Gemeinde. Müssten wir sie nicht leben? (TDW 26/2018)

Lesedauer: 6min

Ein Weckruf, Kirche im Heute zu leben

"Brrrr..." Es ist Sonntagmorgen, nein eigentlich noch mitten in der Nacht. Zumindest gefühlt. Trotzdem klingelt der Wecker und scheucht mich aus dem Bett. "Warum tue ich mir das eigentlich an?", frage ich mich?
Lies bitte zuerst: Matthäus 16, 13-18

Hey du,
kennst du Hermann? Hesse meine ich. Bekanntlich hielt der nicht sehr viel von der Kirche. "Ich habe nie ohne Religion gelebt, aber ich bin mein Leben lang ohne Kirche ausgekommen." (Hermann Hesse)
So geht es heute vielen - das zeigen die sinkenden Mitgliederzahlen der Kirchen. Leerstehende Kirchen werden zu Restaurants oder Konzerthallen umfunktioniert - schließlich würde ein Abriss dem Stadtbild nicht gut tun... Und mal ehrlich: Was hat überhaupt eine uralte Religion mit dem Leben heute zu tun? Außer skandalösen Nachrichten über Missbrauch, Diskussionen über Kreuzzüge und korrupte Kirchenfunktionäre hört man nicht sehr viel, wenn es um das Thema Kirche geht. Das ist so krank! Soll das die ursprüngliche Idee von dem christlichen Glauben sein?

Wie alles anfing...
"Es gab da einen Mann, der durch seine Art zu leben Aufsehen erregte. Was er sagte, war einfach explosiv. Seine Anhänger haben ihre Erlebnisse mit ihm aufgeschrieben und veröffentlicht. So entstand ..."
So könnte die Entstehungsgeschichte aller möglicher Religionen beginnen. Aber im Christentum ist da irgendwie noch ein Step mehr. Jesus aus Nazareth, Christus genannt, beanspruchte weit mehr, als der Gründer einer neuen Religion zu sein. Er behauptete, Gottes Sohn zu sein. Und das sagte er nicht nur, sondern er tat sogar übernatürliche Dinge: Er heilte unheilbar Kranke, beherrschte das Wetter, holte Tote zurück ins Leben. Das war ja noch ok. Aber sein Anspruch, Gott zu sein und Sünden vergeben zu können, brachte ihm die Feindschaft der religiösen Elite ein. Jesus aus Nazareth wurde verleumdet, zum Tod verurteilt und letztendlich in Jerusalem hingerichtet.

Unerhört
Aber damit war es noch nicht vorbei. Am dritten Tag nach seiner Kreuzigung ist Jesus aus den Toten auferstanden. Seine skeptischen Freunde mussten sich davon überzeugen lassen. Denn spätestens als sie ihm persönlich begegneten war klar: Der ist wirklich lebendig, der Tod konnte ihm nichts anhaben! Begleitet von den Blicken seiner Nachfolger fuhr Jesus 40 Tage nach seiner Auferstehung in den Himmel auf. Am darauffolgenden jüdischen Erntedankfest passierte etwas nie Dagewesenes: Über die Nachfolger von Jesus kam der Geist Gottes. Die Kraft, die das Universum erschuf und die Jesus auferstehen ließ, lebte jetzt in ihnen! Im wahrsten Sinn des Wortes von Gott be-Geist-ert, outeten sie sich als Nachfolger von Jesus. Sie standen öffentlich zu ihrem Glauben an Gott. Ein ristkanter Step, denn viele Menschen nahmen danach Abstand von ihnen. Ob man der Sache so wirklich glauben konnte? Ich meine, ein Mann, dem die Massen folgen, der Dinge tut die jedem physikalischen Gesetz wiedersprechen, ein Toter der plötzlich wieder lebendig ist... Schon ein bisschen abenteuerlich, oder?

Hauptsache
Sogar ohne WhatsApp und Instagram verbreitete sich die Nachricht von Jesus rasend schnell in der ganzen Umgebung. Die Message, dass Jesus Gottes Zorn und die Strafe für all die Fehler und all den Mist den wir Menschen machen auf sich genommen hat. Dass er unsere Schuld mit seinem Leben und seinem Tod bezahlt hatte. Eine unglaublich radikale Nachricht. Eine die alles bisher dagewesene auf den Kopf stellte. Die Vorstellungen sprengte und Brücken über zuvor unüberwindbare Grenzen errichtete.
Schnell wuchs die Zahl der Nachfolger Jesu. Und so wurde Pfingsten, der Tag, an dem Gott seinen Gist zu seinen Nachfolger sandte zur Geburtsstunde der weltweiten Kirche Gottes. Es wurde wahr was Jesus einem seiner Freunde, dem Ex-Fischer Simon, angekündtgt hatte: "lch werde meine Gemeinde bauen." (vgl. Matthäus 16,18). 
Jesus selbst gründete und baute seine Gemeinde. Und er baut sie heute noch. 
Eine Gemeinschaft von Menschen, die alle von Gott begeistert sind, die ihm nachfolgen und ihn mit ihrem Leben ehren wollen. Nicht einfach nur ein Gebäude, sondern eine Plattform des Austauschs, eine neue Familie, ein Movement, Menschen, die ein Licht für die Welt sein wollen - das ist seine Kirche.
Hört sich doch eigentlich gut an, oder? Wie kommt Hesse dann dazu zu sagen: "Ich habe nie ohne Religion gelebt, aber ich bin mein Leben lang ohne Kirche ausgekommen." Hält die Gemeinde nicht mehr das, was sie verspricht? Ist sie vielleicht gar nicht mehr das, was sich Gott eigentlich dabei gedacht hat? Und hat sie heute überhaupt noch Relevanz? Braucht man sie überhaupt um zu glauben?

Mehr Schein als Sein?
Im Moment glaube ich in unserer Gesellschaft eine interessante Dynamik zu entdecken: Einerseits streben wir zum absoluten Individualismus. Aber auf der anderen Seite wollen wir auch alle zu einer Community gehören, Gemeinschaft haben. Wir erleben ein ständiges Hin- und Hergerissensein zwischen starkem Individualismus und den unbändigen Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Gott hat uns mit dieser Polarität geschaffen. Wir benötigen beides, Alleinsein genauso wie Gemeinschaft. Viele würden alles tun, um dazuzugehören. Sie gehen in Peer-Groups, kleiden sich und sprechen wie ihre Freunde. Auf Facebook exponieren sie sich mit den privatesten Detail um zur virtual Community dazuzugehören. Ich nenne es Scheingemeinschaft: Ich bin zwar mit vielen Menschen virtuell verbunden, sammle Freunde auf Facebook und kommuniziere in verschiedenen Whats-App-Gruppenchats. Aber echte, verlässliche Freundschaften, mit denen man durch dick und dünn gehen kann, sind das meistens nicht.
Die Gemeinde ist der perfekte Gegenpol zu dem vorherrschenden Individualismus. Gott hat uns mit dem Bedürfnis nach echter Gemeinschaft geschaffen - einer Gemeinschaft, in die wir uns hineingeben, aber in der wir auch selbst bereichert werden. Damit kann die Gemeinde ein Ort sein, der unserer Isolation entgegenwirkt - wie auch Familie und unsere Crew.

God´s Squad
Die ersten Gemeinden der Bibel waren Gemeinschaften von Menschen sehr unterschiedlicher Schichten und Prägungen. Selbstständige Handwerker, Arbeiter, Bettler und Politiker. Alle waren vereint durch den Glauben an Gott. Seine Idee von Gemeinde ist eine ziemlich durchgemixte. Ein Ort, wo Menschen zusammenkommen um ihm zu feiern und zusammen durchzustarten. Egal aus welchem Hintergrund sie stammen. Denn er hat sie alle gleich wichtig geschaffen. Die Bibel schwärmt richtiggehend von Verschiedenartigkeit. Davon, dass die Starken den Schwachen helfen, dass sich die Jungen und die Alten schätzen. Und sie beschreibt in einem Gleichnis von einem Körper, der aus vielen Körperteilen besteht, ganz deutlich, dass wir uns in unserer Unterschiedlichkeit brauchen... Ich mein, was ist eine Hand ohne einen Arm, der sie lenkt? Oder ein Kopf ohne die Lunge die ihm den nötigen Sauerstoff liefert?
In der Gemeinde treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Aber jeder kann etwas! Und es ist kein Wettkampf wer der oder die Beste ist. Das Ziel ist Einheit in Vielfalt. Synchron sein mit Gott. Verbunden durch eine geminsame Vision.

Ein Ort des Wachstums
Klar, sich auf Leute einzulassen, die anders sind, kann manchmal eine echte Herausforderung sein. Aber es bereichert und und bringt uns weiter. Und wir sind ja nicht auf allein gestellt. Gottes Geist ist es, der all diese Menschen verbindet. Ohne ihn können sich unsere Herzen einander nicht zuwenden. Eine Aussage von Dietrich Bonhoeffer aus seinem Buch "Nachfolge" ist dazu in meinem Kopf hängen geblieben: "Zwischen Sohn und Vater, zwischen Mann und Frau, zwischen Einzelnen und dem Volk steht Christus, der Mittler... Es gibt für uns keinen Weg zum anderen mehr als den Weg über Christus, über sein Wort, über seine Nachfolge." Das ist für mich die Grundlage der christlichen Gemeinschaft. In einer Gemeinschaft, in der Jesus der Mittelpunkt ist, wird diese zur großartigen Lebensschule. 
Ein Ort, an dem wir Gott und uns selbst besser kennen lernen. Wo sich unsere sozialen Fähigkeiten und unser Charakter entwickeln. Ein Ort, an dem unser emotionales Bedürfnis nach Annahme, Verständnis und Nähe gestillt wird und wo wir entdecken unsere Gaben für andere einzusetzen und ihnen zu dienen. Gemeinschaft die und in der andere durch uns wachsen und durch die wir selbst Fortschritt und Wachstum in unserem Leben erfahren. Zusammenleben in dem andere Gottes Wesen erkennen können. Das ist Gottes Plan von Gemeinde. Eigentlich ein ziemlich genialer, oder?

Wenn Gemeinschaft zum Leben erwacht
Trotzdem: Ich weiß ja nicht, wie es dir so geht... aber ich habe schon oft erlebt, dass Kirche nicht mehr dem entspricht, was sich Gott dabei gedacht hat. Wir sind eben auch nur Menschen, nicht perfekt. Und das ist manchmal frustrierend, kann enttäuschen und verletzen. Aber ich glaub trotzdem, dass wir an Jesus und seinem Auftrag für Gemeinde festhalten sollten, dass wir ihn immer wieder in den Fokus, in den Mittelpunkt rücken und ihn nicht durch Gebäude, Menschen oder Strukturen begrenzen sollten. Dass wir lernen, die anderen über uns zu stellen und ihnen mit unseren Gaben dienen. Dass wir echte Commuinity erleben. Mehr sein als Schein. Denn ich glaube, dass wir in unserer Unperfektheit und unseren Grenzen dann umso mehr seine Größe und Gnade kennenlernen werden und dass jede Stadt, jeder Ort das mitbekommen wird. Ich will uns heute herausfordern Gemeinde (wieder) zu leben.

Ich glaube nicht nur, dass du und ich Gemeinde brauchen. Ich glaube, dass Gemeinde auch uns braucht.
Als Gemeinschaft der Nachfolger von Jesus sind wir berufen, ein Leben voller Schönheit, Weisheit und Liebe zu führen. Die Wirklichkeit der Welt zu sprengen und nach den Möglichkeiten Gottes zu greifen. Wir sind auferweckt zum wahren Leben, mitten hinein in die Aufs und Abs dieser Welt, um die Welt zusammen mit Gott zu revolutionieren. Und mit ihm Geschichte zu schreiben. Das ist mal mehr als nur ein paar Leute, die das Gleiche glauben.

Also: Schau mal wieder in deiner Kirche vorbei. Versuch deinen persönlichen Auftrag da zu leben, wo du gerade bist. Oder such dir deine Kirche, wenn du noch keine hast. Wenn du nicht weißt, wo und wie du eine Kirche finden kannst, dann schreib mir doch eine Mail oder per WhatsApp! (Meine Kontaktdaten findest du hier) Vielleicht kann ich dir ja bei der Suche ganz konkret weiterhelfen!

Be blessed
Manuel


Bildquelle: https://lviewer.com/youversion

Kommentare

Das könnte dich auch interessieren

Hoffnungsträger

Der Moment, wenn nichts mehr geht (TDW 41/2018)

Zur Freiheit berufen (TDW 39/2018)