Lebendige Wahrheit (TDW 20/2018)

Lesedauer: 5min

Was ist bitte noch "richtig"?

Sie wurde missbraucht, versachlicht, relativiert, begrifflich abgeschafft: Die Wahrheit. Aus biblischer Sicht ist sie so viel mehr als ein paar nachvollziehbare Fakten oder eine schlüssige Theorie. Wer sie erleben will, muss sich auf sie einlassen. Auf der Suche nach Wahrheit in einer Welt, in der alles grundlegend in Frage gestellt wird.
Lies bitte zuerst: Psalm 25,4-5

Hey du,
was ist Wahrheit? Eine Frage, die mal spöttisch, mal ernsthaft gestellt wird. Und eine Frage, die schon immer Menschen beschäftigte. 
Über die letzten Jahrzehnte haben sich die Antworten vor allem in zwei Lager aufgeteilt. Die einen wollen Wahrheit auf Fakten reduzieren - überprüfbar, verifizierbar, wissenschaftlich. Wahrheit sei objektiv und offensichtlich für jeden wahrnehmbar. Die anderen glauben, dass alle Wahrheit relativ und für jeden etwas anderes sei. Wenn jemand dann eine allgemeine Wahrheit beanspruche, wolle er eigentlich nur Macht ausüben und seine Meinung durchsetzen.
Kann ich die Welt wahrnehmen, "wie sie wirklich ist" oder sehe ich eigentlich nur meine eigene Brille, meine eigenen Gefühle und Gedanken?

Schwarz und Weiß
In einer Welt, in der alles so grundlegend infrage gestellt wird, ziehen sich viele Christen gerne auf die erste Position zurück. Wir haben Sehnsucht nach Klarheit und Wahrheit. Jesus sagt ja schließlich, er sei die Wahrheit selbst. Und wie könnten wir auf ihn vertrauen, wenn wir uns nicht sicher sein können, das die Bibel die Wahrheit über ihn sagt?
Doch die Sehnsucht nach Wahrheit bleibt nicht bei so allgemeinen Fragen stehen, sondern die erfüllt und bis in die letzte Ecke unseres Lebens: "Sag mir, was richtig ist! Was ich glauben soll! Was sagt Gott? Darf ein Christ das oder jenes tun?" Daraus spricht zum einen ein Schwarz-weiß-Denken, das alles in ein Schema von gut und böse, richtig und falsch präsentiert haben will. Aber darin steckt aber die Sehnsucht nach Sicherheit und die Angst, selbst Verantwortung zu übernehmen und sein Hirn einzuschalten zu müssen. Dann kann uns Wahrheit sogar Angst machen. Wenn es darum geht, selbst festlegen zu müssen, was richtig ist. Oder überhaupt etwas festlegen zu müssen. Man könnte ja falsch liegen oder anecken.

Wahrheit als Geschichte
Denn die Sache mit der Wahrheit ist nicht so einfach, wie wir sie uns vielleicht wünschen. Auch die Bibel ist keine Sammlung zeitloser Wahrheiten. Sie ist weder ein mathematisches System noch ein Handbuch, in dem wir in all unseren Lebensfragen einfach nach der richtigen Lösung nachschlagen können. Bibelverse sind keine Gesetzesparagraphen, die wir direkt in unserem Leben umsetzen können. Und auch einzelne Verse aus dem Kontext zu reißen, um sie dann als "Beleg" anzuführen, wird der Bibel nicht gerecht.
Denn die Texte der Bibel sind historisch bedingt, sie schildern Denk- und Suchprozesse von Menschen mit Gott in ihrer Zeit und Situation. Selten liefern sie uns dabei definitive Antworten auf unsere heutigen Fragen. Erst, wenn wir uns auf die Texte einlassen, die Geschichten nacherleben, und Gott uns seine Wahrheit hinter diesen Wörtern sehen lässt, können wir Anwendungen für uns heute finden. Die Bibel ist eben nicht in erster Linie eine Sammlung von zeitlosen Wahrheiten, sondern eine große Geschichte! Die beste Geschichte der Geschichte. Die Story von Gott mit den Menschen.

Eine Geschichte muss erzählt werden
Eine Geschichte lässt sich nicht einfach zu einem Ergebnis "Wahrheit x = Gott liebt dich" auflösen. Eine Geschichte muss erzählt werden, damit sie ihre ganze Wahrheit entfaltet. "Das Evangelium" ist auch kein 4-Punkte-Fahrplan zum ewigen Leben, dem ich rational zustimmen muss, um gerettet zu sein. Das Evangelium ist die frohe Botschaft, dass Gott nun endlich König wird. Lang angekündigt (Jesaja 52,7ff.) und nun endlich Wirklichkeit geworden im Leben von Jesus. Die Evangelisten schrieben keine schlichte Abhandlung auf, sondern erzählten die Geschichte dieses Lebens. Noch erstaunlicher ist, dass die vier verschiedenen Erzählungen nicht überall hundertprozentig übereingebracht werden können. Einige Berichte widersprechen sich grundlegend in Bezug auf die "Fakten" (Zum Beispiel: Heilt Jesus einen Blinden als er nach Jericho kommt oder sich entfernt? Vgl. Markus 10,46 und Lukas 18,35). Wahrheit lässt sich nicht in eine reine Übereinstimmung mit "Fakten" bringen, sondern sie ist etwas Größeres.

Wahrheit ist ein Geheimnis
Jesus selbst erzählte auch Geschichten. Gleichnisse. Nicht nur, weil er Lust dazu hatte. Sondern weil sich Wahrheit nicht kurz auf den Punkt bringen lässt.
Es gibt keine Abkürzung zur Wahrheit.
Man findet sie auf dem Weg und in der Beziehung. Das braucht oft Zeit und manchmal eine gute Geschichte, die wir auch häufiger hören müssen, weil sie nicht leicht verständlich oder "eindeutig" ist. Eine solche Geschichte will uns primär auch gar nicht sagen, was "richtig" ist, sondern sie will uns verändern. Biblische Wahrheit ist ein Geheimnis. Nicht eins, das wir besitzen können, das wir kennen und anderen voraus haben, sondern ein Geheimnis, das uns umhüllt und größer ist als wir selbst. Wir können die Wahrheit nicht unsere Tasche stecken, denn sie kann uns in die Tasche stecken, überwältigen und ergreifen.

Wahrheit als Beziehung
Natürlich ändert sich das, was wir mit "Wahrheit" meinen auch je nachdem, über was wir sprechen. Manche Wahrheiten kann ich nachprüfen, manchmal gibt es Schwarz und Weiß. Fährt der Zug um 10 nach 10 ab oder nicht? Aber manche Wahrheit lässt sich besser mit Musik als mit einem Busfahrplan vergleichen. Im Jazz zum Beispiel spielen die Musiker auf ein Thema ihre verschiedenen Interpretationen. Vieles ist da "richtig", aber richtig ist nicht entscheidend: Es kommt dabei vor allem auf das Gefühl und den richtigen Moment an. Und nicht jeder versteht diese Art der Musik. Sie braucht einen Zugang, eine Beziehung. Fast so, wie man eine Person kennen lernt. Das braucht Zeit, Vertrauen und Erfahrung.
Und ich glaube genau diese Art von Wahrheit ist es, die Glauben ausmacht. Diese Wahrheit zeigt sich uns nur in der Beziehung zu dem, der sagt: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!" Dieser jemand bleibt mir manchmal ein Geheimnis. Ich kann ihn nicht in mein Schema einordnen.
Aber wenn ich anfange, diesem Geheimnis Raum in mir zu geben entfaltet es in mir grenzenlose Schönheit.
Denn was wäre das für ein Gott, der komplett ausgedeutet ist? Auf jeden Fall nicht der Lebendige, denn das Leben ist nicht ausrechenbar. Wenn wir Gott nicht die Freiheit einräumen, auch geheimnisvoll und fremd zu sein, sondern meinen zu wissen, was er will, dann stellen wir uns letztendlich über ihn. Unser Maßstab wird Gottes Maßstab. Es gehört dazu, dass wir immer wieder neu um Wahrheit ringen und nicht in die Versuchung verfallen, sie zu schlicht und schwarz-weiß zu sehen. Denn es ist einfacher, ein schnelles Urteil zu fällen, als sich auf Korrektur einzulassen.

Zwei Basics auf der Suchenach Wahrheit:
1. Demütige Liebe. Weil ich die Wahrheit, die in Jesus ist, nicht besitze, kann ich sie auch niemandem mit Gewalt aufzwängen. Diese Art von Wahrheit macht keine Angst. Immer wieder muss ich mich hinterfragen: Richtet sich meine Wahrheit vor allem gegen andere und rechtfertigt mich und mein Verhalten? Oder kann ich andere liebevoll ansehen? Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt uns, dass Liebe und nicht die Grenze zum Anderen entscheidend ist. Die Wahrheit, die wir in Jesus erkennen, macht uns frei (Johannes 8,32). Sie macht uns frei zur Begegnung, zur Vergebung und zum Lieben.
2. Der Geist der Wahrheit. Gott lässt uns nicht allein. Sein Geist wird uns in alle Wahrheit leiten. Er wird uns nicht dorthin beamen. Es ist ein Weg, den wir selbst gehen müssen, ein Weg zu ihm selbst.

Let´s go!
Wahrheit ist eine Reise. Ein Lifestyle. Ein tägliches Streben und auf der Suche sein. Wir müssen uns auf den Weg machen, einen Schritt auf Jesus zu gehen und uns von ihm leiten lassen. Das ist sicher nicht immer leicht, aber dich erwartet das Abenteuer deines Lebens. Die Reise für die du auf dieser Welt bist. Und deshalb bin ich mit ihm unterwegs. Weil ich mit dem reise, der von sich selbst gesagt hat: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Der mich geschaffen hat, der meine Bestimmung kennt und der mich ans Ziel bringen wird.
Was ist Wahrheit? Wer das herausfinden möchte, muss sich auf die Reise machen. Schritt für Schritt. Immer hinter Jesus her.
May you walk a lighted path. May you fight for truth, your truth, not someone else´s. (Marisha Pessl)

Wahrheit - Poetry Slam

Wie trügerisch ist es, in beständiger Lüge zu leben? Wie lügnerisch, sich etwas vorzugeben und dadurch unfähig zu sein, den Weg des Lebens aufrecht und in Wahrheit zu gehen. Wie fahrlässig, nicht einen Schritt zurückzutreten, sich diese Wahrheit einzugestehen, und für einen Augenblick lang keinen egoistischen Lügner zu sehen, sondern zu erleben, wie befreiend es ist, die Lüge abzulegen. Zu verstehen, dass die Wahrheit zu sagen, nicht automatisch bedeutet, sich selbst zu bestrafen. Die Wahrheit ist nicht gekommen, um dich zu verklagen, sondern frei zu machen. Nicht um zu strafen, sondern deine Stärke zu werden. Nicht um dein Herz zu verzagen, und wende dein Ohr also nicht ab, indem du sagst, du könntest diese Wahrheit nicht ertragen. Jesus will nicht Feind, sondern Gott, nicht Richter, sondern dein Retter sein. Er möchte, dass du sagen kannst: "Weil er meine Stärke ist, muss ich nicht mehr für mich alleine kämpfen! Ich bin besänftigt, weil er meine Last, meine Ungewissheit, mein Verlorensein, meine Sinnlosigkeit und das Alleinekämpfen ein für alle Mal beendet."

Es ist an der Zeit, sich Jesus hinzugeben
Mein Sohn, leben kannst du die Lüge bis zu deinem Tod. Innerlich frei werden nicht, in diesem Tod. Und das führt letztlich dazu, dass du innerlich zerbrichst. Ist es nicht an der Zeit, dass er darf lösen, deinen Strick. Weil er sprach: "Es ist vollbracht!", ist genommen, der Sünde Macht. Weil er sprach: "Es ist vollbracht!", kannst du sprechen: "Weil ich an dich glaube, ist in mir die Wahrheit entfacht. König, du hast mich zu einem neuen Menschen gemacht. Nicht mehr länger muss ich lügen, nicht mehr betrügen, um die Konsequenzen meines betrügerischen Seins auszubügeln. Eine Lüge zu leben, bedeutet, sich der Verstricktheit zu ergeben. Den Lauf der Dinge in Bitterkeit, Sturheit und Zerrissenheit zu gehen. Lass uns heute neu verstehen, denn dass Lügen letztendlich kurze Beine haben, gibt das eigene Gewissen selbst kleinen Kindern zu verstehen. Vielleicht ist es an der Zeit, nicht weiter die Wahrheit zu verdrehen und mich dir, Jesus, hinzugeben. An dich zu glauben bedeutet nicht, nach Erfüllung und Glückseligkeit zu streben, sondern sie zu haben, und das erste Mal zu erfahren, dass das Freisetzten der Kraft Auswirkungen hat, denn einem wurde die ganze Schuld vergeben. Deine Schönheit ist unbegreiflich, oh mein Schöpfer, denn nur du hast die Macht, aus uns lügenverstrickten Menschen wertvolle, kostbare und siegreiche Leben zu machen.
Text: Tony Anderson

Be blessed
Manuel


Bildquelle: https://tofo.me/yesheis_

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