Auf zu neuen Ufern

Lesedauer: 6min

Gott macht keine halben Sachen

"Schnitze dein Leben aus dem Holz, das du hast." (Leo Tolstoi). Das klingt pragmatisch, praktisch, gut - so ganz nach der Fassung, nach der ich mein eigenes Leben gestalte. Geschustert aus Zwischenlösungen und halbgaren Ansätzen - eben aus dem, was gerade so da und möglich ist. Aber ist das wirklich alles? Oder hat Gott Lösungen zwischen Zwischenlösungen?

Hey du,
in Zeitlupe löst sich das Poster von der Tapete, an der ich es mit vier langen Klebestreifen angebracht hatte. "Vier Streifen sind wohl zu wenig", denke ich und befestige es nun mit acht an der sonst kahlen Wand. Eigentlich wollte ich gar nichts aufhängen, denn die Wand will ich sowieso bald mal umgestalten. Als ich abends zurückkomme, liegt das Plakat schon wieder auf dem Boden. Anstatt mir einen Hammer zu besorgen und es korrekt zu befestigen, nutze ich jetzt unzählige Klebestreifen, was ehrlicherweise nicht zur Ästhetik des Gesamtbildes beiträgt. Noch ein kritischer Blick auf mein Kunstwerk. "Das bleibt vorerst so", entscheide ich dann.
Ist ja nicht für immer. Lässt sich irgendwie aushalten. Es ist nicht so ganz, was man sich vorstellt. Halbgar und unfertig, aber auch nicht unbedingt gleich schlecht! Nein. Schlimmer geht immer. Diese Sätze klingen vertraut. Man wird da schon reinfinden. Seien es die Schuhe, die einfach nicht passen wollen, aber soo schön aussehen oder der neue absolut nicht sehr vielversprechende Studiengang. Trotzdem verharre ich. In der ungeliebten Gewohnheit, umklammere die Reste der längst zerbrochenen Freundschaft oder beschwere mich lieber über meine Situation statt mich zu neuen Ufern aufzumachen.

Ganz oder gar nicht
Ich muss ehrlich sein, von Ferne bewundere ich Ganz-oder-gar-nicht-Menschen. Menschen, die die Dinge machen, wie sie wollen. Kompromisslose Leute wie Christopher McCandless - der Junge, der in Alaska in einem Van lebte. Der von der Sehnsucht nach Unabhängigkeit  seinen ganzen Besitz und die Zivilisation hinter sich ließ um in die wilde und einsame Schönheit der Natur einzutauchen. Er ging bis ans Äußerste und wird nun nach seinem Tod von Abenteurern und Reisenden als Held vergöttert. Der Film "Into the wild" bringt seine Geschichte auf die Leinwand. (Meiner Meinung ein echter Must-Watch). 
Ich bin da anders. Ich liebe Zwischenlösungen. Ich mache gerne Sachen so halb. Jeden Morgen pumpe ich den hinteren Fahrradreifen auf, weil ich keine Lust habe, ihn zu flicken und es ja irgendwie auch so geht. Ich wöllte gern wieder so gut joggen wie früher aber mehr trainieren muss auch nicht unbedingt sein. Es reicht ja noch um sich als "sportlich" bezeichnen zu können.
Ja, ich liebe Ungefähr-Lösungen und das kann schnell auch gefährlich werden. Statt meiner alten kaputten Föhn zu entsorgen, wurde er "zwischengelagert". Das blieb vorerst so. Als mein Bruder ihn entdeckte, vom Föhnfriedhof rettete und wieder benutzte, flogen die Funken aus dem Kabel und er begann zu brennen. Ein unerwartetes Minifeuerwerk. Yeah?

Träumen erlaubt!
Doch wenn das eine nicht bleiben soll - was soll den Platz des Alten einnehmen? Jede Veränderung braucht eine Vision einen Traum von dem, in das sich etwas verändern soll. Die richtige Frage wäre also: Welchen Traum verfolge ich? Kennst du noch die magische Frage aus den Freundebüchern: "Was wäre, wenn eine gute Fee dir drei Wünsche erfüllen würde? Woran würdest du am nächsten Tag merken, dass sie da war?" Stell dir vor, wie es sein könnte. Stolz könntest du von dir sagen, du seist am anderen Ende der Welt, jetzt ein Musiker oder eine Marathonläuferin. Stell dir vor, wie es wäre, eine neue Sprache zu sprechen: "Hablo español! Olé!". Mit diesem Erfolgserlebnis vor Augen fällt es leichter, die ungeliebten Vokabeln zu pauken.
Was als Idee begann, hilft die Euphorie in die Tat umzusetzen. Träumen erlaubt!

Kam, sah und siegte?
Die Begeisterung hält für die erste Wegstrecke. Aber nach dem euphorischen Aufbruch folgt die erste Ernüchterung. Der schnelle Erfolg bleibt aus und ich kämpfe, mich nicht doch wieder mit einer Zwischenlösung zufrieden zu geben. Hier ein paar gute Tipps, damit die Aufbruchsstimmung nicht verhungert.

1. Eins nach dem anderen: Viele kleine Schritte machen einen großen Unterschied. Angenommen ich habe mir eine Riesenveränderung vorgenommen. Statt von einem Tag auf den anderen sportlicher zu werden, reicht es sich vorzunehmen, jeden Tag fünf Sit-Ups zu machen. Ja, nur einen! Das sind dann auf das Jahr gerechnet 1780 Sit-Ups. Anstatt in einem Riesenprojekt Gitarre zu lernen, reichen schon ein paar Minuten am Tag. Beim Warten auf die S-Bahn eine Vokabel zu lernen, schafft jeder. Die werden sich schnell summieren. Ganz von allein. Schnell sind zwei oder drei zusätzlich gelernt - wenn man schon dabei ist. Ein minimaler Aufwand führt zu einem nachhaltigen Ergebnis.

2. Gewohnheiten entwickeln: Gewohnheiten sind genial! Wer regelmäßig joggt, braucht die Schuhe nur anziehen und die Füße rennen wie von alleine die gewohnte Strecke. Man besiegt den Schweinehund nicht - er wird gar nicht erst wach. Dem Gehirn sind die Vorgänge schon bekannt. Es hat die erstmals kleinen neuronalen Verknüpfungspfade zu stabilen Autobahnen ausgebaut. Der Vorgang des Joggens wird automatisiert und wie das Zähneputzen völlig normal.

3. Vorsätze einhalten: Raketen donnern über die Köpfe hinweg und explodieren am Nachthimmel in prächtigen Farben und alle beglückwünschen sich. Es ist die lautstarke Begrüßung des neuen Jahres mit all seinen Veränderungen. Dieses Jahr wird alles anders, Schluss mit faulen Kompromissen! Doch schon am nächsten Tag werden die guten Vorsätze zusammen mit dem Müll aus den Straßen gekehrt. Offensichtlich reichen gute Ziele allein nicht aus.
Die Forscher Heckhausen und Gollwitzer beschreiben in ihrem Rubikon-Modell vier Phasen einer Handlung: Abwägen, Planen, Handeln und Bewerten. Wer sich in Geschichte auskennt weiß, dass Caesar 49 v. Chr. mit seinem Heer vor dem italienischen Fluss Rubikon stationiert gewesen war und überlegte, ob er das Römische Reich angreifen sollte. Er entschied sich für einen Angriff, überschritt den Rubikon und es gab kein Zurück mehr. Von ihm ist an dieser Stelle der berühmte Ausspruch "Die Würfel sind gefallen" überliefert. Auf der Bildebene befinden wir uns an Silvester mit unseren Überlegungen noch auf der sicheren Seite des Rubikons. Von dort aus steht der Sprung ins kalte Wasser an. Und den gilt es zu wagen. Du könntest scheitern, aber darum geht es nicht, denn Gott ist da und hilft dir auf. Es geht um den Sieg.

Warum das Loslassen schwerfällt
Trotzdem tut es weh, das alte hinter sich zu lassen. Ein Freund von mir hat mal ein Zitat gebracht, was mir immernoch im Kopf rumschwebt: "Es gibt kein Wachstum ohne Veränderung, es gibt keine Veränderung ohne Verlust und es gibt keinen Verlust ohne Schmerz." Wachstum ohne Veränderung ist ja irgendwo klar. Aber warum gibt es keine Veränderung ohne Verlust? Veränderung heißt ja immer, dass man eine alte Sache loslassen, verlieren muss, um dich auf etwas Neues konzentrieren zu können. Das ist der Verlust. Und dieser Verlust tut besonders am Anfang erstmal weh. Dieses früher aufstehen, dieses alte Verhalten abzulegen und sich zu ändern, das ist am Anfang immer schwer. Unterbewusst haben wir immer diese Angst die uns einflüstert: "Was ist, wenn ich das alte loslasse, mich voll im etwas neues investiere und es passiert gar nichts? Was ist, wenn ich die ganze Zeit probiere etwas zu verändern,  aber einfach keine Veränderung kommt? Wenn ich alles umsonst mache?

Gott ist größer
Und ich möchte und heute ermutigen, diese Angst loszulassen. Wenn wir etwas in unserem Leben verändern wollen, vielleicht sogar Jesus ähnlicher werden wollen, brauchen wir den Glauben, dass Gott größer ist, als unsere Angst. Wenn Gott dir sagt, du sollst etwas verändern in deinem Leben, dass sagt er das nicht, weil er denkt, dass du´s nicht schaffen kannst, sondern weiß, wenn du dich für diese Veränderung entscheidest, wird er dich zum Ziel führen. In der Bibel steht, dass wir in allem, was wir mit Gott angehen, Erfolg haben werden! (2. Korinther Vers 14).
Gott macht keine halben Sachen.
Ich will dich ermutigen, dass du, auch wenn du das Ergebnis noch nicht sehen kannst, mit ganzem Herzen darauf vertraust, dass Gott zu dem steht, was er dir gesagt hat. In der Bibel gibt´s eine Geschichte wo Josua um die Stadt Jericho herumläuft, weil Gott ihm zugesagt hat, dass er diese Stadt einreißen wird. Und Josua ist nicht einmal drumrum gelaufen und hat sich gedacht: "Man, warum ist die Mauer nicht eingefallen?", sondern er ist solange drumrumgegangen, wie Gott es ihm gesagt hat und Gott das getan hat, was er ihm versprochen hat. Josua hat nicht bei der Hälfte aufgegeben, sich mit einer Postkarte von Jericho zufrieden gegeben, sondern hat alles gegeben!

Nägeln mit Köpfen machen
Festhalten am Zwischending - nicht so schlimm, oder? Nein, schlimm ist es ganz sicher nicht. Aber eben auch nicht das pralle Leben. Es bleibt eine gewisse Spannung. Es ist das Reißen in der Brust. Es ist der Kampf von zwei Gedanken, die nicht zueinander passen. Die Ausreden häufen sich. Weit und breit keine Änderung in Sicht. Das Ruder herumreißen und den Kurs wechseln? Später vielleicht. Lieber erst mal nicht dran denken. Wir lassen uns treiben und ignorieren die dringend notwendige Richtungsänderung.  Aber selbst mit viel gutem Willen hält die beste Zwischenlösung nicht ewig.
Also: Zeit, dass sich was ändert! Faule Kompromisse waren gestern.
Was, wenn wir aufstehen und anfangen, Dinge anzupacken. Auf Gott vertrauen und ins kalte Wasser springen. Um endlich zu neuen Ufern zu schwimmen.
Was wenn wir das zu unserem Lifestyle machen: Ganze Sachen. Atomkraftgegner, aber keinen Ökostrom-Vertrag? Da passt was nicht - da müsste sich etwas ändern. Habe ich mir bei auch gedacht. Und Freunde, ich habe mein Plakat abgehängt. Und ab sofort werde ich keine Poster mehr mit Klebestreifen aufhängen, sondern Bilder an Nägeln mit Köpfen!

Be blessed
Manuel


Bildquelle: https://tofo.me/youversion

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