Total tolerant?! (TDW 30/2018)

Lesedauer: 5min

Von einer der größten Herausforderungen unserer Zeit...

Noch nie zuvor hatten Toleranz und "den anderen so stehen lassen" in unserer Gesellschaft einen so hohen Stellenwert wie heute. Heutzutage ist eigentlich alles erlaubt, nur eines nicht: zu behaupten, man hätte die alleinige Wahrheit gefunden. Ganz nach dem Motto: Nichts ist falsch, alles ist richtig. Aber schließt genau das echte Toleranz nicht aus?
Lies bitte zuerst: Römer 12, 9-16

Hey du,
Toleranz geht auf den lateinischen Begriff "tolerare" (ertragen, aushalten, erdulden) zurück und bedeutete früher einmal, dass ich meinen Mitmenschen, die ganz anders über das Leben denken als ich, dieselbe Glaubens- und Meinungsfreiheit zugestehe, die ich für mich selber in Anspruch nehme. Dass ich aus meinem Wahrheits- keinen Machtanspruch ableite.
Mittlerweile aber dominiert in unseren Breiten eine andere Toleranz-Definition. Wirklich tolerant ist demnach nur jemand, der alle Überzeugungen und Lebensstile als gleich gut ansieht und jeden Wahrheitsanspruch für gleich gültig. Der tolerante Mensch des 21. Jahrhunderts darf vor allem nicht behaupten, dass er die Wahrheit gefunden hat, die auch für andere gilt. Er darf seine persönliche Wahrheit haben - mehr nicht. Aber wie logisch und wie sinnvoll ist diese neue Toleranz?

Alles richtig, alles gut
Noch nie zuvor hatten Toleranz und "den anderen so stehen lassen" in unserer Gesellschaft einen so hohen Stellenwert wie heute. Heutzutage ist eigentlich alles erlaubt, nur eines nicht: zu behaupten, man hätte die alleinige Wahrheit gefunden. "Der eine sieht es eben so und der andere so." Das stimmt. Aber wenn der eine sagt: "1+1 = 2" und der andere sagt: "1+1 = 3", dann sehen es beide anders, aber ist auch beides wahr?
Sicher, dieses Beispiel ist jetzt überspitzt. Aber dennoch standen die meisten von uns vermutlich schon einmal vor diesem Dilemma: Die Politische Korrektheit der heutigen Zeit verlangt von mir, das Verhalten anderer zu tolerieren. Aber kann ich etwas moralisch gut heißen, was mir so ganz widerstrebt? Bin ich als Christ nicht sogar dazu verpflichtet, den Anderen zu ermahnen? Wer gibt mir andererseits das Recht, über das Leben und die Entscheidungen Anderer zu urteilen? Ein Dilemma, bei dem es sich viele leicht machen.
Ist doch klar, der Andere wird toleriert. Basta. Das heißt, dass ich seine individuellen Entscheidungen und seine persönliche Moral stehen lasse und gefälligst meinen Rand halte. Gerade von uns Christen wird doch oft gefordert, mehr von dieser Toleranz zu leben, nicht gleich wieder jede Neuerung mit dem Argument "in der Bibel steht aber" im Keim zu ersticken. Aber geht es bei dieser Forderung wirklich noch um Toleranz? Oder wird Toleranz dadurch zur Gleichgültigkeit?

Intolerante Toleranz
Ich glaube: Wenn alles gleich gültig ist, werden Menschen gleichgültig. "Ein gleichgültiger Mensch ist gewissermaßen egozentrisch, jedoch nicht aus Bosheit" (Wikipedia). Wer gleichgültig ist, sieht nur, was ihn selber interessiert, ihn selbst direkt betrifft. Die Meinung des Anderen kann dann gut stehen gelassen werden, weil sie letztendlich egal ist. Der Philosoph Karl Jaspers hat genau das mal ziemlich treffend auf den Punkt gebracht:
"Gleichgültigkeit ist die mildeste Form der Intoleranz."
Wollen wir zu solchen Menschen werden? Wollen wir die anderen einfach aus unserer Wirklichkeit ausklammern?
Andererseits kann es auch nicht andersherum funktionieren. Dort, wo ich Menschen verurteile und ihnen mein Denken aufzwinge, gestehe ich ihnen nicht mehr zu, auch anders sein zu dürfen als ich. Damit erreiche ich nichts. Außer, dass meine Umwelt sich von mir, "dem Moralapostel", distanziert. Wahre Toleranz verlangt, dass wir unser Gegenüber ernsthaft annehmen. Scheinbar gibt es da keine einfache Lösung. Weder ein zu schnelles "geht gar nicht" noch ein leicht daher gesagtes "oder doch?"
 
Toleranz braucht klare Standpunkte
Toleranz im ursprünglichen Sinne bedeutet, einen Standpunkt oder eine Meinung, die anders ist als meine eigene, zu ertragen, sie stehen lassen zu können. Das setzt aber voraus, dass ich einen eigenen Standpunkt habe. Toleranz bedeutet auf keinen Fall, dass ich meine eigenen Positionen und Meinungen aufgeben muss. Es bedeutet, dem Anderen zuzugestehen, alternative Meinungen zu vertreten, ja mehr noch dafür Sorge zu tragen, dass er seine Meinung frei vertreten kann.
Toleranz schließt starke eigene Überzeugungen nicht aus, sondern setzt diese vielmehr voraus.
Gleichzeitig müssen wir uns bewusst sein, dass auch Toleranz ihre Grenzen hat. Dass die Polizei zum Beispiel einen Mörder festnimmt, hat nichts mit Intoleranz zu tun, sondern ist eine angemessene Reaktion auf eine Gesetzesübertretung.
Das ist klar. Bei unausgesprochenen Regeln, wird es da schwieriger. Werte, die uns vorgeben, wie wir uns in bestimmten Situationen zu verhalten haben. Dass ich zum Beispiel in einem feinen Restaurant nicht mit den Fingern esse. Oder nachts nicht mehr bei meinem Nachbarn klingle. Diese Art von Regeln ist deutlich unschärfer gefasst - je nach Situation und Kreis, in dem wir uns umgeben, halten wir uns mal mehr und mal weniger dran. Nicht immer stehen sie irgendwo geschrieben. Und das führt zu Konflikten, wenn Andere ein anderes Verständnis davon haben als ich.
 

Toleranz aus Nächstenliebe
Versteht mich nicht falsch, ich will hier gar nicht werten, was jetzt richtig oder falsch ist. Aber ich will herausfordern, einen eigenen Standpunkt zu finden, auf dessen festem Fundament es sich tolerant leben lässt.
In seinem Brief an die Römer fordert Paulus von seiner Gemeinde, tolerant miteinander zu leben. Was das bedeutet, wird besonders deutlich im Vers 10: "Seid in herzlicher Liebe miteinander verbunden, gegenseitige Achtung soll euer Zusammenleben bestimmen." (Römer 12, 10).
Paulus fordert uns auf unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst. Der Orientierungspunkt wird dann: Lebe ich danach, mit meinem Leben Gott die Ehre zu geben, indem ich meinen Nächsten liebe?

Spannung aushalten lernen
Und jetzt kommt die Toleranz ins Spiel. Denn ob andere mit mir übereinstimmen oder nicht, liegt kein bisschen in meiner Hand.
Wahre Toleranz bedeutet, auszuhalten, dass jemand, der mir wichtig ist, auch anderer Meinung als ich sein kann und darf.
Es zu ertragen, dass eine Person, die mir wichtig ist, einen anderen Weg geht, den ich vielleicht nicht feier, kann zu einer wahren Zerreißprobe werden. Und doch ist das die einzige Möglichkeit, wie ich ihn als selbstbestimmten Menschen gelten lassen kann. Beruhigend, dass Paulus hier aber noch einen drauflegt: "Seid beharrlich im Gebet." 
Diese Beständigkeit im Gebet drückt aus, dass wir uns eben doch nicht gleichgültig sind, sondern uns trotz unterschiedlicher Meinungen in Liebe ertragen und aufeinander Acht geben können.

Toleranz die sich gegen die Gleichgültigkeit stellt. Geht gar nicht! Oder doch?

Be blessed
Manuel


Bildquelle: https://lviewer.com/youversion

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