Zur Freiheit berufen (TDW 39/2018)

Lesedauer: 6min

Zwischen leeren Werbeversprechen und lebensverändernden Sommernächten

Alle wollen es und doch weiß keiner so richtig, was das eigentlich bedeutet: Frei sein. - Eine Annäherung an einen vielschichtigen und unglaublich transformierenden Begriff.
Lies bitte zuerst: Galater 5, 13-14

Hey du,
was haben ein Auto, ein Eistee und ein Smartphone gemeinsam? Die Freiheit natürlich - zumindest, sofern man der Werbung glaubt: Beim Ford B-Max war es "Die neue Freiheit, ohne Barrieren", bei Nestea die "Freiheit nach deinem Geschmack" und die Telekom bot Freiheit unter dem Motto "Das Wie-Ich-Will-Prinzip" beim Handyvertrag an. Freiheit ist heutzutage etwas ganz Wichtiges und kommt fast überall als Stichwort vor. Aber was genau ist Freiheit eigentlich?
Es ist gar nicht mal so einfach, die Antwort auf diese Frage klar in Worte zu fassen. Und je nachdem, in welchem Zusammenhang man nach der Freiheit fragt, wird die Antwort unterschiedlich ausfallen. Vermutlich würden die meisten aber bei drei Stichworten zustimmen können, die Freiheit ausmachen:

Wahlmöglichkeiten, Grenzenlosigkeit und Selbstverwirklichung
Wir haben heutzutage zumindest in unserer westlichen Zivilisation die Freiheit, Entscheidungen für unser eigenes Leben zu treffen. Wir haben Wahlmöglichkeiten, z.B. bei unserer Zukunft: Wir können heute zwischen 18.000 Studiengängen wählen. Oder vielleicht doch eine Ausbildung machen? Das ist Freiheit. Früher war das festgeschrieben. Wenn dein Vater Elektriker war, dann stand fest, dass du auch Elektriker wirst. Punkt. Kein Kopfzerbrechen darüber, was der perfekte Beruf für dich ist. So könnte man jetzt alle Lebensbereiche durchgehen. Partnerschaft, Lebensart, Religion: Alles steht zur Wahl. Freiheit kann aber auch Grenzenlosigkeit bedeuten. Egal, ob reale Grenzen oder Mauern, die nur in unseren Köpfen existieren: Es darf keine Grenzen geben, die unsere Freiheit einschränken. So weit wie eben möglich. Dahinter steht das Credo: Verwirkliche dich selbst! Mach aus dir das, was du willst! Gehe wohin du willst! Lebe, wie du es willst! Und hier schließt sich der Kreis zum ersten Stichwort: Wie und was du verwirklichst, darfst du selbst wählen. Du hast ja alle Möglichkeiten.

Bedingungslose Freiheit?
Das alles hat viele positive Seiten, die wir tagtäglich genießen. Ich wette, keiner von uns will, dass unsere Eltern uns unsere Freunde, unseren Beruf oder unseren Wohnort vorgeben. Viel zu unfrei... Wir streben als Generation ständig nach Bedingungsloser Freiheit. Wir tun uns schwer uns festzulegen, wollen uns nicht mehr binden, denn all das würde ja Einschrängkungen, also Unfreiheiten bedeuten. Aber kommen wir damit wirklich weiter? Bedingungslose Freiheit wird problematisch, sobald es um Beziehungen zu anderen Menschen oder um konkrete Entscheidungen geht. Beides setzt uns nämlich notwendigerweise Grenzen. Wenn wir uns dazu entscheiden mit unseren Freunden ins Kino zu gehen verbauen wir damit all die anderen Möglichkeiten, wie wir unseren Nachmittag gestalten könnten. Oder die Entscheidung für meine Freundin. Wenn ich ja zu der Beziehung zu ihr sage, dann bedeutet das, Zeit und Kraft zu investieren, für sie da zu sein und sie so zu lieben, wie sie ist. Und wenn ich mich für sie entscheide entscheide ich mich gleichzeitig auch gegen all die anderen wunndervollen Frauen. Ich schränke mich in meiner Freiheit ein.
Klar, ich kann mich entscheiden Sonntags lieber auszuschlafen und in den Abendgottesdienst zu gehen. Wenn aber alle meine Freunde morgens um 10 Uhr zum Gottesdienst gehen und am Nachmittag zusammen etwas unternehmen, passt das nicht zu meiner Freiheit. Ich habe jeden Tag die Wahl: das machen, worauf ich Lust habe und dafür alleine, aber ausgeschlafen den Tag verbringen - oder Freundschaft leben. Vielleicht ein banales Beispiel, aber es soll zeigen: Wenn ich einfach nur knallhart "mein Ding" durchziehe, dann bleiben Beziehungen auf der Strecke. Grenzenlose Freiheit zur Selbstverwirklichung auf die Spitze getrieben mündet in Vereinzelung. Inwiefern dies möglich und lebenswert ist, steht auf einem anderen Zettel...

Decisions, desicions...
Genauso ist es mit unseren Entscheidungen. Etwa bei der Berufswahl. Sobald wir uns für den einen Berufsweg entscheiden, entscheiden wir uns gegen alle anderen. Ich stande vor ein paar Monaten vor der Entscheidung, ob ich lieber Theologie oder Geowissenschaften studieren will. Ich stand an einer Weggabelung und konnte mich nur für einen Weg entscheiden. Und diese Entscheidungen zwischen mehreren Möglichkeiten treiben mich regelmäßig in den Wahnsinn. Denn: Schlimmer, als keine Entscheidung zu haben, ist entscheiden zu können und im Nachhinein zu denken: "Hätte ich doch lieber das andere gemacht." Da wird die Möglichkeit zu wählen schnell zur Qual - und zu einem Zwang, dem wir uns nicht entziehen können: Du musst wählen. Man könnte jetzt ja sagen: In dem Fall habe ich die größte Freiheit dann, wenn ich keine Entscheidung getroffen habe und vor der Weggabelung sitzen bleibe. Mir quasi weiterhin alle Möglichkeiten offenhalte. Aber so funktioniert es eben nicht. Das Leben läuft weiter und "keine Entscheidung" ist eben auch eine Entscheidung - in diesem Fall dafür, keinen Beruf zu erlernen oder den zu nehmen, der am Ende noch übrig bleibt, nachdem sich alle anderen Türen aufgrund meines Alters, meiner Qualifikation oder meines Lebenslaufs geschlossen haben. Ganz schön widersprüchlich oder? Gebrauche ich meine Freiheit zu wählen, um eine Entscheidung zu treffen, dann löse ich gleichzeitig meine Freiheit auf und gebe sie weg. Wähle ich nicht, verliere ich meine Freiheit, weil ich zulasse, dass für mich entschieden wird. Sei es nun in Beziehungen oder Entscheidungen:
Grenzenlose Freiheit ist letztendlich ein Ideal, das an der Realität scheitert. 
Was kann ich dann von der Freiheit überhaupt erwarten?

Befreit von was?
Wenn wir über Freiheit reden, dann ist die Frage wichtig: "Befreit von was?" Vielleicht befreit von Zwängen. Niemand darf uns zwingen, einen gewissen Beruf auszuüben oder eine bestimmte Partei zu wählen. Oder von Grenzen. Wir dürfen auf die Malediven reisen ohne an Grenzen zu scheitern...
Und aus christlicher Perspektive? Wovon hat uns Jesus befreit?
Bei den meisten ploppt auf diese Frage wahrscheinlich das Wort "Sünde" im Kopf auf. Aber was ist Sünde? Böse Taten? Sind es also vielleicht gute Taten, die die Seele frei machen? Ich behaupte: Nein! Es geht nicht um Taten. Jesus ist nicht gestorben und auferstanden, damit wir fähig sind,  moralisch besser zu handeln. Das ist wie mit coolen Klamotten. Du kannst zwar damit Eindruck erwecken, aber egal was du anziehst, es wird deinen Charakter nicht verändern. Wenn du gemein oder hinterlistig bist, werden auch die hipsten Kleider nichts daran ändern.

Free to be
So auch beim Menschen: Nichts kann uns von außen gut machen. Aber Gott kann von innen Veränderung in uns bewirken. Jesus hat durch seinen Tod die Macht unserer Fehler gebrochen. Sie haben keinen Einfluss auf uns mehr. Das ist viel grundsätzlicher. Wir sind geliebt von Gott und dürfen ihm nahe sein. Unabhängig von unseren Taten. Es geht nicht mehr darum irgendwelche frommen To-Do Listen abzuarbeiten, um geliebt zu sein, sondern darum, einfach zu sein. Befreit von der Abhängigkeit sich beweisen zu müssen. Wir sind free to be. Das bedeutet Freiheit. Es ist die Freiheit, Gutes tun zu wollen und sich an Gott binden zu wollen, weil wir erkannt haben, dass in ihm wirkliche Freiheit liegt.
Das klingt widersprüchlich - Liebe als eine Beziehung die uns abhängig macht und uns gerade dadurch befreit. Aber lass mich dir das an der Beziehung von einem Kind zu seinen Eltern erklären: Einem Kind, das sich von seinen Eltern vollkommen geliebt weiß, fällt es leichter, sich nicht von der Meinung seiner Klassenkameraden abhängig zu machen, wenn diese ihm seinen Wert absprechen wollen. Es ist also frei von ihrer Annahme, ihrer Zuwendung, ihrem Zuspruch, weil es das alles bereits hat. Es kann der Mensch sein, der er/sie wirklich ist, weil dieses Kind seinen Wert nicht durch die anderen, sondern durch die grenzenlose Liebe seiner Eltern zu ihm definiert. Und gleichzeitig ist es damit an die Liebe der Eltern gebunden - oder beschenkt?

Befreit für was?
Beim Thema Freiheit spielt noch eine zweite Frage eine wichtige Rolle: "Befreit für was?" Vielleicht für die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung oder zur uneingeschränkten Entscheidungsfreiheit. Wir sind frei, um das aus uns zu machen, was wir wollen. In Galater 5,13 findet sich eine etwas andere Bestimmung: "Durch Christus seid ihr dazu berufen, frei zu sein, liebe Brüder und Schwestern! Aber benutzt diese Freiheit nicht als Deckmantel, um eurem alten selbstsüchtigen Wesen nachzugeben. Dient vielmehr einander in Liebe." Wir sind sind also befreit, um einander in Liebe dienen zu können. Das klingt erstmal nicht allzu spannend und "frei", sondern eher wieder nach einem moralischen Appell. Ich musste dabei an eine Passage aus dem Roman "Les Miserables" denken. Eine der Hauptfiguren, Jean Valjean, klaut als junger Mann ein Brot und kommt dafür für 19 Jahre ins Gefängnis. Als er freikommt, ist er gesellschaftlich als Verbrecher gebrandmarkt und dazu völlig mittellos. Ein Bischof nimmt Jean Valjean trotzdem bei sich auf, bietet ihm eine Übernachtungsgelegenheit an und gibt ihm zu essen. Jean Valjean nutzt dies jedoch aus. Er sammelt in der Nacht das ganze Silberbesteck zusammen und flüchtet. Ziemlich mies. Die Polizei erwischt ihn prompt und bringt ihn noch in derselben klaren Sommernacht zurück zum Bischof. Wie würdest du in dem Moment reagieren?

Free 'cause love
Der Bischof entscheidet sich für eine überraschende Wendung. Er sagt: "Da sind Sie ja. Das freut mich. Wieso haben Sie meine silbernen Leuchter nicht mitgenommen? Die habe ich Ihnen doch auch geschenkt." Jean Valjean und die Polizisten sind total verdutzt. Anstatt Gerechtigkeit zu fordern, nämlich dass der Verbrecher wieder eingebuchtet wird und der Bischof seine Silbersachen zurückbekommt, hilf der Bischof seinem Dieb und erweist ihm darin Liebe und Gnade. Jean Valjean wird laufen gelassen, weil er ja doch nichts gestohlen hat. Er hat nun das Geld und eine zweite Chance, um sich ein neues Leben aufzubauen. Diese Geschichte ist für mich ein gutes Beispiel für Freiheit. Dieser Bischof ist frei. So ein Verhalten kann man niemandem befehlen. Hätte er Gerechtigkeit gefordert, wäre das vollkommen in Ordnung gewesen. Aber der Bischof weiß sich so sehr von Gott geliebt und versorgt, dass er sich um sich selbst keine Sorgen mehr machen muss und auf die Bedürfnisse der anderen schaut. Die Liebe Gottes setzt ihn frei, damit er sich Jean Valjean in Liebe zuwenden kann. Vielleicht hast du das mal ähnlich erlebt? Du hast dich für jemand anderes eingesetzt, jemandem geholfen und dabei diese Freiheit gespürt. Dabei hast du gar nicht an dich gedacht, sondern warst voll beim anderen. Was für ein unglaublich erfüllendes Gefühl! Das kann man nicht erzwingen, dafür braucht man die innere Freiheit, sich hinzugeben und zu wissen, dass wir als Kinder Gottes bedingungslos geliebt sind. Und egal, was wir tun, nichts kann uns von seiner Liebe trennen. Und in dieser Freiheit können wir uns freiwillig binden, können lieben und befreit leben!
Freiheit aus christlicher Perspektive meint also in erster Linie, sich von Gottes Liebe beschenken zu lassen. 
Freiheit und Liebe gehören zusammen. Je mehr uns diese unglaubliche Liebe berührt und befreit, desto mehr werden wir sie in Freiheit anderen verschenken. Selbst da, wo wir auf vermeintliche Grenzen stoßen.

Freue dich, denn du bist wahrhaftig frei!

Be blessed
Manuel


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Bildquelle: https://lviewer.com/youversion/

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