Auf den blinden Fleck geschaut


Lesedauer: 6min

Von dem Mut, sich ehrlich zu begegnen

"Ermahnt einander" - diesen Ratschlag finden wir in der Bibel häufiger. Aber darf man das wirklich - dem anderen einfach so ins Leben reinquatschen? Und wie stellt man das möglichst behutsam an? Einem manchmal unangenehmen und doch so unglaublich wichtigen Thema auf der Spur.

Hey du,
kennst du das? Du machst dir große Sorgen um einen Kumpel, eine Freundin oder ein Familienmitglied. Weil er/sie dir etwas erzählt hat oder du Dinge beobachtest, die du schwierig oder bedenklich findest. Keine leichte Situation. Gerade, wenn ein Mensch dir sehr am Herzen liegt, ist es ganz verständlich, dass du dir solche Gedanken machst. Das macht ja eine gute Freundschaft aus. Doch was tut man, wenn man das Gefühl hat, dass beim anderen etwas gewaltig schiefläuft? Die Antwort liegt nahe: Mit der Person reden. Auch in der Bibel steht ganz oft geschrieben, dass wir uns gegenseitig ermahnen sollen. Zwar klingt das alte Wort "ermahnen" nicht sehr liebevoll, aber der Grundgedanke stimmt: Manchmal ist man wirklich blind für die Probleme im eigenen Leben und kann die Perspektive von außen gut gebrauchen - wenn sie sorgsam kommuniziert wird. Mir sind schon viele Christen begegnet, die die Worte "Ermahnt einander" als einen Freibrief verstehen, anderen Menschen jederzeit ungefragt die eigene Meinung um die Ohren zu hauen und sie für ihr Handeln zu kritisieren. Da passiert es leicht, dass man sich wie ein Elefant im Porzellanladen bewegt, Grenzen überschreitet und am Ende mehr kaputt macht als heil. Also doch besser gar nichts sagen?

Weise, kluge Fragen
Beim Nachdenken über diesen Post habe ich gemerkt: Es gibt ein paar Leute in meinem Leben, die mir kritische Nachfragen zu einzelnen Lebensbereichen stellen dürfen - bei denen bin ich darüber sogar sehr froh und lege viel Wert auf ihre Meinung. Andere dürfen das aber überhaupt nicht! Und das liegt nicht etwa daran, dass die einen mir nur bequeme Dinge sagen und die anderen nur Dinge, die ich nicht hören will. Nein - es liegt an der Art und Weise, wie sie mit mir sprechen. Die Frage ist also: Was machen meine "Lieblings-Ermahner" richtig?

Erstens: Sie reden klug und gut überlegt. Wenn ich den Eindruck habe, dass es berechtigt ist, was jemand mir sagt, dann höre ich auch zu. Ganz nach dem Motto: Interessante Perspektive - darauf bin ich selbst gar nicht gekommen!

Das Zweite ist aber fast noch wichtiger. Sie gehen behutsam und respektvoll mit mir um. Denn niemand lässt sich gerne etwas sagen, wenn er das Gefühl hat, die andere Person tritt überlegen, besserwisserisch oder dominant auf und lässt einem keinen Ausweg, die Dinge anders zu sehen oder anders zu entscheiden. Und eigentlich gehört beides zusammen - klug sein und behutsam sein. Wirkliche Weisheit ist letztlich eine Frage der inneren Haltung: Sie braucht Demut (das heißt das Wissen, dass die eigene Perspektive Grenzen hat) und den Respekt, dass der andere seine eigenen Entscheidungen treffen darf und sich erst mal dafür auch vor niemandem als sich selbst und Gott rechtfertigen muss. Das heißt nicht, dass man keine kritischen Fragen stellen darf. Aber es heißt, dass man im selben Atemzug auch immer sagt: Letztlich bist du derjenige, der die Entscheidung treffen muss.

Der dritte Punkt: Stelle Fragen statt Antworten zu geben! Um Probleme im eigenen Leben innerlich und äußerlich in Angriff zu nehmen, braucht man keine Antworten, die von außen auf einen einprasseln, sondern man braucht Fragen, die man mit sich herum tragen kann und von denen man sich auch bewegen lassen kann, etwas im eigenen Leben zu verändern. Dann, wenn man bereit dazu ist. Mit den eigenen Antworten, die man auf diese Fragen gefunden hat.

Zeit geben
Wenn man einen Menschen auf blinde Flecken im Leben hinweist, passiert es oft, dass er dann verletzt und gekränkt reagiert - egal, wie liebevoll man ihm gegenüber war. Ist ja auch klar, würde dir vermutlich auch so gehen, oder? Deswegen ist es gut, deinem Gegenüber noch mal ganz deutlich zu sagen, dass er dir keine Rechenschaft schuldig ist, dass du von ihm keine (schnelle) Antwort erwartest und dass er letztlich selbst entscheiden muss, wie er mit dieser Sache umgeht. Kritik zu hören und zu verdauen braucht immer Zeit. Es dauert, bis man dem anderen wieder auf Augenhöhe begegnen kann. Sei also nicht verletzt, wenn der andere sich zunächst von dir zurückzieht. Frag lieber vorher: Ist mein Anliegen so wichtig, dass ich es riskiere, den anderen vor den Kopf stoßen?

Bereit für die Wahrheit? 
Immer wieder versucht uns die Bibel klarzumachen: Alleine kriegst du ziemlich wenig gebacken. Wir brauchen gute Freunde, um uns zu starken Persönlichkeiten zu entwickeln und im Glauben zu wachsen.
Gute Freunde sagen sich die Wahrheit.
Aber vielleicht haben wir auch noch nie unsere besten Freunde gebeten, uns die Wahrheit über uns zu sagen. Es könnte ja sein, dass die Wahrheit schmerzt. Es könnte weh tun, zu hören, dass ich oft zu schnell eingeschnappt bin, und mir nicht so gerne in meine Pläne reinreden lasse. Es könnte wehtun, wenn mir jemand schonungslos die Wahrheit sagt. Aber damit wir zu der besten Version von uns selbst werden können, damit Veränderung, Bewegung und Leben geschehen kann brauchen die Wahrheit. Licht im dunkeln Fleck.

Echt und ehrlich werden
Es gibt zwei Arten von Freundschaften. Es gibt die netten Freundschaften. Das sind ganz lockere, gechillte Beziehungen. Davon kann man ziemlich viele haben. Wir gehen gerne zusammen ins Kino oder in Cafés, reden über unseren Alltag... Es ist echt nett. Wir haben Spaß zusammen. Aber mehr auch nicht. Die Gespräche bleiben an der Oberfläche.
Auf der anderen Seite sind die ganz besonderen Beziehungen. Davon gibt es nicht viele. Hier geht es in den Gesprächen nicht nur um die Neusten Infos. Es geht ans Eingemachte. Ich rede ehrlich von meinen Enttäuschungen, meinem Versagen und meinen Sorgen und werde echt. Es sind die wenigen Freundschaften, in denen ich so etwas spüre wie eine echte Verbindung der Herzen.

Nicht nur nett...
Aber wie komme ich von einer netten Beziehung zur echten Nähe in einer Freundschaft? Ich muss ein Risiko eingehen. Ich muss das Risiko namens Wahrheit wagen. Seit vielen Jahren habe ich einen besten Freund. Er ist bis heute ein Freund, auf den ich nie verzichten will. Und das ist er, weil er eines Tages das Risiko Wahrheit gewagt hat. Bis dahin hatten wir immer viel Spaß zusammen. Wir haben uns oft getroffen, zusammen Sport gemacht und eine Menge Spaß gehabt! Aber eigentlich war es nicht mehr als eine nette Freundschaft. Bis zu dem Tag, als mein Freund das Risiko "Wahrheit" gewagt hat. Er hat mir ehrlich gesagt, welche Schwächen er an mir sieht. Er sagte mir ins Gesicht, dass ich rücksichtslos und arrogant rüberkomme. Das musste ich erst mal verdauen.

...sondern mehr rausholen
Mein Freund ist ein großes Risiko eingegangen: Wenn es schlecht läuft, verliert er einen Freund. Wenn es gut läuft, bekommt unsere Freundschaft viel mehr Tiefe. Und es ist gut gelaufen. Aus einer netten Freundschaft ist eine ganz besondere Verbindung entstanden. Ich bin heute noch froh, dass mein Freund damals ein Risiko eingegangen ist. Sonst hätten wir uns sicher schon lange aus den Augen verloren.
Ich glaube, wenn wir es wagen diesen Schritt zu gehen, und das Risiko "Wahrheit" einzugehen, hat das ein unglaubliches Potenzial. 
Denn daraus können Freundschaften und Beziehungen entstehen, die so viel Kraft hat, dass sie die Welt um uns herum verändern werden. Im Ernst: Gott traut uns das wirklich zu, dass wir unsere Schulen und Unis, unsere Gemeinden, unsere Familien oder unsere Wohnviertel zu einem besseren Ort machen. Gott traut uns zu, dass durch uns Jesus sichtbar wird.
Aber dazu braucht es manchmal auch einen Tritt in den Hintern von einem guten Freund, der sich mit mir gemeinsam auf den Weg macht, die Person zu werden, die sich Gott gedacht hat, als er mich geschaffen hat.

Wer wagt, gewinnt!
Es ist immer ein Risiko, wenn wir eine nette Freundschaft zu einer wirklich besonderen Beziehung machen wollen. Wahrheit ist immer ein Risiko. Wir könnten auf Ablehnung stoßen. Und es kann anstrengend sein. Es ist leichter, alles beim Alten zu belassen. Aber ich will uns heute als Community ermutigen, diesen Schritt zu wagen, und Wahrheit in unserem Alltag und in unseren Beziehungen zu leben. Ich will diese Sprengkraft in meinem Umfeld sehen. Und ich will, dass durch mein Leben Jesus sichtbar wird. Du auch?

Be blessed
Manuel


Bildquelle: https://piknu.com/u/youversion

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