Ist der Himmel nicht bunt? (TDW 28/2018)

Lesedauer: 6min

Mit Fremden über den Glauben sprechen

Wir leben schon längst in einer Welt in der Menschen verschiedenster Kulturen Türe an Türe wohnen und sich doch nicht kennen. In der viele Gemeinden immer noch nicht überfordert sind, diesen Menschen zu begegnen und sie Willkommen zu heißen. Dieser Text ist eine Ermutigung dazu. Mauern einzureißen und Brücken zu bauen. Menschen aus fremden Kulturen nicht zu fürchten, sondern zu suchen und kennenzulernen. Andere nicht in Schubladen zu stecken, sondern aufeinander zuzugehen und Freundschaft, Beziehung zu bauen. Denn ist es nicht das, was bei Gott am Ende zählt?
Lies bitte zuerst: 3. Mose 19, 33-34

Hey du,
ein einziger Blick auf den Schulhof genügt, um festzustellen: Wir sind in der Multikulti-Welt angekommen. Noch nie waren unsere Städte und Dörfer kulturell so bunt gemischt wie heute. Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen, Religionen und Ländern leben mit uns und sind längst ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Ob wir uns über sie freuen, wie ich es tue, oder eher ärgern, wie manch ein anderer - wir müssen lernen, mit dem Fremden nachbar- und freundschaftlich zu leben und zusammen an einem Lebensraum zu basteln, der unser Leben zum positiven Erlebnis macht. Aber um das zu schaffen ist guter Rat gefragt.

Von außen nach innen
Mit der Frage, wie sich über die kulturellen Grenzen hinweg kommunizieren lässt, beschäftigt sich eine eigene Wissenschaft: die Kulturanthropologie. Hier versteht man jede Kultur als Lebensdesign, als eine Art Lifestyle. Und nach den Kulturanthropologen, setzt eine Kultur auf vier Ebenen an: der materiellen, sozialen, weltanschaulichen und religiösen. Wobei es die religiöse Vorstellung ist, die unsere Weltanschauung, das soziale Miteinander und den materiellen Raum am meisten beeinflusst: Kulturprägende Kräfte wirken von innen nach außen. Will man aber eine Kultur kennenlernen oder gar verändern, dann wird man genau den umgekehrten Weg gehen müssen - von außen nach innen. So machen wir es ja schon als Touristen. Wir kommen in ein fremdes Land, sehen uns die Kulturdenkmäler an, genießen das feine Essen und freuen uns am Andersartigen. Bleiben wir länger, dann entstehen die ersten Beziehungen zu den Menschen selbst. Werden diese Beziehungen vertieft, dann lernen wir irgendwann zu verstehen, wie diese Menschen ticken und glauben. So kommt man in einen fremden Lebensraum hinein, so entstehen Freundschaften. Aber aus eigener Erfahrung wissen wir, dass dieser Weg alles andere als einfach ist.
Auf dem Weg in das Innere einer Kultur liegen immer zuersteinmal Befremdung und innere Ablehnung all dessen, was einem merkwürdig vorkommt. Der Kulturschock eben. Niemand, der einen Fremden kennenlernt, wird an der Erfahrung des Kulturschocks vorbeikommen. Niemand. Er mag mehr oder weniger heftig ausfallen, aber kommen wird er sicher. Erst die Überwindung dieses Befremdung, der Skepsis gegenüber dem Fremden, macht uns zu Menschen, für die Kulturgrenzen keine Grenzen mehr sind, sondern Verbindungen. Und für die Fremde zu Freunden werden.

Taste the foreign
Gemeinschaft mit Menschen anderer Kulturen beginnt immer auf der materiellen Ebene. Wir suchen nach Gelegenheiten, die materiellen Vorteile der uns eigentlich fremden Kultur kennenzulernen: Es macht Spaß, einer kurdischen Feier beizuwohnen und so tanzen zu lernen, wie sie tanzen. Es macht Spaß, einen russischen oder englischen Witz zu verstehen. Es macht Spaß, hinter den fernöstlichen Musikklängen eine Struktur und Sinn zu entdecken. Und es macht Spaß, das Essen anderen Länder zu probieren und zu sehen, wie es zubereitet wird. Es macht Spaß. Und weil man all das allein nicht kann, sondern sich das Fremde zeigen und erklären lassen muss, entsteht schnell eine erste Beziehung.
Die Fremden unter uns werden uns für immer fremd bleiben, wenn wir ihnen nur die Vorteile unseres eigenen Lebensstils vor Augen führen und kein Interesse an ihrer Kultur zeigen. 
Denn ohne Interesse entsteht kein Vertrauen. Und ohne Vertrauen kann es kaum eine Beziehung geben.

Reiß´ die Mauern ein
Wenn wir anfangen gemeinsam die materielle Seite unserer Kultur zu entdecken, beginnt eine Beziehung zu wachsen. Wenn der Fremde weiß, dass ich seine Kultur nicht grundsätzlich ablehne, wird er mich auch bald zu sich nach Hause einladen und meine Einladung gerne annehmen. Sicherlich warten dann auf uns beide Überraschungen: Bei den einen sitzen die Männer grundsätzlich von den Frauen getrennt, während bei den anderen eine solche Geschlechtertrennung gar nicht erst infrage kommt. Hier trinkt man Tee, da Kaffee. Hier umarmt man sich, da schüttelt man einander die Hand.
Sicher, die Unterschiede können zuerst vielleicht Ablehnung hervorrufen. Aber genau diese Ablehnung ist es, die wir überwinden müssen, um eine neue Kultur, um neue Menschen wirklich kennenzulernen.
Um neues kennenzulernen müssen wir die Mauern, die wir ständig um das Altbekannte aufbauen immer und immer wieder einreißen.
Erst dann kann Vertrauen entstehen und Beziehung wachsen. Erst dann dürfen wir das Fremde hinterfragen. Und erst jetzt wird der Andere unser Denken und unseren Glauben hinterfragen.
So beginnt eine kulturübergreifende Verbindung, die am Ende zur Veränderung des Denkens und eventuell auch des Glaubens führen kann. Selbstverständlich wird man sich dabei auch selbst verändern. Man kann nur transformieren, wenn man selbst zur Transformation bereit ist. Und warum sollte man sich nicht das Beste aus jeder Kultur aneignen? Warum sollte man nicht die Nachbarschaftshilfe von den Russen und die Gastfreundschaft von den Türken lernen wollen, auch wenn die Russen Atheisten und die Türken Muslime sind? Würde das nicht auch besonders uns Christen gut tun? Schließlich sind Gastfreundschaft und Nachbarschaftshilfe nah dran an den Vorstellungen des Reiches Gottes.

Nächstenliebe mal konkret
Machen wir das mal konkret. Zoomen wir rein ins deutsche Ruhrgebiet, wo ich diese Woche auf Studienfahrt verbracht habe. Jene fußballverrückte Region, aus der die meisten Bundesliga-Vereine kommen und die längst einem bunten Völkerteppich ähnelt. Mal angenommen, du gehörst zu einer kleinen deutschen evangelischen Gemeinschaft, die ihr Gemeindehaus mitten in einer von Migranten und Ausländern bewohnten Nachbarschaft hat. Mal angenommen, du wolltest auch den Fremden, die um das Gemeindehaus herum leben, Gottes Liebe zeigen. Wie fängst du da an? Klar, du könntest dir Traktate in deren Sprachen besorgen und unter den alten und neuen Nachbarn verteilen - auf die Gefahr hin, dass du in verwirrte und ablehnende Gesichter blickst. Oder du könntest sie zum kicken einladen, mit ihnen Fußball spielen und ihr könntet euch Fußballspiele ansehen. Und nicht nur die aus der deutschen Bundesliga, sondern auch die der türkischen Süper Lig. Wenn deine Nachbarn deine Jubelschreie nicht nur für Borussia Dortmund, sondern auch für Galatasaray Istanbul hören, dann ist möglicherweise der erste Schritt getan. Bis deine türkischen Nachbarn deine Liebe zu Gott nicht belächeln und auch nicht infrage stellen, sondern mit Respekt behandeln, wirst du noch viele Döner verschlingen und literweise türkischen Tee trinken. Nur so werden ihr eines Tages über Gottes Liebe reden. Denn wenn der Andere dich nicht lieben lernt, wie sollte er dann deinen Gott lieben können? Und wenn du nichts am Anderen liebenswürdig findest, wie sollte er es bei dir finden können?

Mal angenommen...
Mal angenommen, du entdeckst eines Tages, wie arm manche Familien deiner Fußballfreunde sind und es gelingt dir, deine Gemeindeleitung dafür zu gewinnen, im Gemeindehaus eine Tafel für Bedürftige einzurichten. Du beginnst zusammen mit Freunden dafür zu sorgen, dass die Benachteiligten wenigstens einmal in der Woche einen Support bekommen. Und mal angenommen, die Menschen kommen und schon bald entsteht um die Tafel herum mehr. Ihr richtet im Gemeindehaus einen Nachhilfeunterricht für die Kinder der Migranten ein - oder einen Kochkurs für deutsche Frauen, den die türkischen Nachbarinnen gestalten. Nur mal angenommen... Der Fantasie sind ja bekanntlich keine Grenzen gesetzt. Schon bald schwindet die Angst der Fremden nicht nur vor dir, sondern auch vor dem Gemeindehaus, in dem du Sonntag für Sonntag Gottesdienst feierst. Eure Gemeinde, wird ein Treffpunkt, für alle. Ein offenes Haus, in dem ihr gemeinsam Zeit verbringt und in dem Gott mitten unter euch ist. Freilich werden mit den Fremden auch fremde Gerüche ins Gemeindehaus ziehen. So ganz steril deutsch geht es dann nicht mehr zu. Aber, Hand aufs Herz, ist das denn wirklich, was bei Gott am Ende zählt? Ist es nicht das Zusammenspeil der verschiedenen Farben, die ein Bild am ende zu einem Kunstwerk machen? Und ist Gottes Kunstwerk, ist sein Reich nicht bunt?

Wagen wir es?
Wenn wir unseren Glauben mit Fremden teilen wollen, gelten die gleichen Regeln, wie wir sie oben kennengelernt haben. Wer anderen Gottes Liebe zeigen will, muss sie in ihrer materiellen Welt der Bedürfnisse abholen. So beginnt Vertrauen zu wachsen. Dann kommt es zu Beziehungen, Freundschaften, die auch in der Gemeinde gelebt werden. Und wenn sich die Fremden mit den Gemeindegliedern befreunden, ist der Weg frei sich eines Tages auch mit der Gemeinde selbst und dann eventuell auch dem Gott dieser Gemeinde zu befreunden.
Am Ende der Reise haben wir nicht nur neue Freunde gefunden, sondern sind selbst um Welten reicher geworden. Denn: "Nichts macht den Menschen so reich, wie die erfahrene Welt des Fremden." (Unbekannt). Also - wagen wir es. Multikulti ist nicht ein gesellschaftliches Ärgernis - sondern eine Chance für unsere Gesellschaft. Und für unsere Gemeinden.

Be blessed
Manuel


Bildquelle: https://lviewer.com/youversion

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