Ich seh dich

Lesedauer: 5min

Von Selfiekultur und Selbstzweifeln

Gesehen sein. Anerkennung und Aufmerksamkeit bekommen. Das ist ein Wunsch, der mich sehr beschäftigt. Eine Sehnsucht, die meine Gedanken und mein Verhalten beeinflusst. Gesehen sein – das wünschen wir uns doch alle irgendwie, oder?

Hey du,
ich weiß nicht, ob ich es schon mal erwähnt habe, aber große Menschenmengen mag ich nicht besonders gern. Ich mag Menschen, das schon. Aber am liebsten verbringe ich Zeit mit ein paar wenigen Menschen, die ich kenne. Oder einfach zu zweit, unter vier Augen. Ich mag´s, wenn ich den Überblick behalten kann und man sich nicht in einer großen Gruppe irgendwo verliert. Manchmal, wenn ich durch die Stadt laufe, oder mitten in einer Menschenmenge stehe, dann merke ich, wie ich danach Ausschau halte, dass jemand mich sieht. Mich ansieht. Mir Aufmerksamkeit schenkt.
Und die Realität ist: ziemlich oft werde ich nicht angesehen. Da sind keine Blicke, die sich kurz treffen. Oder Gesichter, die sich ein kurzes Lächeln schenken. Ungesehen. Unscheinbar. Uninteressant, vielleicht. Und vielleicht einfach nicht wert genug, nicht schön genug, um angesehen zu werden. So fühle ich mich dann. Kennst du das?!

Hallo Welt - ich bin hier
In diesem Wunsch nach Anerkennung und Aufmerksamkeit sind wir glaube ich, nicht allein. Es gibt so viele Kanäle, die nur darauf warten, von dir gefüllt zu werden. Mal schnell auf Insta das neue Bild von der letzten Fete hochladen, beim trainieren nen kurzen Snap. Mal ein Lebenszeichen geben. Mal sich kurz der großen kleinen Welt zeigen. Ein paar nette Zeilen schreiben: "Hallo - ich habe gerade so viel Spaß." "Mir geht es gut." "Ich habe gerade etwas ganz neues entdeckt." "Ich bin erfolgreich."

Schwindelig vom Strudel der Zeit
In einer Welt, die sich immer schneller dreht, und in der wir immer mehr Informationen erhalten, immer mehr Pflichten haben, verlieren wir leicht unser Gleichgewicht. Ähm, welche Werte waren mir nochmal wichtig? Wer bin ich überhaupt? Wir sehnen uns danach, anzukommen, gesehen zu werden, geliebt zu werden. Dafür halten wir gerne Momente fest um sie mit Menschen zu teilen. Wenn schon nicht bei einem Kaffee oder Kakao - weil ja alle irgendwie beschäftigt sind und keine Zeit haben - dann doch wenigstens über soziale Medien. Wenigstens hier von Menschen geliket zu werden und das wohlige Gefühl haben: Ja, ich werde gesehen! Ja, ich werde wahrgenommen.
Und irgendwie tut das doch dann auch gut, wenn Menschen mir folgen und meine Beiträge liken und mir dadurch das Gefühl vermitteln, besonders, interessant und inspirierend zu sein. Klar, das Sättigungsgefühl hält nur kurz an, aber trotzdem...
Willkommen in unserer Realität, in unserer Selfie-Kultur, in der jeder Mensch versucht, sich von seiner besten Seite zu zeigen, das perfekte Leben darzustellen. Charmante Freundin, gute Noten, fresher Style ... Puh, ganz schön stressig, wenn man in jedem Bereich punkten will und wirklich keine "Das-fehlt-mir-leider-noch-Lücke" aufweisen will. Wenn man ein makelloses Ich zeigen will.

Die Angst vergessen zu werden
Dieser permanente Tanz in den sozialen Medien offenbart Hunger - den großen Hunger nach Liebe und Anerkennung, der uns immer wieder plagt. Man will sichtbar sein. Und nicht in der kleinen eigenen Welt auf der kleinen Lebensbühne enden. Man lebt ja schließlich nur einmal. Wie toll wäre es, groß rauszukommen und bekannt zu werden? Immer mehr Freunde, immer mehr Follower zu haben? Gesehen zu werden?
Aber wie oft kommt das vor? Wie oft sieht mich jemand wirklich an? Und wie oft bin ich enttäuscht, weil mich niemand wirklich sieht und fühle mich wieder unscheinbar und uninteressant?
Es gibt da einen Satz, der mich vor einiger Zeit ziemlich verletzt hat: "Aus den Augen, aus dem Sinn". Wahrscheinlich kennst du dieses Sprichwort und es hört sich eigentlich so harmlos an, oder? Aber für mich war das nicht harmlos. Ich habe in dem Moment realisiert, dass das eine meiner größten Ängste ist... Vergessen zu werden, nicht gesehen zu sein.
Und diesen Satz habe ich ziemlich lange mit mir rumgetragen. Habe zugelassen, dass er sich in meinem Herzen festsetzt und mein Bild von mir selbst bestimmt. Immer begleitet von der Angst: Man verliert mich aus den Augen und vergisst mich...
Und diese Angst hat mich geleitet. Ich haben ein paar echt komische Sachen gemacht, in der Hoffnung gesehen zu werden. Ich war nicht wirklich ich selbst, weil ich ja dachte, dass ich so nicht interessant genug bin.

Sichtbar
Aber dann konnte ich eines Abends nicht einschlafen. Ich habe echt alles ausprobiert: Musik, super langweilige Hörspiele, habe die Augen zugemacht und versucht, alle Menschen, die ich kenne, aufzuzählen (was übrigens eeeewig lange dauert...), aber der Schlaf kam einfach nicht. Irgendwann hab ich mein Handy wieder angemacht und die Bibel-App geöffnet. In der Hoffnung irgendetwas zu finden, was mich beruhigt. Was ich dann gelesen habe, hat die Unsicherheit über mich selbst und die Angst vor dem Ungesehen-Sein wieder neu aufgewirbelt. Aber da war Gott der seine Wahrheit dagegen gestellt hat: "Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden."
Diesen Segen aus 4. Mose 6 hat Gott den Priestern damals gegeben mit der Aufforderung, dass sie das über den Menschen aussprechen. Gott hat versprochen, dass er die Menschen segnen wird. Das hat mich berührt. Gott hat mir gezeigt, dass er mich sieht. Und dass es ihm wichtig ist, dass ich das weiß. Dass wir alle das wissen. Zwei Mal sagt er, dass sein Angesicht/sein Blick auf dir liegt - er blickt dich mit leuchtenden, strahlenden Augen an. Er sieht dich und er will dir Frieden geben.

Du bist gesehen
Das ist die andere Seite meiner Sehnsucht, die ich immer wieder realisiere: Ich bin gesehen. Gott ist es, der mich immer sieht. Der mich nie aus den Augen verliert. Der schon darauf wartet, dass ich in seine Richtung laufe. Der, während ich auf ihn zulaufe, mit ausgestreckten Armen da steht und seinen Blick nicht abwendet. Er sieht mich an. Sein Blick ist voller Freude. Ihm entgeht nichts. Und sein Wunsch ist, dass ich in meinem Herzen endlich begreife, dass das die Wahrheit ist. Lies mal Psalm 139 und du wirst erstaunt sein, wie sehr Gott dich kennt und sieht und schon immer gesehen hat.Ich liebe diese Worte, denn sie machen frei!
So wie Gott damals wollte, dass die Menschen diesen Segen hören, will er auch heute noch, dass du und ich genau das wissen. Weil wir dann frei und sicher sind, wir selbst zu sein. Weil wir dann nicht länger komische Dinge machen müssen, um Anerkennung zu bekommen. Weil wir dann Menschen verzeihen können, die uns vergessen. Und weil wir dann den Blick frei haben, unsere Mitmenschen zu sehen. Ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und ihnen zu sagen:
Du bist gesehen. Du bist gekannt und geliebt. Vom König der Könige.

Gott folgt dir - pausenlos
Während wir posten, snappen und texten um auf uns aufmerksam zu machen - ist Gott die ganze Zeit bei uns. Er folgt uns. Wir sind für ihn nicht unsichtbar. So real, wie du für deine Freunde bist, so real bist du auch für ihn. Und er sieht dich liebevoll an. Und drückt dich. Du bist sein Kind. Er liebt dich so sehr. Viel mehr, als irgendein Mensch dich jemals lieben könnte. Vielleicht hast du in deinem Umfeld mal einen jungen Vater erlebt, der gerade zum ersten Mal Vater geworden ist. Hast du die Freude in seinen Augen gesehen, seinen Stolz? Hast du sein Glück erlebt und seine Liebe wahrgenommen? Alles in seinem Kopf dreht sich um sein Kind.
So und noch viel, viel mehr liebt Gott dich. Er nimmt dich wahr. Dein Lachen hört er, deine Gefühle versteht er, dein Handeln sieht er, deine Fragen nimmt er ernst, deine Zweifel lassen ihn nicht kalt. Und er will mit dir nach vorne schauen - in die Zukunft. So viel Weg liegt noch vor dir und den will er mit dir gehen.

Set free
Dafür will er dich freimachen von dem Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe von Menschen. Er will dir seine Liebe und Anerkennung schenken. Er will dich lösen von deinen Ängsten, nicht zu genügen und er sagt zu dir: "Weil ich alles für dich getan habe, bist du genug. Er will dir deine innere "So-sieht-mein-Traumleben-aus-Liste" nehmen, um dir ein noch viel besseres Leben zu schenken: Größer als deine Träume und größer als deine Vorstellungen.
Ja, bei Gott kannst du alles loslassen, was dich viel zu oft beschwert und ausbremst: deine Kontrollsucht, deine inneren Zwänge, deine Minderwertigkeitskomplexe, deine Ängste und deinen Perfektionismus.
Ich wünsche dir und mir, dass wir erkennen, welche Menschen Gott in uns sieht. Und wir unsere Freiheit nicht daran verlieren, dass wir unseren eigenen Wert durch die Anerkennung der anderen definieren, sondern dass wir uns von Gott abhängig machen und uns durch seien grenzenlose Liebe zu uns definieren. Dann können wir frei leben. Dann können wir der sein, der wir sind.

Be blessed
Manuel


Bildquelle: https://tofo.me/youversion

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