u n d e r d o g s (TDW 29/2018)

Lesedauer: 6min

Was bedeutet eigentlich Demut?

Demut - ein Wort, das irgendwie unüblich geworden ist. Mal ehrlich, wann hast du es das letzte Mal außerhalb einer Predigt gehört? Demut ist heutzutage eine nicht gerade populäre Einstellung, klingt auch viel zu sehr nach Demütigung. Wieso ich trotzdem über Demut schreibe? Lass es mich dir erklären...
Lies bitte zuerst: Johannes 3, 22-30

Hey du,
"Jesus soll immer wichtiger werden, und ich will immer mehr in den Hintergrund treten" (Johannes 3,30). Ein Ausspruch von einem ziemlich schrägen Typen, der ohnehin nur wilden Honig aß und ein unbedeutendes Dasein in der Wüste fristete. Wachsen, größer werden, bekannter und einflussreicher - das hatte sich Johannes der Täufer nicht auf die eigene Fahne geschrieben. Er wünschte es einem Anderen, dem nach ihm Kommenden, dessen Weg er bereitete. Damit sich die öffentliche Aufmerksamkeit zukünftig ganz allein auf den, der auf ihn folgen sollte, konzentrieren konnte, war der gute Junge bereit, alles aufzugeben, in den Schatten zu treten. Er stellte seinen Ruf und seinen persönlichen Erfolg ganz hinten an, es ging ihm nicht darum gesehen zu werden, sondern Jesus den Weg zu ebnen, alle Augen auf ihn zu richten, ihm alle Aufmerksamkeit zu schenken und die Menschen auf den größten Plot-Twist der Weltgeschichte vorzubereitren.

Very important?!
Bei uns ist es häufig umgekehrt. Wir plustern unser Ego auf und wollen groß herauskommen... Unsere Social-Media Kanäle strotzen von Selbstverliebtheit und Egoismus, wir setzten uns ins Licht und zeigen uns von unserer besten Seite. Wir setzten uns Masken aus Perfektion auf, setzten uns in Szene. Oft auch, indem wir andere dazu runter machen. Der Mensch strebt nach Bedeutung, will Karriere machen und Schlüsselfunktionen besetzen. Arbeitskraft, Angestellter, Chef. Vom Niemand zum Jemand. Man rackert sich hoch, in die Richtung, aus der das größere Gehalt winkt, die größere Macht und das größere Ansehen. Wer als "very important person" in den Talkshows der Fernsehsender Platz nehmen darf, hat gewonnen. Wer als Social-Influencer Millionen Follower auf der ganzen Welt hat die zu einem hochschauen, und die angesagtesten Trends setzt, hat es geschafft.
Aber es gibt auch die anderen, bei denen es bergab geht. Früher standen sie ganz oben, waren Profis, heute sind sie Mittelmaß. Früher waren sie Producer, heute sind sie Faker. Degradiert, pensioniert. Weggemobbt und ausgedient. Die meisten versuchen, wenigstens den Status quo zu halten - aber freiwillig die Erfolgsleiter nach unten steigen? Darüber denken wir nie nach. Alles oder nichts. Wir verbeißen uns, klammern uns fest an dem, was bleibt. Aber ist das das Leben, für das Gott uns erschaffen hat?

Größe zeigen durch Demut
Bei Johannes dem Täufer war das anders. Abnehmen. Zurückschrauben. Johannes besaß diese Einstellung und ging vor Jesus her. Geradlinig bis in den Kerker. Bis der Henker mit dem Schwert kam und ihn aufforderte, seinen Kopf still zu halten. Ob er sich sein Ende so vorgestellt hatte? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass er im Sich selbst zurück nehmen ein ganz Großer war, so groß, dass Jesus selbst ihn einmal als den Größten bezeichnete, der jemals wurde (vgl. Matthäus 11,11). Er machte sich selbst klein, und war doch der Größte. Irgendwie kurios oder? Offensichtlich hängt geistliche Größe mit Demut zusammen.
Sich selbst zurückzunehmen, und Gott an erste Stelle zu setzten entspricht auch dem Vorbild Jesu, der "sich selbst entäußerte" und "die Gestalt eines Knechtes annahm" (vgl. Philipper 2,7). Er machte sich selbst zum Diener Gottes Liebe und doch war er am Ende derjenige, der die Welt verändert hat, wie nie ein anderer. Dienen. Sich beugen und für den Nächsten da sein. Das sind die Prinzipien, die in Gottes Reich herrschen. Wer dort groß sein möchte, muss ein Diener werden (vgl. Matthäus 23,11).

No filter
Ich glaube, dass wir - so als Spezies Mensch allgemein - sehr oft dazu neigen, aus falschem Aktionismus und einer Ich-schaffe-das Mentalität heraus Gott hochmütig zu begegnen. Wir streben nach Erfolg und Anerkennung in allen Bereichen des Lebens, aber verfolgen dabei nur unsere eigenen egoistischen Ziele. Wir planen unser Leben aber gehen es ohne Gott an. Alles alleine und aus eigener Kraft heraus bewältigen zu wollen klammert unseren Schöpfer aus. Wir brauchen ihn nicht - hat ja bisher auch immer mehr oder weniger geklappt. Unzulänglichkeiten und um Hilfe bitten sind gesellschaftlich keine Eigenschaften, mit denen man sich hervortut. Immerhin kratzt das ja an dem schönen Bild, das wir von uns gebastelt haben: von dem Power Typen, der Power Frau, die keine Schwächen zeigen und den perfekten Lifestyle leben - und das mit links! Oder dem Studenten, der in seinem Studium voll aufgeht, nebenher noch Geld verdient und natürlich noch genug Zeit für ausgiebiges Lernen und gute Noten hat. Oder, oder, oder...
Aber was, wenn diese Fassade irgendwann anfängt zu bröckeln? Wie sehen wir schon aus ohne die ganzen Filter?
Anzuerkennen, dass wir eigentlich vollkommen von Jesu großer Gnade abhängig sind und ohne sie nichts tun können, fällt schwer. In seinem Gleichnis vom Weinstock sagt Jesus uns ganz direkt, dass wir ohne ihn nichts tun können. Nicht nur wenig oder ein bisschen, sondern nichts: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun" (Johannes 15, 5).

Verändert in sein Bild
Was hat das nun mit Demut zu tun? Paulus schreibt in seinem Brief an Jakobus: "Den Demütigen gilt seine Gnade" (vgl. Jakobus 4,6).
Ich glaube, ohne unsere eigene Unfähigkeit anzuerkennen, wenn es darum geht, uns selbst von unseren Fehlern zu befreien, das Leben zu meistern, werden wir nie den vollen Reichtum Gottes überlaufenden Gnade begreifen. Ohne uns erst zu demütigen, zu sagen, ich kann nichts ohne die große Gnade Gottes erreichen, können wir die volle Gnade gar nicht ausschöpfen. Gnade in dem Maß, dass Jesus in uns immer mehr Raum gewinnen kann, je kleiner und unwichtiger unser eigenes Ego wird. "Jesus soll immer wichtiger werden, und ich will immer mehr in den Hintergrund treten" (Johannes 3,30).
Ich werde als Christ nie perfekt sein, werde als Jesus Nachfolger nie so werden können wie er, werde Zeiten haben, in denen ich weiter nach meinem eigenen Erfolg streben wollen werde, und werde immernoch Fehler machen. Aber um anzuerkennen, dass das jetzt alles nicht mehr an erster Stelle meines Lebens steht, weil dieser Platz Jesus gebührt, dazu musste mir Gott erst eine ziemlich Portion Demut und Dienstwilligkeit verleihen, und das im Eilverfahren! Und fertig ist er mit mir bestimmt noch lange nicht...
Letztendlich durfte ich aber so viel gewinnen: Eine ganz neue Perspektive auf die wunderbare Gnade, die Gott uns schenkt. Die Gewissheit, dass ich immer aus der seiner großen Kraft leben darf, wenn mir gerade mal wieder alles über den Kopf wächst. Und die Ruhe, dass es im leben um so viel mehr geht, als nur Karriere und VIP Status.

Am Ende bin ich nichts lieber als sein Follower! Ich bin wirklich überreich begnadigt und gesegnet. Und dies anzuerkennen macht mich tatsächlich demütig, denn verdient habe ich es nicht.

Be blessed
Manuel





Bildquelle: https://lviewer.com/youversion

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