dass mir etwas entgangen ist?

Ein Ritual mit reichlich Tradition
Aus christlich-biblischer Perspektive unterliegt das Fasten keinen Regeln. Im alten Israel fastete man als Gemeinschaft oder als Einzelner in Trauerzeiten und Krisenmomenten. Für alle sichtbar diente es als Zeichen der Buße und Demut oder der Reinigung vor einer bevorstehenden Gottesbegegnung. Einige Priester verbanden vor großen Entscheidungen ihr Gebet mit dem Verzicht auf Essen.
Jesus hält dazu an, beim Fasten nicht die eigene Frömmigkeit zur Schau zu stellen, (Matthäus 6, 16-18). Obwohl sich aus den biblischen Schriften kein Imperativ ableiten lässt, hat sich in der Kirche nach den ersten Jahrhunderten eine vorösterliche Fastentradition entwickelt, die in verschiedenen Konfessionen noch unterschiedliche Ausprägungen hat. Sollte man diese Tradition so ganz postmodern über Bord werfen? Ich schlage vor uns mal über die Reling zu beugen, nachzuhaken und vielleicht einen Schatz an Land zu ziehen.

Freiheit durch Selbstverzicht
Fest steht: Wer zu Teilen auf etwas verzichtet, das ihm sonst als Nahrungsgrundlage dient oder für sein Leben zumindest von Bedeutung ist, hungert nach mehr. Er gibt sich mit dem scheinbar Vollkommenen nicht zufrieden. Wenn wir eine Zeit lang ohne Fleisch oder Feingebäck, ohne Feierabendbier oder Facebook leben, schränken wir uns in unserer Handlungsfreiheit bewusst ein. Wir nehmen uns ein Stück Freiheit, um sie an anderer Stelle zu bekommen. "Es klingt paradox, aber die Einschränkung bringt immer mehr Freiheit"(Susanne Breit-Keßler). Wie das denn? Indem du dich von etwas befreist hast du wieder mehr Zeit, mehr Freiheit in deinem Leben gewonnen. Jeder Verzicht schafft Kapazität. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, worauf wir verzichten, sondern vielmehr die Frage: Was stattdessen?

Lass dich weiterbringen
Fasten heißt ursprünglich "festhalten" oder "fest werden". Dabei lassen wir beim Verzichten erst einmal los: schlechte Gewohnheiten, ein "zu viel" an Konsum, eine kritische Konstante unseres Alltags. Und wir stellen fest: Es geht auch ohne.
Wer auf etwas verzichtet, hungert nach mehr. Wir nehmen uns ein Stück Freiheit um sie an anderer Stelle zu bekommen. 
Wenn etwas wegfällt, stellt sich die Frage nach dem, was bleibt: Was ist das Fundament meines Lebens? Was hält mich in Mangelzeiten? Verzicht schafft Nüchternheit. Und darin liegt die Kraft, die Tür zur seiner eigenen Seele zu öffnen und ihr endlich, endlich mal zuzuhören. Sein Leben neu zu orndnen, auf dich Suche nach seiner Identität zu gehen. Nutze die frei gewordene Zeit um mehr Zeit mit Gott zu verbringen und lass dich von ihm weiterbringen. Lass ihn wissen, wie es in dir aussieht, und richte dein Leben neu nach ihm aus. Das wird dich und deinen Glauben unglaublich stärken.

Fasten beginnt im Kopf
"Auch die Zunge muss fasten", meint mein Freund aus Jordanien. "Wer lästert, der fastet nicht." Ich husche gedanklich durch ein imaginäres Sprachprotokoll der letzten Stunde. Doch, ich finde etwas, worauf ich das nächste Mal gerne verzichten könnten. Wie wäre das: in der Fastenzeit zur Abwechslung mal Worte weglassen? Vergebung aussprechen statt nur zu fluchen, Komplimente verschenken statt unsachlich zu kritisieren, aufbauen statt abzulästern, stark machen statt zu runterzumachen? Ich lasse mich herausfordern.
Oder einfach mal auf Gedanken zu verzichten, die das Potenzial haben, mich abzuzlenken von meinem Weg. Wenn ich anfange, mich innerlich klein zu machen und wertlos zu reden, dann darf ich ein "Stopp!" setzen. Und stattdessen ein inneres Selfie schießen und an Gottes und anderer Menschen "Gefällt mir" denken.

Eine neue Spur zum Anderen
Fastentraditionen bringen seit langer Zeit Menschen zusammen. Weil ihr Suchen nach Gott, ihr gemeinsames Ausharren oder kollektives Anliegen sie eint. Wie wäre es zusammen mit anderen zu fasten. Eine gemeinsame Challenge in der ihr euch gegenseitig ermutigen und gemeinsam achsen könnt? Auch das gemeinsame Gebet kann unglaublich stark sein. Weil es eben mehr ist als das akustische Abtragen verbrauchter Wortphrasen. Vielleicht meinen das die Psalmdichter, wenn sie schreiben: "Mein ganzer Mensch verlangt nach dir." (Psalm 63, 2)
Fasten lässt nämlich nicht nur die Seele, sondern auch den Körper sprechen. Auf die Sprengkraft des Fastens wies vor fast 3000 Jahren auch Jesaja hin, Kritiker von leeren Ritualen und teilnahmslosen Herzen: Wenn ich mich selbst quäle, ist keinem geholfen, sagt er.
Fasten soll vielmehr ein Verzicht auf den sozialen Verzicht sein. 
Ich frage meist, welche Art von Enthaltsamkeit mir den größten Nutzen verschafft. Die bessere Frage ist aber eigentlich, was mich und andere wirklich satt macht und wonach zu hungern es sich lohnt. Vielleicht könnte mein Verzicht jemandem zum Vorteil werden?

Die Chance auf einen Neuanfang
Spannden ist, dass Fasten auf freiwilliger Basis geschieht. Es geht nicht darum, Gesetzte oder Vorschriften einzuhalten. Es geht um dich. Und um Gott. Es geht darum, dich mal wieder neu zu sortieren, neu zu orientieren und mal aus dem Alltag auszusteigen. Die Fastenzeit ist eine Einladung umzukehren. Innezuhalten, neu über vor langer Zeit Beschlossenes nachzudenken und mutige Schritte nach vorne zu gehen, neues Land zu erkunden. Mich aus der Routine reißen zu lassen, um an den kritischen Stellen meines Lebens das Ruder herumzureißen. Dort Vergebung zu suchen, wo ich etwas oder jemanden zerrissen habe. Trauern und loslassen, wo es Risswunden in mir selbst gibt. Und es geht darum, in deiner Beziehung zu Gott wieder so richtig durchzustarten.
Die Fastenzeit endet mit dem Osterfest und der Auferstehung als zeichengebender Wirklichkeit: Ich darf ganz neu anfangen, weil am Ende das Leben steht, nicht der Tod.
Ist es da nicht etwas zu kurz gegriffen, einfach nur den Schokoladenhasen im Aldi-Regal stehen zu lassen und sich über potenziell eingesparte Kalorien zu freuen?

Be blessed
Manuel 


Bildquelle: https://lviewer.com/youversion

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